Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 10 / Feuilleton

Das Musterkind bewältigen

In Eisenhüttenstadt bespielen die Künstlerinnen von »Endmoräne« ein ehemaliges Kinderwochenheim

Von Pia Rosenbaum
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Nummerologien in der einstigen sozialistischen Musterstadt: »Es war leise« von Kerstin Baudis

»Das Raster auf dem Ast da, das ist ja schon unfassbar. Doch Gaby aus Musterstadt ist einfach musterhaft!« Man könnte Gunhild Kreuzer stundenlang zuhören, so absurd wie komisch reiht sie Sätze wie diesen zu einer Geschichte aneinander im ehemaligen »Kinderwochenheim« im Wohnbezirk II in Eisenhüttenstadt. Wie sie sich dort als Kind in der weiß gekachelten Küche ihre Lieblingsköchin auswählte. Dass sie der Albtraum aller anderen Kinder gewesen sei und nachts abgehauen, um ins Bett der Mutter zu schlüpfen. Fünf Minuten dauert Kreuzers Performance in der diesjährigen Sommerausstellung der Künstlerinnen vom Verein »Endmoräne«, die seit 1991 verlassene Orte im erweiterten Berliner Umland mit Kunst bespielen. Fünf Minuten, in denen Kreuzer diese Ausstellung auf den Punkt bringt: mit den Augen eines Kindes die Vergangenheit der am Reißbrett entworfenen Stadt wiederzubeleben.

Eisenhüttenstadt hieß früher »Stalinstadt«, was aber für Endmoräne keine Rolle spielt, und wurde als Wohnort für die Arbeiter des 1951 in Betrieb genommenen Eisenhüttenkombinates gebaut. Ein Raster zieht sich durch viele Arbeiten der 18 Künstlerinnen: Alles musste seine Ordnung haben im Kinderwochenheim, in dem von 1953 bis zum Ende der DDR Kinder bis zu sechs Jahren untergebracht werden konnten, wenn ihre im Eisenhüttenkombinat arbeitenden Eltern das so wollten: Die Kinder wurden Montags abgegeben und Freitags wieder abgeholt.

Frauke Danzer hat rote Kinderfüße aus Kautschuk wie zu einem Appell aufgereiht, Patricia Pisani Sandeimer geometrisch angeordnet und Kerstin Baudis Zahlen auf die Fußbodenfliesen eines ehemaligen Waschraums gemalt. »Es war leise«, ist ihre Arbeit betitelt, die durch einen geöffneten Karteikasten mit Karteikarten ergänzt wird.

Mit Eisenhüttenstadt sollte die »erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden« entstehen. Tausende junge Familien kamen, um dort zu arbeiten und zu leben. SED-Chef Walter Ulbricht ließ die ersten Häuser, die noch im Bauhausstil errichtet worden waren, umbauen. Sie waren ihm zu klein und schlicht, die neue Stadt sollte »Ausdruck des wachsenden Reichtums der Arbeiterklasse sein«. In Gunhild Kreuzers Performance wird aus dem kleinen Mädchen eine Modellhausbauerin. Was soll aus einem Kind, aufgewachsen in einem Musterkinderwochenheim in einer Musterstadt, sonst werden?

Stadtsoziologisch fühlt man sich in dieser Ausstellung immer wieder an eine andere Musterstadt in Westdeutschland erinnert: Wolfsburg. Von den Nazis 1938 als »Stadt des KdF-Wagens« gegründet, wurde dieser Ort nach 1945 umbenannt und zur modernen Stadt – initiiert von der britischen Besatzung. Im Faschismus hatte es dort nur Baracken für die Arbeiter gegeben, gruppiert um die neue Autofabrik, die entgegen der Propaganda nicht Fahrzeuge »für alle«, sondern für das Militär produzierte, auch mit Gefangenen aus zwei KZ. Mit dem Erfolg von VW durch den »Käfer«, wie der »KdF-Wagen« nun hieß, wurden für die Arbeiter zwei- und später dreistöckige Häuser gebaut, Garten- und Landschaftsplanung inbegriffen, wie in Eisenhüttenstadt.

Dort steht im früheren Aufenthaltsraum der Erzieherinnen des Kinderwochenheims an einer Wand: »Alles gut«, in Knallrot. Die Künstlerin Katrin Glanz hat das hingeschrieben und ehemalige Wochenheimkinder, Angestellte und Verwandte gebeten, an die Wände zu schreiben, wie es war. »Es gibt kein Entrinnen«, lautet ein Kommentar zur Geschichtsaufarbeitung.

Bis 1. Juli, jeden Samstag und Sonntag von 13-18 Uhr. Erich-Weinert-Allee 4, Eisenhüttenstadt

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