Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Leben und Sterben für die Utopie

Peter Weiss und die »Ästhetik des Widerstands«

Von Enno Stahl
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Widerstand der unterdrückten Massen »gegen die Gewalten, die ihnen immer wieder nehmen wollten, was sie sich erkämpft hatten.« Detail des Pergamon-Altars

Vom 7. bis zum 9. Juni diskutierten Schriftsteller, Gewerkschafter und Gesellschaftswissenschaftler im Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt in Dortmund über die »Literatur in der neuen Klassengesellschaft«. Es handelte sich um die vierte Veranstaltung der 2015 begonnenen Reihe »Richtige Literatur im Falschen«. Wir dokumentieren den Vortrag der Schriftstellers Enno Stahl. (jW)

Vielleicht ist es aussichtslos, im schmalen Zeitfenster eines Kurzvortrags Peter Weiss’ Monumentalroman »Die Ästhetik des Widerstands« behandeln zu wollen. Ich wage es dennoch, da es mir hier um ein sehr spezielles Wahrnehmungsdispositiv zu tun ist, nämlich um die historisch-politische Dimension der Gesellschaftsanalyse in dem Roman – auch dies kann selbstredend nur sehr kursorisch behandelt werden. Wobei man sagen muss, dass Peter Weiss oder sein erzählerisches Ich im Roman sich nicht allzu sehr mit der Bourgeoisie oder dem Faschismus aufhalten, um etwa ein gesamtgesellschaftliches Panorama zu zeichnen, die Klassenstruktur in Gänze abzubilden, sondern im Fokus des Interesse stehen einzig und allein die Strukturen und Kämpfe der Arbeiterbewegung vornehmlich in der Zeit zwischen 1937 und 1945.

In Sonderheit wirft Weiss in diesem Roman (dafür steht schon der leicht doppeldeutige Titel: entweder das Ästhetische des Widerstands oder aber der Widerstand mit den Mitteln der Ästhetik) die Frage auf, wie politischer Kampf und ästhetische Betrachtungen miteinander verbunden, in ein produktives Verhältnis gebracht werden können.

Bereits der Beginn des Romans demonstriert das paradigmatisch, er inszeniert eine sprachlich aufs äußerte verdichtete Beschreibung und Deutung des Pergamonaltars, hin aufs Weltgeschehen gewendet, sperrig und absatzlos wie der gesamte Roman. Betrachtet und diskutiert wird das antike Relikt von einigen bildungshungrigen Arbeitersöhnen, unter denen sich reale Personen befinden wie die von den Nationalsozialisten als Mitglieder der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe ermordeten Hans Coppi und Horst Heilmann. Das ist kein Zufall, der Roman wird von zahlreichen Personen bevölkert, die es wirklich gegeben hat, dem Berliner Sozialarzt Max Hodann etwa oder Bertolt Brecht, die Weiss auch persönlich kennengelernt hatte. Bei der Arbeit am Buch hatte der Autor intensiv über kommunistische Widerstandskämpfer geforscht, hatte Überlebende oder Angehörige interviewt, um den Realismus der Darstellung zu erhöhen, wie er in seinen Notizbüchern verrät: »Die Gespräche geführt nach dem Gesichtspunkt, dem Roman breiteste Realität zu geben«.1 Das meint aber nicht, dass Weiss versucht hätte, diese Figuren getreu ihren realen Vorbildern zu entwerfen, vielmehr hielt er fest: »Ich benutze die authentischen Namen im Roman als Chiffren. [kursiv im Original]«2

In dem Sinne sind Coppi, Heilmann, Hodann hier vorrangig literarische Figuren, die den Bedeutungsabsichten des Romanrealismus unterworfen werden.

Weiss hat sein zugrundliegendes Motiv in den Notizbüchern klar umrissen: »Hier ist die Rede von einer Ästhetik«, heißt es da, »die nicht nur künstlerische Kategorien umfassen will, sondern versucht, die geistigen Erkenntnisprozesse mit sozialen u pol. Einsichten zu verbinden – Kämpfende Ästhetik«3, dies also die programmatisch gefasste Devise, der auch und gerade die »Ästhetik des Widerstands« verpflichtet ist. Der Roman will demgemäß einen eigenständigen Beitrag zum Klassenkampf leisten – was er, wie die Rezeption zeigte, bis zu einem gewissen Grad auch einlöste.

Daher sind bei der Analyse zwei Dimensionen, zwei Phasen zu bedenken: Einmal das, was der Roman thematisiert, mithin die Zeitspanne von etwa 1937 bis 1945. Zum anderen das, was der Roman praktiziert und in der Folge seiner Publikation 1975–1981 anstößt.

Der eigentliche Inhalt in der »Ästhetik des Widerstands« ist die Darstellung des kommunistischen Widerstands, der – anders als in der DDR – in Westdeutschland bis dahin nur wenig wahrgenommen worden war. Bis heute steht dieser Teil des antifaschistischen Kampfes deutlich im Schatten des Gedenkens an den Widerstand der »Weißen Rose« oder den der Offiziere. Aber die »Ästhetik des Widerstands« ist nicht nur das: Sie erzählt ganz allgemein, wie die Arbeiterbewegung in diesen schickalshaften Jahren zwischen Stalinismus und Faschismus aufgerieben wurde. Sie liefert zudem Material zu einer Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs, aus Sicht deutscher Brigadisten, auch wirft das Buch immer wieder Schlaglichter auf die Geschichte Schwedens, auf die Situation der Linken dort, den schweren Stand der kommunistischen Emigranten aus Deutschland zumal.

Weiss’ Text ist in seinem Duktus ein fast kassandrahafter Monolog, jedoch in umgekehrter Prophetie als deutende Rückschau, die zu bewerten versucht, was bestimmte Ereignisse und Entscheidungen zu bedeuten hatten, wo welche Fehler gemacht wurde. Basis dafür sind umfangreiche historisch-kritische Reflexionen, die sich in Weiss’ Tagebuchnotizen häufig niederschlagen: »Woher kam die katastrophale Fehlbeurteilung der polit. Situation Anfang der 30er Jahre? 1932 über 6 Mill. Arbeitslose in Deutschl. Das Land Jahrzehnte zurückgeworfen in seiner Entwicklung. Ungeheure Schwächung der Kampfkraft des Industrieproletariats. Auch die Gegensätze zw. der Sozialdemokr. u der Komm. Partei hatten die Arbeiterbewegung geschwächt. Die Politik der Kommunisten u der Sozialdemokraten in gleicher Weise vernichtend.

Sie waren einfach ›farbenblind‹. Die Bezeichnung der Sozialdemokraten als ›Hauptfeind‹ von Seiten der Kommunisten. Konnten nicht unterscheiden zw. Brüning u Hitler. Nur Trotzki sah die Situation richtig. In seiner Schrift ›Was tun?‹ schrieb er warnend, dass der Faschismus die gewerkschaftliche Arbeit eines Dreiviertel-Jahrhunderts ausrotten würde. Einen Ausweg aus dem Dilemma aber konnte er auch nicht zeigen. Doch hatte recht, wenn er sagte: ›Auf die Straße gehen mit der Parole: Nieder mit der Regierung Brünig/Braun, wenn die Kräfteverhältnisse nur zulassen, dass dann die Regierung Hugenberg/Hitler ans Ruder kommt, das ist Abenteurertum!‹«4

Die unselige Sozialfaschisten-Kampagne der KPD, der Kommunistenhass der Mehrheitssozialisten – sie kommen in der »Ästhetik des Widerstands« selbst zur Sprache, am Beispiel des (nicht nur fiktiven) Vaters des (nicht nur fiktiven) Erzählers markiert der Autor den überparteilichen Versuch, die linke Arbeiterschaft vereint zu halten: »Menschen wie meine Eltern, wie Coppis Eltern, waren früher überall in der arbeitenden Bevölkerung zu finden, sie waren, ihrer Haltung nach, Internationalisten, sie standen, ob Sozialdemokraten oder Kommunisten, außerhalb der Parteifehden und traten, während über ihre Köpfe hinweg die entscheidende Politik geführt wurde (…), ideologisch immer das Gemeinsame anstatt das Trennende suchend, für ihre Überzeugung ein.«5

Das Spaltende dagegen überwog bekanntlich, und nicht nur in Deutschland, auch in Schweden, dem Land seines Exils, diagnostizierte Weiss eine unproduktive Frontstellung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, die, sich in Tagesstrategien verzettelnd, den Volksfrontgedanken längst aufgegeben hatten. Die Arbeiterbewegung sah er dadurch erheblich geschwächt: »Während die Sozialdemokratie die Entpolitisierung ihrer Mitglieder förderte, hielt die Kommunistische Partei die ihren durch überalterte Glaubenssätze zurück. Wir hatten die Diktatur des Proletariats durch eine Bündnispolitik ersetzt. Sowohl die Arbeit im deutschen Untergrund, als auch in Spanien, hatte uns gezeigt, dass der Charakter der Kampffront nicht nach bestimmter Klassenzugehörigkeit, sondern nur nach bezeugter Stellungnahme ermessen werden konnte.

Wenn wir von Klassenbewusstsein sprachen, so meinten wir damit unsern Anschluss an die am meisten Unterdrückten und unsre gemeinsame Auflehnung gegen die Mechanismen der Ausbeutung.«6

Dem – wie der Geschichte gezeigt hat – weitaus mächtigeren Feind als dem Faschismus, dem Kapitalismus, war so nicht beizukommen – er ist, wir kennen dieses Phänomen aktuell nur zu gut, jederzeit in der Lage, durch eine weltweite Konjunkturkrise eine entzweite Arbeiterschaft zu entmachten: »Die Arbeitslosigkeit würde sie schnell zermürben, gefügig machen zur Unterwerfung. Zugrunde gerichtet wurden die kleineren und mittleren Händler und Sparer, Firma kämpfte gegen Firma, Monopol gegen Monopol, Konzern gegen Konzern, Trust gegen Trust, bis nur die Stärksten, die Konkursmassen billig aufkaufend, übrigblieben. Und die Leiter der Arbeiterparteien, verblendet in ihrer Uneinigkeit, gaben dem Imperialismus noch einmal eine Frist, dass er sich erholen und rüsten könne zur höchsten Möglichkeit der Ausplünderung, dem Krieg.«7

Die seitenlang sich hinziehende, sehr bedrückende Hinrichtungsszene der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe ist im Roman so etwas wie das Menetekel der Niederlage der Arbeiterbewegung, denn – obwohl die Ermordung der Widerstandskämpfer ja schon 1942 erfolgte, der Krieg sich noch drei schreckliche Jahre hinzog, strebt die Erzählung hernach zügig ihrem Ende entgegen. Schon bald wird der Nationalsozialismus besiegt sein und es kommt zur neuen Konfrontation: »Das Gelächter, die Friedensgesänge waren noch nicht verklungen, als Kapitalismus und Sozialismus einander gegenübertraten.«8

Der Kalte Krieg werde beginnen, so fabuliert der Erzähler in eine Zukunft hinein, die längst Peter Weiss’ und des Lesers Vergangenheit ist, es würde »nur das Gefühl des stockenden Atems, der Machtlosigkeit übrigbleiben. (…) Nicht von unten, vom Willen der geprüften Menschen her, sondern von oben, von den Zentralen der mächtigen Sieger, würde die Entwicklung bestimmt werden.

Wir würden sehen, wie der Sozialismus erbaut wurde dort, wo es keine Bereitschaft dafür gab, wo finstere politische Rückständigkeit herrschte, während in den Ländern, in denen die kommunistischen Parteien erstarkt und die Bevölkerung auf seiten der antifaschistischen Kräfte stand, der Boden für den Einzug der Streber und Spekulanten bereitet wurde.«9

Mit dieser neuen Weltordnung, präsupponiert Weiss’ Protagonist, seien die revolutionären Bewegungen entscheidend geschwächt worden, sie wurden im Krieg gegen den Nationalsozialismus gleich mit erledigt: »[Mit den Faschisten wurde Nachsicht geübt. Sie wurden als Verbündete gebraucht. Ihr Ziel war das gleiche gewesen, das der Westen jetzt verfolgte. Gemeinsam würden sie antreten können zum Kampf gegen den Kommunismus.] Das Hinterland war gesäubert worden von denen, die gegen den Faschismus gekämpft hatten. Sie, die den neuen Herren, den Weg geebnet hatten, waren verhöhnt, abgeschlachtet worden.«10

Dennoch ist für Weiss die Arbeiterbewegung damit noch lange nicht am Ende: »Und wenn es auch nicht so werden würde, wie wir es erhofft hatten, so änderte dies doch an den Hoffnungen nichts. Die Hoffnungen würden bleiben. Die Utopie würde notwendig sein. (…) Der Drang zum Widerspruch, zur Gegenwehr würde nicht erlahmen.«11

Diese Vorstellung fasst der Autor zum Abschluss des Romans in eine große geschichtsphilosophische Metapher, mit der er zugleich wieder an den Anfang des Buches zurückkehrt, zum Fries des Pergamonaltars. Den dort dargestellten Kampf der »Söhne und Töchter der Erde«, der griechischen Götter, die ja Kinder der Erdmutter Gaia waren, deutet er nun um zum Widerstand der unterdrückten Massen »gegen die Gewalten, die ihnen immer wieder nehmen wollten, was sie sich erkämpft hatten.«12 Und der Erzähler imaginiert in diesem Weltenkampf die Gesichter seiner Eltern und seiner Jugendfreunde Coppi und Heilmann, mit denen das Buch begonnen hatte.

Der Kampf ist also nicht vorbei, er wird nie vorbei sein, das ist die Botschaft der »Ästhetik des Widerstands«, und schon deshalb kann man sagen, dass die darin erstrebte »kämpfende Ästhetik«, die Erkenntnisprozesse, wie oben zitiert, mit sozialen und politischen Einsichten zu verbinden sucht, aufgeht.

Das erwies erst recht die rezeptive Praxis. Während das Buch (nach Erscheinen des ersten Bands) von seiten der bürgerlichen Presse starke Ablehnung erfuhr und vielfach als »Gesinnungsästhetik« abgetan wurde13, debattierte die Linke das Werk – trotz und wohl auch wegen seiner dem Staatssozialismus gegenüber nicht unkritischen Haltung – sehr lebhaft.

Eine Art Katalysatorfunktion soll dabei die von Wolfgang Fritz Haug mitinitiierte Berliner »Volksuni« gehabt haben, wo die »Ästhetik des Widerstands« in zahlreichen Lektürekreisen und Diskussionsrunden der 1980er Jahre behandelt wurde. Aber nicht nur dort, überall in Deutschland interessierten sich kritische Geister dafür, insbesondere im Kontext der aufkommenden »Vergangenheitsbewältigung«. Das Buch diente ihnen zur intellektuellen und politischen Selbstvergewisserung und -verortung. In exem­plarischer Weise beschrieb etwa unser Tagungsteilnehmer Erasmus Schöfer in seiner 1968er-Tetralogie »Die Kinder des Sisyfos«, genauer im vierten Band »Winterdämmerung« von 2008, einen solchen Kreis.

Ein anderes Beispiel berichtete Carl-Henrik Hermansson14, langjähriger Vorsitzender der Kommunistischen Partei Schwedens und Reichstagsabgeordneter. Er war 1982 von der Grafischen Industriegewerkschaft gebeten worden, einen Studienkreis zur »Ästhetik des Widerstands« einzurichten, der bis 1985 arbeitete. Ihm gehörten höhere Gewerkschaftsfunktionäre aus einem recht breit gefächerten politischen Spektrum an. Hermansson hat die Ergebnisse dieses Arbeitskreises systematisch erfasst und damit auch die Potentiale herausgestellt, die dieser Text für die unmittelbare politische Arbeit freizusetzen vermochte. Hermansson sah in ihm, trotz all der tragischen Ereignisse, von denen Weiss berichtet, »eines der hoffnungsvollsten Bücher«15, die er kenne.

Ihn und die übrigen Mitglieder des Studienkreises habe von Beginn an dem Roman gefesselt, dass er deutlich mache, »wie wichtig es für die unterdrückte Klasse ist, sich Wissen zu verschaffen, um die Privilegien der Herrschenden aufzuheben«.16 In der Bourdieu’schen Terminologie bedeutete das eine Anreicherung an kulturellem Kapital zur Nivellierung des damit verbunden Habitus. Einer der Teilnehmer, der Betriebsratsvorsitzende des Svenska Dagbladet, der aktuell drittgrößten schwedischen Tageszeitung, zog folgendes Resümee: »Die Arbeit gab tiefe und qualitative Erneuerung in der Auffassung unserer gewerkschaftspolitischen Arbeit, und ich glaube, es wird ein Teil von einem ersehnten, notwendigen Widerstand gegen all das, was der Gewerkschaft ständig von innen droht: Bürokratie, Gleichgültigkeit, Autoritätsglaube, Korporatismus, Feigheit und mangelnder Aufruhrgeist.«17

Was kann ein Autor sich mehr wünschen, als dass seine Literatur nicht nur für ihre ästhetische Gelungenheit geschätzt wird, sondern darüber hinaus einer politischen Praxis unmittelbare Bezugspunkte stiftet?

Doch das ist Schnee von gestern. Die Frage muss jetzt sein, was kann man heute daraus lernen? Birgt die »Ästhetik des Widerstands« weiterhin eine Sprengkraft, die nutzbar zu machen wäre? Und wie können wir daran anknüpfen, um eine Literatur zu schaffen, die in ähnlicher Weise Stoff für kritische Auseinandersetzungen böte, die noch dazu geeignet wäre, in politische Praxis überführt zu werden?

Unter den aktuellen Bedingungen scheint das eher schwierig, wie wir alle wissen, denn das genau ist ein Thema, fast schon ein »Running gag«, der bisherigen Symposien des Netzwerks »Richtige Literatur im Falschen« gewesen: Der vielbeschworene »Resonanzraum« fehlt. Literatur kann sich heute nicht mehr so eng an die Arbeiterklasse anschließen wie früher einmal. Das ist – wenn man es auf das ganze Bild hin erweitert – womöglich schon 1975 viel weniger der Fall gewesen, als solche positiven Beispiele wie die geschilderten, glauben machen, wenngleich es damals sicher mehr und aktivere linke Kreise gab, die sich dieser Sache annahmen.

Die eindeutige Klassenlage, die Weiss überhaupt ermöglichte, so konsistent von der Bewegung der Ausgebeuteten zu handeln, stellt sich inzwischen sehr viel komplexer, verworrener dar, die Konfliktlinien haben sich verlagert, sie finden sich nicht einfach nur zwischen Arbeitnehmern und Kapital, sondern auch beschäftigungsintern zwischen Billigjobbern und Inhabern lukrativer Normalarbeitsverhältnisse, Freelancern und Stammpersonal. Die soziale Unsicherheit, die Prekarität durch unklare, befristete oder deregulierte Beschäftigungsverhältnisse, zieht sich quer durch alle Schichten. Zugleich unterscheidet sich die Lage der türkischen Putzfrau im Niedriglohnsektor beträchtlich von der des Uniwissenschaftlers mit tarifentsprechend entlohntem Zeitvertrag. Zwischen beiden klaffen Welten, daher ist es schwer, hier eine einheitliche Interessensfront zu entwickeln. Also, an wen soll die Literatur sich wenden? Wer würde heute Peter Weiss lesen, um daraus Motivation für das eigene politische Handeln zu schöpfen? Ich weiß es nicht, aber Weiss selbst hat eine Antwort gegeben: »Es ist das Prinzip der Kunst, etwas zu tun, obgleich die Umstände dagegen sind.«

Es muss darum gehen, das ist eindeutig eine Lehre der »Ästhetik des Widerstands«, in der Literatur wie in der Politik Koalitionen zu schmieden, wo jetzt noch vielfältig facettierte Widersprüche dominieren, und darum, Linien der Hauptwidersprüche aufzuzeigen und daran entlang Bewegungen zu sammeln. Hier könnte Literatur ansetzen, hier könnte sie sich einsetzen. Zum Beispiel gerade dafür, dass solche Bewegungen nicht zu einsträngig werden.

  1. 1 Peter Weiss: Notizbücher 1971-1980, 1. Band, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1981, S. 63
  2. 2 Ebd., S. 117
  3. 3 Ebd. S. 420
  4. 4 Ebd., S. 61
  5. 5 Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands, zitiert nach der einbändigen Taschenbuch-Ausgabe (die auf der einbändigen Ausgabe von 1983 basiert), Erster Band, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, S. 33/34
  6. 6 Ebd., Zweiter Band, S. 304
  7. 7 Ebd., S. 298
  8. 8 Ebd., Dritter Band, S. 262
  9. 9 Ebd., S. 263
  10. 10 Ebd., S. 264
  11. 11 Ebd., S. 265
  12. 12 Ebd., S. 267
  13. 13 Vgl. dazu: Volker Lilienthal: Literaturkritik als ästhetische Justiz. Zur Kritik der massemedialen Rezeption der »Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss, in: Die Horen 29 (1984), H. 4, S. 123–129
  14. 14 Vgl. Carl-Henrik Hermansson: Bericht von einer gewerkschaftlichen Lerngruppe zur Ästhetik des Widerstands, in: Das Argument, H. 162 (1987), S. 250–254)
  15. 15 Ebd., S. 252/253
  16. 16 Ebd., S. 253
  17. 17 Zit. nach ebd., S. 254

Enno Stahl, geboren 1962, ist Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Er ist Autor von Romanen, Essays und Gedichten. Zudem ist er Mitorganisator der Tagungsreihe »Richtige Literatur im Falschen«. Vergangenes Jahr veröffentlichte er den Roman »Spätkirmes« (Verbrecher-Verlag). Auf diesen Seiten erschien zuletzt am 14./15.4.2018 sein Essay »Literatur und Markt. Oder wer schreibt Literaturgeschichte?«

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