Aus: Ausgabe vom 18.06.2018, Seite 8 / Abgeschrieben

In Zeiten geschürten Russenhasses: BüSGM-Preis für Gina Pietsch

Gemeinsam mit Hans Reichelt, bis 1989 Minister für Umweltschutz und Wasserwirtschaft der DDR, wurde Gina Pietsch am Sonntag in Berlin der diesjährige Preis des Bündnisses für Soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde e. V. (BüSGM) überreicht. Aus der Laudatio von Ellen Brombacher, Mitglied im Bundessprecherrat der Kommunistischen Plattform der Partei Die Linke, auf die Sängerin und Schauspielerin:

Inmitten des heutzutage perfide geschürten Russen-Hasses ist es notwendig, daran zu erinnern: undenkbar, dass ein deutscher Militärarzt einen sowjetischen Kriegsgefangenen gerettet hätte. Unvorstellbar. So etwas kann einen Menschen in seinem Innersten erschüttern. Und das ist offenkundig mit Ginas Vater geschehen. Er hatte einem verbrecherischen Regime gedient, was auch besagt: Er hatte in der ersten Hälfte seines Lebens fundamental geirrt. Und wollte sicher einen solchen Irrtum nie wieder. Das machte ihn fest, bisweilen wohl starr, und Gina und (ihre Schwester, jW) Mara bekamen das zu spüren. »Wir erlebten«, so Gina, »eine Mischung aus Wiedergutmachungskomplex und echter Entdeckung des Marxismus in seiner zweiten Lebenshälfte, die nun unbedingt die bessere sein musste. Und so war es trotz seiner ehemals christlich geprägten Güte recht schwer, mit ihm über politische Probleme zu reden, die man eben als junger Mensch hat.« Es hat Gina wohl nicht zuletzt die Geschichte ihres Vaters nachhaltig geprägt. Wenn sie Jewtuschenko singt: »Meinst du, die Russen wollen Krieg«, dann leben in den gesungenen Zeilen der Vater und die sowjetische Militärärztin. Dann ist Gina mit ihnen auf dem Mamajew-Kurgan in Wolgograd und fragt ihren Vater im stillen: Wie konntest du das nur mitmachen? Und zwischen den Zeilen ist ihr Wissen um die verheerende Wirkung von Perspektivlosigkeit; die Verführbarkeit. Heute nicht weniger als in den dreißiger Jahren. In ihrem Vortrag ist das Wissen um die Geschichte des Jewtuschenko-Textes ebenso wie jenes um das Schicksal dieses großartigen russisch-jüdischen Poeten. Und ganz sicher schwingen die vielen Begegnungen mit russischen Menschen mit. Die russisch gesungene Strophe ist frei von deutschem Akzent. Und jedem, der sie je mit diesem Lied erlebt hat, bleibt die kleine Geste in Erinnerung, wie sie sich angedeutet an den Kopf fasst, bei der Frage »Хотят ли русские войны?« (Wollen die Russen denn Krieg?, jW). Und so, wie sie selbstverständlich beim Ostermarsch dabei ist, zeichnet sie Erklärungen, initiiert durch ihre Freunde Christiane und Wobbel: »Macht euch die Russen nicht zum Feind«. Sie weiß, dass deutsche Panzer wieder an Russlands Grenzen stehen, und sie sieht den Zusammenhang zwischen dieser aggressiven Bedrohung und der gewaltigen Brücke zwischen dem Festland und der Krim oder auch den russischen Uniformen in Syrien. Und sie weiß auch, was ihr Vater dazu sagen würde, der die Grenze zur Sowjetunion damals überschritten hatte. Und so liegt in der Frage »Meinst du, die Russen wollen Krieg« auch Ginas ganz persönliche Antwort: wollen sie nicht. Sie wollen die Menschheit vor dem Atomkrieg bewahren.

Ihr ganzer Respekt, ja ihre Liebe gehört denen, die dazu beitrugen, den Faschismus – muss man heute sagen: vorerst? – zu beseitigen.

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