Aus: Ausgabe vom 14.06.2018, Seite 6 / Ausland

Wasser als Waffe

Der Irak macht türkischen Damm für Wasserknappheit verantwortlich. Aber es gibt andere Ursachen

Von Nick Brauns
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Der Tigris trocknet aus: Bewohner von Bagdad stehen am Fluss (4. Juni 2018)

Es sind alarmierende Bilder, die in den letzten Tagen aus dem Irak kamen. Zu Fuß durchqueren junge Männer bei Bagdad den Tigris, das Wasser reicht ihnen teilweise nur bis zum Knie. Zusammen mit dem Euphrat bildet der Fluss die Lebensadern der als Mesopotamien (Zweistromland) bekannten Region, die den Irak sowie Teile der Türkei und Syriens umfasst. Weil die Trinkwasserversorgung der Großstädte Bagdad, Mossul und Basra vom Wasser des Tigris abhängt, fürchten Bauern um ihre Existenz. Zudem drohen die von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannten Sumpflandschaften im Südirak auszutrocknen.

Der nationale Sicherheitsrat des Irak machte schnell einen Schuldigen aus: die Türkei. Denn zu Monatsbeginn hatten türkische Medien gemeldet, dass die Aufstauung des Tigris durch den Ilisu-Großstaudamm begonnen habe. Der erste von drei Umleitungstunneln, die während des Dammbaus angelegt wurden, sei geschlossen worden, erklärte die türkische Wasserbaubehörde DSI.

Durch den 1.800 Meter langen Damm würde der Tigris 65 Kilometer vor der irakischen Grenze zu einem über 300 Quadratkilometer großen See aufgestaut. Auch in der Türkei wird über den Ilisu-Damm, der im Rahmen des seit den 1980er Jahren realisierten Südostanatolienprojektes (GAP) mit insgesamt 22 Talsperren gebaut wird, gestritten. Denn 199 Dörfer sowie die 12.000 Jahre alte Felsenstadt Hasankeyf mit ihren archäologischen Monumenten würden in den Fluten des Tigris versinken, die Artenvielfalt an Flora und Fauna im Tigristal zerstört werden. Bis zu 78.000 bislang vor allem in der Landwirtschaft tätige Menschen würden ohne ausreichende Entschädigung in die Slums der nächstgelegenen Großstädte Batman und Diyarbakir vertrieben.

Kritiker des Ilisu-Dammes weisen seit langem darauf hin, dass dieser weniger der Energieerzeugung statt vielmehr strategischen Zielen diene. Verbindungswege und Unterschlüpfe der kurdischen Guerilla würden geflutet. Insbesondere aber ließe sich das wertvolle Wasser als Waffe zur Erpressung der Nachbarländer Irak und Syrien verwenden.

Angesichts der Sorgen in Bagdad zeigte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan scheinbar einsichtig. Mit Verweis auf den islamischen Fastenmonat Ramadan ließ er in der vergangenen Woche die Schleusen wieder öffnen und nannte den 1. Juli als neues Datum für den Beginn der Aufstauung. Die Gegner des Staudamms, die seit Jahrzehnten gegen das Ilisu-Projekt kämpfen, warnen, es handele sich dabei nur um einen Bluff Erdogans, der so seine Kooperationsbereitschaft, aber auch seine Macht gegenüber dem Nachbarland demonstrieren wolle.

»Die Aufstauung hat noch nicht begonnen, das ist Propaganda angesichts der bevorstehenden Wahlen in der Türkei«, erklärt der Wasserbauingenieur Ercan Ayboga von der »Ökologiebewegung Mesopotamien« gegenüber junge Welt. Entsprechende Medienberichte zielten vor allem darauf ab, den Widerstand gegen den Dammbau zu brechen. Der Tigris führe seit Jahren so wenig Wasser, dass nie alle drei Tunnel gleichzeitig genutzt wurden. Zudem seien die Arbeiten am Damm keineswegs abgeschlossen und die Bewohner von Hasankeyf und den Dörfern noch nicht umgesiedelt. Frühestens im kommenden Jahr könne mit der Aufstauung begonnen werden, zeigt sich Ayboga überzeugt.

Die derzeitige Trockenheit im Irak habe andere Ursachen als Ilisu, heißt es in einer Presseerklärung der »Initiative zur Rettung von Hasankeyf« zu Wochenbeginn. Sie verweist auf geringe Niederschläge und insbesondere die bereits bestehenden Talsperren bei Quellflüssen des Tigris in der Türkei sowie im Iran. Die jetzige Wasserknappheit liefert allerdings einen kleinen Vorgeschmack auf das, was dem Irak bei einer tatsächlichen Aufstauung des Tigris droht. Bis zu 45 Prozent weniger Wasser ständen dem Land dann zur Verfügung. »Die irakische Regierung sollte zügig handeln und mit allem Nachdruck das Völkerrecht und internationale diplomatische Mechanismen bemühen, um die Rechte und Interessen ihrer Bürger gegenüber der Türkei und dem Iran zu schützen«, fordert die Initiative.

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