Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Großmacht

Von Jörg Kronauer
RTXLXXM.jpg
Hegemoniesicherung durch Krieg – der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Bagdad (30.4.2003)

Es gibt nicht viele von ihnen zur selben Zeit, und sie rivalisieren miteinander: Großmächte, die in der einen oder anderen Form maßgeblichen Einfluss auf die Weltpolitik haben. In idealtypischer Form verfügen sie über eine starke, expandierende wirtschaftliche Basis, über einen ausgefeilten, global intervenierenden diplomatischen Apparat, über ein schlagkräftiges Militär, mit dem sie im Ausland operieren, und über eine weltweite kulturell-mediale Präsenz. Nicht immer sind alle Merkmale wirklich voll ausgeprägt. So verfügt Russland nur in einzelnen Branchen über eine kräftige ökonomische Basis. Das erleichterte es dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama im März 2014, das Land provozierend als »Regionalmacht« zu bezeichnen. China hat erst begonnen, eine militärische und kulturelle Präsenz im Ausland aufzubauen. Die EU wiederum verfügt zwar über alle Merkmale, hat allerdings die Besonderheit, dass es ihrer deutschen Führungsmacht bislang nicht gelingt, die inneren Widerstände gegen ihre Politik zu beseitigen, was zu teils herben Reibungsverlusten führt.

Großmächte bilden ihre eigenen Hegemonialsphären aus. Ein klassisches Beispiel ist die Monroe-Doktrin, die auf eine »State of the Union«-Rede des damaligen US-Präsidenten James Monroe vom 2. Dezember 1823 zurückgeht und die – leicht verkürzt – verlangte, dass die Mächte Europas sich aus den inneren Angelegenheiten des amerikanischen Doppelkontinents heraushalten sollten. Ein deutsches Äquivalent dazu hat 1939 Carl Schmitt, der wohl berühmteste Hofjurist der Nazis, formuliert, als er ein »Interventionsverbot für raumfremde Mächte« forderte. Deutschlands herrschende Kreise suchen heute zu verhindern, dass Russland oder gar China Einfluss in Ost- und Südosteuropa erlangen und damit die deutsch-europäische Vorherrschaft über den Kontinent schwächte. Mit Chinas rasch wachsendem Einfluss entwickelt sich in Teilen Asiens eine chinesische Hegemonialsphäre.

Dabei sichern Großmächte ihre Vormachtstellung auf durchaus unterschiedliche Weise. Bis zum Amtsantritt von Präsident Donald Trump konnten die wichtigsten Verbündeten der USA meist auf deren Wohlwollen rechnen; die Bundesrepublik etwa profitierte nach 1945 ganz erheblich vom Geschäft mit der westlichen Hegemonialmacht und wurde dadurch zu einer der stärksten wirtschaftlichen Player weltweit. Deutschland selbst setzt hingegen seine führende Rolle gegenüber seinen engsten Verbündeten beinhart durch: Frankreich zum Beispiel wird von der deutschen Exportwalze ökonomisch immer mehr ruiniert.

Gegenüber aufsässigen Staaten suchen Großmächte ihre Hegemonie immer wieder durch Krieg zu sichern. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich damit vor allem die USA und ihre westeuropäischen Verbündeten bzw. die heutige EU hervorgetan – von Vietnam über Jugoslawien bis hin zum Irak und zu Libyen. Treffen die Herrschaftsansprüche verschiedener Großmächte in fremden Ländern aufeinander, dann kommt es zuweilen zu Stellvertreterkriegen; ein Beispiel ist Syrien, wo Russland die Regierung, USA und EU die Aufständischen unterstützen. Stellvertreterkriege bergen immer die Gefahr, zum Konflikt zwischen den Großmächten zu eskalieren, die hinter ihren jeweiligen regionalen Stellvertretern stehen. Richtig gefährlich wird es dann, wenn die Interessen einer auf- und einer absteigenden Großmacht kollidieren und letztere ihren Abstieg um jeden Preis zu verhindern sucht. Der Politikwissenschaftler Graham Allison hat unlängst 16 derartige Fälle aus den vergangenen 500 Jahren untersucht. Man muss seinen Ansatz und seine Methodik nicht teilen, sein Ergebnis gibt dennoch Anlass zur Sorge: Demnach führten Konflikte zwischen aufsteigenden und im Niedergang befindlichen Mächten – heute wären das China und die USA – in zwölf von 16 Fällen zu einem großen Krieg.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton