Aus: Ausgabe vom 29.05.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Temperatursturz in der Hölle

Gewerkschaften gewinnen bei irischem Billigflieger Ryanair an Einfluss. Verdi bildet Tarifkommission für Flugbegleiter

Von Stefan Thiel
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Da hilft auch kein Enteisen mehr: Für die Gewerkschaftsfeinde bei Ryanair wird es zunehmend frostig (vereiste Maschine der Airline im polnischen Wroclaw; Januar 2013)

Michael O’Leary sei milde geworden, kommentierte das Handelsblatt am 22. Mai den vermeintlich neuen Führungsstil des Chefs der irischen Billigairline Ryanair. Am Tag zuvor hatte die Fluggesellschaft ihre Geschäftszahlen präsentiert und O’Leary von »Fortschritten in den Verhandlungen mit den Gewerkschaften« gesprochen.

Der Fortschritt besteht in der Tatsache, dass der Konzern überhaupt mit den verschiedenen im Unternehmen vorhandenen Beschäftigtenorganisationen spricht und sie als Verhandlungspartner anerkennt. Bis Ende letzten Jahres galt Ryanair als »gewerkschaftsfrei«. Legendär ist O’Learys früherer Ausspruch, eher friere die Hölle zu, als dass es bei der Airline Gewerkschaften geben werde. Dieses paradoxe religiös-meteorologische Phänomen greift in den letzten Monaten bei Ryanair nun immer mehr um sich.

Kurz vor Weihnachten hatte der Billigflieger überraschend und um erste Streiks abzuwenden, verkündet, die Pilotengewerkschaften anerkennen und mit ihnen verhandeln zu wollen. Kurz darauf sah sich Ryanair – nicht zuletzt aufgrund des Vorwurfs der deutschen Berufsgewerkschaft Unabhängige Flugbegleiterorganisation (UFO), der Konzern verweigere weiterhin Gespräche – dazu genötigt, entsprechende Signale ebenso in Richtung des übrigen Bordpersonals zu senden.

Zuletzt gab die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) am 18. Ap ril bekannt, kurz vor der Aufnahme von Tarifverhandlungen für die rund 800 in der BRD stationierten Flugbegleiter zu stehen. In der vergangenen Woche sollte dort eine von Verdi angestoßene Tarifkommission gewählt werden. Mitte April hatte der Konzern der Gewerkschaft eine Anerkennungsvereinbarung und Gespräche angeboten. Man habe mit dem Unternehmen den organisatorischen Rahmen abgesteckt, teilte Verdi nun mit. »Nur ein Tarifvertrag kann nachhaltige Verbesserungen und gleichwertige Arbeitsbedingungen für alle Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter bei Ryanair in Deutschland sicherstellen«, erklärte das Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle in der Mitteilung.

Verdi will nach eigenen Angaben nun international mit den übrigen Gewerkschaften des Kabinenpersonals ein gemeinsames Vorgehen abstimmen. Vorerst keine Kooperation wird es jedoch mit der konkurrierenden UFO geben. Diese hatte Ryanair bereits im Oktober zu Tarifverhandlungen aufgerufen, eine eigene Kommission mit Mitarbeitern gebildet und eine Zusammenarbeit mit den entsprechenden Gewerkschaften in Irland, Italien, Portugal und Spanien angekündigt. So uneinig sich die Gewerkschaften auch sind, beide werden sich mit den prekären Bedingungen bei Ryanair beschäftigen müssen. So hat etwa ein Großteil der Mitarbeiter nur Leiharbeitsverträge.

Kritik an dem Billigflieger übte am vergangenen Mittwoch auch die deutsche Standesvertretung der Piloten, Vereinigung Cockpit (VC). »Jeder Tag, den Ryanair mit scheinselbständigen Leihpiloten weiterfliegt, ist für sie ein Gewinn«, sagte VC-Präsident Ilja Schulz beim Deutschen Verkehrspilotentag in Frankfurt am Main. Die Airline setze andere Fluggesellschaften mit ihren niedrigen Kosten zu Lasten der Beschäftigten unter Druck.

Genau dieses Hauptsache-billig-Geschäftsmodell und dessen Folgen dürften die eigentliche Ursache für den »Klimawandel« bei der zuvor strikt antigewerkschaftlich ausgerichteten Airline sein. So musste Ryanair im vergangenen Herbst rund 20.000 Flüge streichen. Als Begründung für die Ausfälle führte das Unternehmen »Dienstplanprobleme« an. Der Grund für die Absagen dürfte aber darin gelegen haben, dass Piloten den Konzern wegen der schlechten Arbeitsbedingungen scharenweise verließen. Und die Verbliebenen begannen sich zu wehren: Innerhalb weniger Tage forderten die Beschäftigten von 20 der insgesamt 87 »Basen« Tarifverträge. In Irland, der BRD, Italien und Portugal drohten sie im Dezember mit Streiks. O’Leary reagierte mit dem Angebot individueller Lohnerhöhungen von bis zu 20 Prozent und der erwähnten Ankündigung von Verhandlungen mit den Gewerkschaften.

Diese blieben jedoch skeptisch und ergriffen erste Arbeitskampfmaßnahmen. So kam es am 22. Dezember doch noch zum ersten Warnstreik in der Geschichte des Unternehmens. Die VC hatte die Festangestellten unter den rund 400 Ryanair-­Piloten in der BRD zu einem vierstündigen Ausstand aufgerufen. Der verpuffte jedoch weitgehend, weil die Airline einfach (schein-) selbständige oder in der Probezeit befindliche Piloten einsetzte. Einen ersten erfolgreichen Streik gab es zu Ostern in Portugal. Vom 2. bis zum 4. April trat das Kabinenpersonal in den Ausstand. In Faro fielen nach Angaben der Kabinenpersonalgewerkschaft Sindicato Nacional do Pessoal de Voo da Aviação Civil (SNPVAC) an einem Tag elf von 18 geplanten Flügen aus. Ryan­air setzte währenddessen europaweit Beschäftigte unter Druck, damit sie sich in Portugal als Streikbrecher betätigten.

Den Kampf gegen die Gewerkschaften hat die Konzernspitze trotz aller Gesprächsbereitschaft also doch nicht ganz aufgegeben. O’Leary beurteilt den neuen Kurs jedenfalls ganz pragmatisch: Laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters vom 22. Dezember äußerte er sich zu den Vorteilen von Tarifverträgen wie folgt: »Das eröffnet uns Wachstumsmöglichkeiten in Frankreich und Skandinavien.« Diese Länder habe Ryanair bisher aus Bedenken gemieden, Gewerkschaften anerkennen zu müssen.

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