Aus: Ausgabe vom 25.05.2018, Seite 16 / Sport

Guinness, Gäule und Champagner

Ein »irischer« Feiertag auf der Pferderennbahn Hoppegarten bei Berlin

Von Maximilian Schäffer
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»Kommschonkommschon!!!« Adler kreuzt Sirius und Berghain frech von hinten

»Ick mach’ die janze Scheiße mit, dit janze Jahr – egal wat kommt!« Peter verkauft am Waldweg neben der S-Bahn Bier, Sektchen und Limonade aus diversen Kühlboxen, die er mit der Sackkarre angeschleppt hat. Was heute auf der Rennbahn Hoppegarten los ist, weiß er nicht genau. »Irish Raceday« heißt das Motto an diesem sonnigen Pfingstsonntag vor den Toren der Hauptstadt. Dazu haben sich die Veranstalter irgend etwas mit irischem Klimbim einfallen lassen, damit die Leute auch sichtbar gute Laune haben. Die einzelnen Wettkämpfe tragen Titel wie »Preis von Glenmaddy« und »Kerrygold-Likör-Rennen«, wer etwas auffällig Grünes trägt, zahlt einen reduzierten Eintrittspreis, bekommt einen Plastikhumpen Guinness und darf zum nächsten Event kostenlos rein. Am 9./10. Juni zelebriert man das »Fashion Weekend«. Besonders feine Gesellschaften promenieren im VIP-Bereich (Sitzplätze ab 390 Euro), wo man sie mit Champagner betankt. Tini Gräfin Rothkirch, Vorsitzende des exklusiven »Rennklubs«, lässt kurz Goldstaub schnuppern. Man hat es sich zur Aufgabe gemacht, die »alten Freuden« von Hoppegarten wiederzubeleben: »Dort drüben sitzt X von Y und da sitzt A von und zu Z und dort...«. Anständige Leute, und es sind viele gekommen, sitzen in Sicherheitsabstand zur Prominenz auf dem Gras vor der Haupttribüne, picknicken mit mitgebrachten Fressalien. Bunter Kopfschmuck, grüne Fetzen, rote Erdbeeren. Unter die weniger Privilegierten hat sich auch der Köpenicker Hip­Hop- und Youtube-Star Romano gemischt. Mit seiner mindestens genauso berühmten Mutti und einer adretten weiblichen Begleitung ist er gekommen, um vor den großen Festivals noch einmal zu entspannen.

Wir fahren raus, raus nach Hoppegarten

Mutti ist schon blau, bevor die Pferde starten

Alle kennen Mutti, Königin der Vorstadt

Man will mit ihr befreundet sein

doch sie hängt nicht mit jedem ab

(Romano – Mutti)

Mutti macht noch ein Foto, sie ist stolz, dass der Sohnemann schon wieder interviewt wird. Vor den Toto-Annahmestellen bilden sich lange Schlangen, die Menschen wetten, was das Zeug hält. Wer nicht gleich als Anfänger entlarvt werden will, der macht auf dem Wettschein kein Kreuz, sondern einen vertikalen oder horizontalen Strich. Auf Sieg, Platz, Zweier, Dreier, Vierer und die unmöglichsten Kombinationen kann man sein Geld setzen, ab 50 Euro-Cent ist man dabei. Im Führring, dem Vorspiel des Spektakels, werben stolze Tiere mit traurigen Augen um Vertrauen. Stramme Muskelwesen werden von schmalen Männern in Seidenhosen eskortiert.

Dann beginnt es. Ein elektronischer Pfiff, und die Vollblüter mit den Warmblütern auf dem Buckel rennen aus der Box. »Kommschonkommschon!!!« – mit feurigen, fast irren Augen brüllt der 20jährige Unternehmersohn Niklas an der Ziellinie. Er erklärt lässig in Hemd und Anzug, was im Pferdesport wichtig ist: »Also, man sollte schon einen etwas besseren Beruf haben. 3.000 Euro Nettoeinkommen sollte man zur Verfügung haben.« Er, das heißt seine Familie, besitzt drei Pferde. Der Galoppsport ist sein Leben. Letzten Monat erst reiste er dafür ins australische Melbourne, und nächste Woche ersteigert er vielleicht wieder ein Jungtier im badischen Baden-Baden. Selbst reiten oder arbeiten zählen nicht zu seinen Hobbys. Wenn die Pferde vorüberlaufen, bebt kurz die Erde. Der Stadionsprecher produziert Absurditäten am laufenden Band: »Sound Check in der Reihe vor Berghain und Oriental Khan. Adler kreuzt Sirius und Berghain jetzt frech von hinten!« Wenn nach wenigen Minuten die Spannung gelöst ist, das Zielfoto geschossen und der Gewinner bestimmt, hört man Siegesrufe und enttäuschtes Stöhnen. Wettscheine, kleine Relikte der Hoffnung, knallen zerknüllt auf den Boden. Einige pilgern schnell wieder zu den weißen Kassenhäuschen, um sich ihr Glück entlohnen zu lassen, oder an den Geldautomaten um noch einmal die Investitionssumme zu erhöhen. Selbst den Kleinsten werden in Hoppegarten die Freuden der Spielsucht nahegelegt: Beim Kinderwetten darf man ohne Einsatz auf die echten Rennen mit den echten Pferden setzen.

Auf der Website der Rennbahn spricht man im Anschluss von einem erfolgreichen Tag: 10.340 Besucher sorgten für den beachtlichen Wettumsatz von 286.207 Euro. Nach acht Rennen neigt sich ein herrlicher Frühlingstag dem Ende zu, ein Menschenstrom mäandert aus den Backsteinbauten. Wie das so ist, haben die meisten verloren, wenn auch oft nicht viel. Statt Haus und Hof zu riskieren, entspannte die Masse bei Getränken und Würsten. Ernsthafte Spekulanten sind hier eine kleine Minderheit, für den Rest zählt die Mischung aus Streichelzoo, Volksfest, Wochenende und Sonnenschein. Rentner Manfred (68) lacht herzhaft im Trenchcoat, weil ihn die ganze Wetterei und die Kohle nicht mehr interessieren. Damals, in der DDR, da hat er noch um ordentlich Knete mitgetippt, aber heute kommt er nur noch wegen des schönen Wetters und des grünen Grases. Irgendwas Irisches ist ihm entgangen, eine Flasche Schampus auch. Bierverkäufer Peter zieht ein nüchternes Resümee: »Bei so Rockkonzerten is besser, da saufen die Leute mehr!«

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