Aus: Ausgabe vom 25.05.2018, Seite 7 / Ausland

Schwarze Trümmer

Die Vororte von Damaskus sind befreit. Ein Besuch in der syrischen Stadt Hadschar Al-Aswad

Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Kontrolle wiederhergestellt: Soldaten der syrischen Armee am Dienstag in den Ruinen der Stadt Hadschar Al-Aswad

Hadschar Al-Aswad, der Schwarze Stein, heißt der südliche Vorort von Damaskus, der von der syrischen Armee und deren Verbündeten am 21. Mai wieder eingenommen wurde. Über den Resten des Rathauses weht die syrische Fahne. Nun sind Damaskus und dessen Umland vollständig befreit, teilte am Montag ein Militärsprecher mit.

Der Preis für die Freiheit ist hoch. Nach sieben Jahren Krieg liegen ­Hadschar Al-Aswad und viele andere Vororte von Damaskus in Trümmern. Neben dem Rathaus stehen große Palmen, gegenüber sind vier- und fünfstöckige Wohn- und Geschäftshäuser, der nahe gelegene Kreisverkehr bildet das Zentrum der kleinen Stadt. Die Palmen sind angesengt, keiner der Läden ist mehr intakt, Schutt, Schutzwälle sind in den schmalen Straßen aufgehäuft, Verteidigungsposten gegen die Krieger, die hier einen »Gottesstaat« aufbauen wollten. Auf Mauern verkünden Inschriften den »Islamischen Staat«. Und obwohl die Bevölkerung zu Tausenden davor floh, obwohl Mitkämpfer Vereinbarungen mit der Regierung schlossen, die Waffen niederlegten und abzogen, kämpften die »Gotteskrieger« bis zum Ende weiter.

Weil sie nicht verhandeln und nicht abziehen wollten, brachte die syrische Armee Kampfjets, Artillerie, Spezialkommandos gegen sie in Stellung. Die IS-Kämpfer wiederum schossen Raketen in das Zentrum von Damaskus, um ihre Macht zu demonstrieren. Nun ist der »Gottesstaat« gefallen. Die letzten der 1.220 Dschihadisten sind in Bussen abgefahren und irgendwo in der östlichen Badia, in der Wüste in Richtung des Irak verschwunden.

»Die Letzten«, das seien noch rund 400 Kämpfer gewesen, heißt es. Männer aus Hadschar Al-Aswad, aber auch Tschetschenen, Pakistaner, Iraker und Jordanier seien unter ihnen gewesen. Rund 400 Familienangehörige wurden in der nordwestlichen Provinz Idlib aufgenommen, die von verschiedenen Kampfgruppen und der Türkei kontrolliert wird. Offiziell gibt es keine Angaben darüber, wohin die restlichen IS-Kämpfer entschwunden sind. Durch die östliche Badia gibt es Beduinen- und Schmugglerrouten sowohl nach Jordanien und Saudi-Arabien als auch nach Al-Tanf im syrisch-irakisch-jordanischen Dreiländereck, wo die USA und andere Mitglieder der »Anti-IS-Allianz« Stützpunkte haben.

Von der Trümmerlandschaft in Hadschar Al-Aswad geht eine ungeheure Hitze aus. Soldaten sitzen zwischen Rauchschwaden und Staubwolken und beobachten schweigend die ersten Journalisten, die nach »der Story« suchen. Andere Soldaten haben Bündel, Kartons, technische Geräte geschultert, hieven sie auf kleine Lastwagen oder auf den Gepäckträger ihres Motorrades oder Fahrrads. »Die syrische Armee plündert«, ist auf Internetseiten der Opposition zu lesen. Doch vielleicht stammen die Dinge auch aus den zerstörten eigenen Häusern? In den Trümmern befindet sich kaum noch etwas von Wert.

Ein 23jähriger Soldat erzählt schüchtern, er habe erst in Duma gekämpft, dann hier. Eine schmale Gestalt in Uniform und mit einer Baseballkappe auf den struppigen Haaren tritt hinzu und nickt dem jungen Mann aufmunternd zu. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass eine Frau die Uniform trägt. Sie nennt sich Umm Dschafar, »Mutter von Dschafar«, und kämpft seit fünf Jahren in den Reihen der syrischen Armee. Sie stammt aus Salamija, wohnte aber in Palmyra, als der IS dort angriff. Sie habe an vielen Fronten gekämpft, zuletzt in der Ostghuta und dann in Hadschar Al-Aswad: »Um mein Land zu befreien.«

Die 50jährige Mutter von drei Kindern erzählt, dass ihr Sohn mit ihr kämpfe, ein zweiter Sohn sei entführt worden. Die Tochter lebe mit ihrer Familie in Damaskus. Ihr Mann Abu Dschafar, »Vater von Dschafar«, sei bereits vor dem Krieg gestorben. Umm Dschafar zeigt hinter sich in eine schmale Straße, in der hohe Sandbarrikaden aufgetürmt sind. Diese Straße hätten sie und ihre Gruppe gegen die Islamisten verteidigt, manchmal hätten sie sich direkt gegenübergestanden. Ihre Kameraden riefen sie »Abu Dschafar«, um die IS-Kämpfer nicht darauf aufmerksam zu machen, dass sie eine Frau in ihren Reihen hatten.


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