Aus: Ausgabe vom 23.05.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Selbstmordattentäter

Von Jörg Tiedjen
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Selbstmordattentate führen immer wieder zu Angst und Schrecken – vor allem weil sie unberechenbar sind (Wandbild in Beirut, 7.12.2016)

Die Diskussion über Selbstmordattentäter hat eine lange Vorgeschichte. Bereits zur Zeit der mittelalterlichen Kreuzzüge erzählte man sich von der schiitischen Sekte der Assassinen. Es hieß, dass in ihr unter dem Einsatz von Drogen junge Menschen verführt würden, Mordaufträge auszuführen, bei denen sie in der Hoffnung auf das Paradies den eigenen Tod geradezu herbeisehnten. Die Vorstellung von den muslimischen Attentätern scheint derart verbreitet gewesen zu sein, dass sie sogar Spuren in der französischen Sprache hinterließ, in der das Wort für Mörder »Assassin« lautet. Sie liefert auch die perfekte Erklärung für Anschläge wie die vom 11. September 2001, die offiziell Al-Qaida zugeschrieben werden.

Allerdings sind Selbstmordattentate keine Erfindung von Muslimen. Die Assassinen beachteten in Wirklichkeit das islamische Verbot des Suizids und der grausamen Kriegführung. Sie gingen gezielt gegen die führenden Köpfe ihrer Gegner vor. Das spricht dagegen, dass sie die Anschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Centers gutgeheißen hätten. Keineswegs unterschiedslos Terror verbreiten wollte auch der erste, der einen Anschlag mit Hilfe einer Bombe verübte und sich dabei selbst mit in die Luft sprengte: der polnische Sozialrevolutionär Ignati Grinewizki, der 1881 auf diese Weise den russischen Zaren Alexander II. ermordete. Er sah dies als seine Pflicht. Die Historie habe gezeigt, dass die Freiheit Menschenopfer verlange, hatte er in einem Brief an die Nachwelt festgehalten.

Im Zweiten Weltkrieg verbreitete das faschistische Japan mit Kamikazeangriffen Angst und Schrecken. Im Nahen Osten war der erste, der vorgab, sich für die Sache der Palästinenser einzusetzen, indem er sich israelischen Soldaten entgegenwarf und dabei eine Handgranate zündete, ein Mitglied der Japanischen Roten Brigaden: bei einem Gefecht am Flughafen Lod (Tel Aviv) im Jahr 1972. Der Einsatz »menschlicher Bomben« ist kein Privileg von Islamisten, sondern auch von den tamilischen »Black Tigers« oder den syrischen Kurden bekannt, ebenso von der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) oder der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP).

Dennoch verfolgt insbesondere den schiitischen Islam die Geschichte von den Assassinen. Im Ersten Golfkrieg schickte der Iran Tausende barfuß in Minenfelder. Ihnen war versichert worden, dass sie dafür direkt in den Himmel gelangten. Der Märtyrerglauben spielte dabei weniger eine Rolle als vielmehr militärische Erwägungen. Der Irak, der die Islamische Republik mit westlicher Unterstützung und Hilfe der Golfstaaten 1980 überfallen hatte, verfügte über Waffen, der Iran über Menschen.

1983 zerstörten Selbstmordattentäter mit Lkw-Bomben die Stützpunkte der US-amerikanischen und französischen Streitkräfte in Beirut. Darauf zogen Paris und Washington ihre Truppen aus dem Libanon ab. Bis heute machen die USA die libanesischen Schiiten, insbesondere die offiziell erst zwei Jahre später vom Iran mitgegründete Hisbollah für die Anschläge verantwortlich. Ebenso wird die schiitische Partei und Miliz beschuldigt, 2005 den tödlichen Bombenanschlag auf den früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri durchgeführt zu haben.

Wie unerbittlich die Feindschaft der USA gegenüber der Hisbollah und ihrem Verbündeten Iran ausgeprägt ist, erfuhr der US-Journalist Bob Woodward, als der frühere CIA-Chef William Casey ihm anvertraute, bei Saudi-Arabien das Attentat auf den ersten Hisbollah-Chef, Hussein Fadlallah, in Auftrag gegeben zu haben, bei dem am 8. März 1985 durch eine Lkw-Bombe 80 Menschen getötet wurden. Der beliebte Ajatollah überlebte. Geändert hat sich seitdem wenig: Als Ziel des »Krieges gegen den Terror«, der mit Hilfe des Terrors geführt wird, steht Iran seit langem fest.

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