Aus: Ausgabe vom 22.05.2018, Seite 16 / Sport

Das Problem mit dem Grundstück

Geschichten aus der Kluft: Der belgische Meister FC Brügge und sein »Fußballunternehmer«

Von Gerrit Hoekman
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»Sein bestes Investment«: Bart Verhaeghe auf dem Trainingsplatz

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird stetig größer, auch im europäischen Fußball. Hierzulande ist der FC Bayern aus dem Mittelfeld der Bundesliga »durchs Fernglas schon nicht mehr zu sehen« (Hertha-Manager Michael Preetz, Tagesspiegel vom 17. Mai). In der Champions League triumphieren immer die gleichen Vereine aus Spanien, England, Italien und Deutschland. Als letzter Klub, der nicht aus einer der vier Topligen kam, gewann der FC Porto 2003 den Henkelpott.

Die Wirtschaftskraft der belgischen und der niederländischen Ligen reicht nicht mehr aus, um in Europa ganz vorne dabei zu sein. Es ist lange her, dass Ajax Amsterdam oder der RSC Anderlecht international Erfolge feierten. Nach der Gruppenphase ist meistens Schluss. Viele Vereine in Benelux sind auf der Suche nach zahlungskräftigen Sponsoren.

»Im belgischen Topfußball wimmelt es gegenwärtig von Unternehmern«, stellte die flämische Wirtschaftszeitung De Tijd am vergangenen Dienstag fest. Ein Beispiel ist der Geschäftsmann Bart Verhaeghe, der den FC Brügge – offiziell: Club Brugge KV – 2012 für günstige 15 Millionen Euro kaufte. Inzwischen verzeichnet der Verein einen Jahresumsatz von 50 Millionen Euro, Transfererlöse nicht eingerechnet. Im Vergleich zu Branchengrößen wie dem FC Bayern ist das wenig. Der deutsche Dauermeister bewegt 640 Millionen Euro. Daran gemessen, ist Club Brugge arm, aber in Belgien reichte es für zwei Meisterschaften in den vergangenen drei Jahren. »Die Fußballmannschaft ist sein bestes Investment seit dem Verkauf von Eurinpro«, urteilte De Tijd über Verhaeghe, der 2006 seine Firma für gut 400 Millionen Euro an einen australischen Immobilienfonds verkauft hatte.

Verhaeghe hat es fertiggebracht, dass der KV finanziell und sportlich am großen Konkurrenten RSC Anderlecht vorbeigezogen ist. Und das, obwohl das bäuerliche Hinterland von Brügge deutlich weniger Potential bietet als die Hauptstadt Brüssel, in der Anderlecht zu Hause ist. Der 53 Jahre alte Verhaeghe wirbelte die Vereinsstruktur durcheinander. In der Geschäftsstelle ersetzte er Ehrenamtliche durch professionelles Personal und verpasste dem Verein den griffigen Slogan »Kein Schweiß, kein Ruhm«.

Als er Club Brugge übernahm, bat Verhaeghe um eine Frist von fünf Jahren. »Sie haben mich ausgelacht«, sagte er in die Fernsehkameras, als die Meisterschaft in dieser Saison frühzeitig unter Dach und Fach war. »Aber siehe da, wir sind zweifellos der beste Klub des Landes.« Am Ende betrug der Vorsprung auf Anderlecht zwölf Punkte.

Verhaeghe machte auch Fehler, wollte zuschnell zuviel. Spieler und Trainer kamen und gingen in kurzer Folge. »Der Klub kam in den Anfangsjahren als Taubenschlag rüber«, konstatierte De Tijd. Erst die belgische Torwartlegende Michel Preud’homme brachte im Herbst 2013 als Coach die notwendige Kontinuität in die Mannschaft. Der Lohn war 2016 die erste Meisterschaft nach einer Durststrecke von elf Jahren.

Die Anleger sind mit Verhaeghe sehr zufrieden. Als Fußballunternehmer sei er in Belgien ein Pionier. Ein Kleinaktionär wird in De Tijd zitiert: »Meine Frau hat mich für verrückt erklärt, als ich beschlossen habe in den Verein zu investieren. Aber Bart wusste mich zu überzeugen. Er erkannte als erster das Wachstumspotential des Klubs.«

Bart Verhaeghe ist noch lange nicht fertig. Als nächstes soll Club Brugge für 12,5 Millionen Euro ein modernes Trainingszentrum erhalten und für 35 Millionen Euro ein neues Stadion. Das soll auch für Musikveranstaltungen genutzt werden und damit zusätzliche Einnahmen garantieren. Ligarivale AA Gent konnte seinen Umsatz mit einem neuen Stadion um 50 Prozent steigern. Einen Bauplatz hat Verhaeghe schon im Auge. Leider gibt es ein Problem: Der Grundstücksbesitzer, Millionär Joris Ide, ist Miteigentümer des RSC Anderlecht.


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