Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 16 / Sport

Die Schönheit des Angriffs

Größter Fußballstar in Wolfsburg bei Braunschweig? Pernille Harder natürlich

Von Uschi Diesl
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»Extrem mannschaftsdienlich«: Pernille Harder im Pokalfinale 2017

Gestern spielten die Herren des VfL Wolfsburg nach Redaktionsschluss in der Relegation gegen den Abstieg aus der Bundesliga, die sie vor neun Jahren noch gewinnen konnten. Keine 25.000 Zuschauer würden das sehen wollen, wettete die FAZ vom Donnerstag. Wolfsburg hat den Nimbus der »Stadt des Kdf-Wagens bei Fallersleben« nie ganz verloren. Der VW-Konzern wäre gut beraten, sich an diesem trostlosen Ort auf das Sponsoring der Frauenfußballabteilung zu konzentrieren. Die trifft am Samstag im DFB-Pokalfinale auf den FC Bayern. Es geht um das Triple. Der Meistertitel ist gesichert.

Ausgetragen wird das Finale in Köln. Pernille Harder, dänische Torjägerin des VfL – mit 17 Treffern in der Liga uneinholbar vorn –, hat das Stadion in der Domstadt in guter Erinnerung. Hier steuerte sie vor einem Jahr zwei Finaltore zum Pokalsieg bei. Zuletzt schnürte sie im Dezember im Ligaspiel beim 1. FC Köln einen Viererpack. Seit Anfang 2017 ist die 25jährige in Niedersachsen. Sie kam vom schwedischen Linköpings FC, bei dem sie mit ihrer Freundin Magdalena Eriksson spielte, die heute bei Chelsea in London unter Vertrag steht.

»Ich habe mit fünf, sechs Jahren angefangen, Fußball zu spielen«, erinnert sich Harder an ihre Anfänge beim Tulstrup-Faurholt IK. »Bis ich elf war, habe ich nur mit Jungs gespielt, weil es keine Mädchenteams gab. Obwohl ich das einzige Mädchen war, wollten mich immer alle in ihrer Mannschaft haben.«

Mit 16 Jahren debütierte sie im Nationalteam – und erzielte beim 15:0 gegen Georgien einen Hattrick. Acht Jahre später führte sie den Außenseiter Dänemark bei der EM im vergangenen Sommer als Kapitänin erst zum sensationellen Viertelfinalsieg gegen Deutschland (2:1), dann ins Endspiel gegen Gastgeber Niederlande.

Bei 1:2-Rückstand raste die pfeilschnelle, technisch versierte Angreiferin in diesem Endspiel hinter der Mittellinie durch die Schnittstelle der Abwehr, nahm den Ball beim Sprint zur Grundlinie mit, zog nach innen und plazierte gegen die Laufrichtung einen Flachschuss im rechten Eck. Ein magischer Moment. Es gibt derzeit keine Handvoll Spielerinnen auf diesem Niveau.

In 99 Länderspielen hat Harder 51 Tore erzielt. Nach dem am Ende doch verlorenen EM-Finale führte sie das Team in einen Arbeitskampf gegen den dänischen Verband DBU. Die Spielerinnen streikten für bessere Bezahlung. Erfolgreich. Es ging dabei vor allem um die Absicherung der Kolleginnen von Harder, die in der dänischen Liga nur sehr wenig verdienen. »Pernille zählt zu den komplettesten Offensivspielerinnen, die es momentan im Frauenfußball gibt«, sagt Ralf Kellermann, sportlicher Leiter beim VfL, der Harder bis 2020 an den Klub binden konnte. »Sie hat Weltklasseformat und spielt zusätzlich zu ihrer individuellen Klasse extrem mannschaftsdienlich.«


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