Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 2 / Inland

BND verfügte über Nervengift

Medienbericht bringt Bewegung in Fall Skripal. Ärger in Tschechien

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Undurchsichtig: Die BND-Zentrale in Berlin

Etwa doch nicht der Russe? Der Kampfstoff »Nowitschok«, mit dem vor gut zwei Monaten der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter in England vergiftet worden sein sollen, ist im Besitz des deutschen Auslandsgeheimdienstes gewesen. Das ergeben die Recherchen eines Verbundes von Süddeutscher Zeitung, NDR, WDR und der Zeit, die am späten Dienstag veröffentlicht wurden. Demnach habe sich der Bundesnachrichtendienst Mitte der 1990er Jahre eine Probe des Nervengiftes verschafft.

Ein Wissenschaftler aus Russland soll diese an den BND übergeben haben. Weil das Verhältnis zum damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin nicht belastet werden sollte, habe die Bundesregierung die Existenz von »Nowitschok« nicht öffentlich gemacht. Laut den Medien sei die BND-Operation »umstritten« gewesen. Eine mit der damaligen Diskussion vertraute Person wird mit den Worten zitiert: »Wir wollten auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als würden wir uns selbst für solche Chemiewaffen interessieren.«

Kommentieren wollte weder der BND noch die Bundesregierung die Enthüllungen. Zu nachrichtendienstlichen Angelegenheiten gebe sie »grundsätzlich nur den geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages« Auskünfte, so die Antwort der Regierung an den Rechercheverbund.

Anfang März waren Skripal und seine Tochter Julia im englischen Salisbury vergiftet worden. Die britische Regierung erklärte bereits kurze Zeit später, Russland sei für den Anschlag verantwortlich. Begründung: Der eingesetzte Kampfstoff sei in der Sowjetunion entwickelt worden. Viele westliche Staaten, darunter auch die BRD, stimmten schnell in diesen Tenor ein. Erst am Montag hatte der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, Andrew Parker, der russischen Seite eine »vorsätzliche und gezielte feindselige Handlung« unterstellt. Der Kreml weist die Vorwürfe zurück.

Mittlerweile gab der tschechische Präsident Milos Zeman zu, auch sein Land habe erst vor wenigen Monaten mit dem Stoff experimentiert. Die Aussage hatte dort heftige Reaktionen ausgelöst. Der ehemalige Außenminister Tschechiens, Karel Schwarzenberg, sagte am Dienstag: »Wir haben ein Staatsoberhaupt, das für eine fremde Macht arbeitet.« Schwarzenberg hatte 2013 bei der ersten direkten Wahl des tschechischen Präsidenten gegen Zeman verloren. (dpa/AFP/jW)


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