Aus: Ausgabe vom 17.05.2018, Seite 4 / Inland

Zu wenige Fische, zu viel Nährstoffe

Umweltorganisation: 90 Prozent der Flüsse und Seen in der BRD in »beklagenswertem Zustand«

Von Jana Frielinghaus
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Zum Baden ist die Wasserqualität in den meisten Seen gut genug. Für die Freigabe zum Planschen reicht es, wenn keine die menschliche Gesundheit gefährdenden Bakterien und Algen gefunden wurden und Grenzwerte bei der Schadstoffkonzentration eingehalten werden

Alles ist relativ. Zwar hat sich der Zustand der Seen und Flüsse erheblich verbessert. Dennoch belegten aktuelle Daten des Umweltbundesamtes (UBA), dass 92 Prozent der Gewässer hierzulande in »beklagenswertem Zustand« seien, sagte Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am Mittwoch in Berlin. Die Organisation hat die UBA-Informationen in ihrem »Gewässerreport 2018« ausgewertet, den Weiger gemeinsam mit BUND-Gewässerexpertin Laura von Vittorelli vorstellte.

Vittorelli erläuterte auf jW-Nachfrage, ausschlaggebend für die schlechten Werte sei der ökologische Zustand des Gewässers. Er werde unter anderem anhand der Anzahl und Altersstruktur der Fische und der vorgefundenen Artenfvielfalt ermittelt. Dies seien Indikatoren für die Stabilität des Ökosystems und damit für seine Fähigkeit, Schadstoffe abzubauen. Außerdem sei die Belastung mit Quecksilber flächendeckend hoch, sagte die Wissenschaftlerin. Hinzu kämen neue Belastungen unter anderem durch Hormone und Mikroplastik. Es reiche nicht aus, dass Gewässer »nicht stinken«, betonte Vittorelli.

Gleichwohl räumte Weiger ein, dass sich beispielsweise die Wasserqualität der Elbe in den letzten 20 Jahren »extrem verbessert« habe. Heute sei kein Fluss in Deutschland so »naturnah« wie sie. Das dürfte auch mit dem stark gesunkenen Verkehrsaufkommen auf dieser Wasserstraße zu tun haben. Im vergangenen Jahr seien auf der Elbe noch rund 300.000 Tonnen an Gütern transportiert worden, während es früher »zig Millionen« gewesen seien.Dennoch gebe es kaum Aktivitäten, die dem Rückgang Rechnung trügen, kritisierte Weiger. Notwendig seien aber Maßnahmen wie Deichrückbauten, mit denen man den Flüssen in ländlichen Regionen wieder mehr Raum geben würde. Dabei wären Investitionen zur Renaturierung äußerst lohnend, könnte doch ein Großteil der bei Hochwasser entstehenden Schäden in dicht besiedelten Gebieten durch Flutung von Ausweichflächen verhindert werden.

Der BUND startete am Mittwoch zugleich die Kampagne »Rette unser Wasser!« Von der Bundesregierung fordert der Verband Gesetzesänderungen, durch die die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes auch die Zuständigkeit und eine entsprechende personelle und finanzielle Ausstattung für Renaturierungsmaßnahmen erhalten soll. Es müssten aber zahlreiche weitere Stellen für den Gewässerschutz auf kommunaler und Ebene der Länder geschaffen werden.

Außerdem fürchten die Umweltschützer, dass es zu einer Aufweichung der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) kommen könnte. Anlass für die Sorgen ist der bevorstehende WRRL-»Überprüfungsprozess«. Dabei soll erwogen werden, ob zum Beispiel der Zeitraum verlängert werden soll, in dem die dort formulierten Ziele erreicht werden müssen. Die WRRL ist im Jahr 2000 verabschiedet worden. Ursprünglich sollten bestimmte Standards bei der Wasserqualität bereits 2015 erreicht werden. Weil die Mitgliedsstaaten aber weit davon entfernt sind, wurde die Frist bis zum Jahr 2027 verlängert. Der BUND fordert Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) auf, bei der EU-Wasserkonferenz Ende September in Wien für deren Beibehaltung zu stimmen.

Neben der Belastung durch Dünger und Pestizide werden im Bericht Industrieabwässer und Schadstoffe aus dem Bergbau sowie Begradigung und Vertiefung von Flüssen als wesentliche Ursachen für schlechte Wasserqualität benannt.


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