Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 15 / Antifa

Vergessene Kämpferin

Elisabeth Zakowski leistete Widerstand gegen das Naziregime und diskutierte mit einem katholischen Pfarrer über den Kommunismus

Von Gitta Düperthal
Holocaust_victims_co_46012236.jpg
Der Künstler Gunter Demnig beim Verlegen eines Stolpersteins in Budapest (Archivbild, 2015)

Sie ist eine der vergessenen Kämpferinnen aus dem kommunistischen Widerstand gegen den Hitlerfaschismus in Frankfurt am Main: Elisabeth Zakowski, geborene Triebel, am 18. Februar 1897 in Halle zur Welt gekommen. Am 3. Mai 1992 starb sie im Seniorenheim Augustinum in Kassel. Zu Lebzeiten wurden ihr Mut und ihr Engagement nicht publik. Erst im Juni 2017 wurde für Elisabeth Za­kowski ein Stolperstein verlegt: vor ihrem einstigen Haus im Frankfurter Stadtteil Unterliederbach, Karl-König-Weg 36. Seither erforscht Dieter Fauth, Konrektor der Comenius-Realschule in Wertheim, Einzelheiten aus ihrem Leben und ihren politischen Aktivitäten und recherchiert in diversen Archiven. Auf Elisabeth Zakowski war er aufmerksam geworden, weil sie eine der intimen Freundinnen und Weggenossinnen der Schriftstellerin Anna Seghers war: Wie die in der KPD aktive Antifaschistin Lore Wolf wirkte sie ab 1932 im kommunistischen Widerstand und bei der »Roten Hilfe« mit. Befreundet war sie auch mit Katharina Schulz, die als Kinderfrau für Anna Seghers tätig war und mit ihr 1933 ins Exil nach Frankreich ging. Kennengelernt hatten sich die Frauen beim »Kreis christlich-sozialistischer Studenten« in Heidelberg. In Seghers Roman »Das siebte Kreuz« ist mehrfach vom Widerstand der kommunistischen Kreise in Frankfurt und im Vordertaunus die Rede, den die Schriftstellerin nur aus Erzählungen ihrer Freundinnen kannte. Der Kontakt Elisabeth Zakowkis zu Anna Seghers verlor sich in der Nachkriegszeit.

Nach der Urteilsschrift des Oberlandesgerichts Kassel 1937 war Elisabeth Zakowski neben ihrer Berufstätigkeit als Chemikerin bei IG Farben in Frankfurt-Höchst von 1932 an fünf Jahre lang aktiv für die Bezirksleitung der KPD Hessen-Frankfurt. Obgleich sie nie Mitglied war. Sie unterstützte für die »Rote Hilfe« von der Justiz verfolgte linke Aktivisten. Die Organisation wirkte während der Nazizeit noch bis 1936, wie Dieter Fauth berichtet. Seit Weihnachten 1933 hatte Elisabeth Zakowski Kleidung und Lebensmittel für kommunistische Gefangene und deren Angehörige dorthin gebracht. Sie nahm eine Brückenfunktion des linken Widerstands zum »kämpfenden kirchlichen« Widerstand ein. Sie diskutierte mit dem katholischen Frankfurter Pfarrer Alois Eckert über den Kommunismus, machte ihn mit dem führenden Bezirksfunktionär der KPD, Karl Fehler, und Lore Wolf bekannt. Ihr Engagement sei damals lebensgefährlich gewesen, betont Fauth.

Der kommunistische Widerstand sei damals in Frankfurt von »einem humanistischen Umfeld mitgetragen worden«. Am 6. September 1936 wird Elisabeth Zakowki verhaftet. Vom 16. September 1936 bis 6. März 1940 ist sie in der Frauenstraf- und Verwahrungsanstalt Aichach eingesperrt. Im Februar 1937 wird ihr von der Universität Heidelberg der Doktortitel aberkannt.

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe über vergessene kommunistische Widerstandskämpferinnen am Mittwoch zitierte Dieter Fauth aus einem Briefwechsel von 1947. Elisabeth Zakowski fragte darin Anna Seghers und deren Ehemann: »Wollt ihr wieder in dieses unselige Land zurückkehren, dessen äußeres und inneres Los noch völlig nebelhaft sind? Wollt ihr auf die Gefahr hin zurückkehren, ein zweites Mal gehetzt und gejagt zu werden?« Elisabeth Za­kowski, die durch das Naziregime ihren Mann und das gemeinsame Haus verloren hatte, wollte es nicht.

Bis 1973 lebte sie in der DDR in Bitterfeld in Armut. Bis 1936 hatte sie mit Josef Zakowski in Unterliederbach gewohnt. Laut Anklage 1936 war er wie sie selbst wegen des Vorwurfs der »Vorbereitung des Hochverrats« festgenommen worden. Im Frankfurter Polizeigefängnis der Untersuchungshaftanstalt Hammelsgasse erhängte sich Josef Zakowski in der Nacht vom 25. auf den 26. November 1936 mit einem Betttuch am Scharnier des obersten Fensters seiner Zelle. Da sein Selbstmord der brutalen Behandlung in der Haft geschuldet war, bewertete ihn Dieter Fauth als »erweiterten Mord«. Nach Kriegsende versuchte Elisabeth Zakowski, die einzig von dessen »plötzlichen Tod während der Untersuchungshaft« erfahren hatte, vergeblich die Hintergründe zu klären. Mitgefangene seien zu verängstigt für eine Zeugenaussage gewesen – »aus Furcht vor der Rache der Nazis, die ja doch wiederkommen würden«, vermutete sie.

Das Haus des Paares war irgendwann zwischen 1936 und 1940 enteignet worden, die IG Farben erhielt das Vorkaufsrecht. Am 31. Juli 1950 erhielt sie per Gerichtsbeschluss vom nachfolgenden Eigentümer 4.313,63 D-Mark. Fast 30 Jahre sollte es dauern, bis sie weitere Entschädigungen erhielt.

Dieter Fauth spricht mit seinen Recherchen nicht nur ein älteres Publikum an. Beim Gedenken am Stolperstein im Oktober 2017 beteiligten sich elf bis 16-jährige Schülerinnen und Schüler. Freiwillig und außerhalb der regulären Schulzeit hätten von insgesamt 150 Schülern der Comenius-Realschule 70 am Stolperstein Gespräche mit Passanten gesucht. Größtes Lob für seine Tätigkeit aber sei eine Mitteilung aus dem Lehrerkollegium: Sogar rechts gesonnene Schüler seien »ins Grübeln gekommen« – sie befänden sich nicht mehr in potentieller Gefolgschaft der AfD.


Debatte

Artikel empfehlen:

  • Beitrag von Peter B. aus D. (16. Mai 2018 um 13:28 Uhr)

    Sehr geehrte Frau Düperthal,

    Sehr geehrte Redaktion,

    so sehr ich es begrüße, dass Sie einen Artikel zu Frau Zakowski gegen das Vergessen schreiben, so sehr bin ich aber irritiert von Ihren Satz, dass Frau Zakowski bis 1973 in der DDR in Armut lebte....

    Wie definieren Sie bitte schön Armut?

    Ich, der selber aus der DDR stammt, kannte keine Armut. Armut habe ich erst in der BRD nach 1989 kennen gelernt. In der DDR hatte jeder Mensch sein Auskommen, hatte eine Wohnung, Bildung, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern und konnte am kulturellen Leben teilnehmen.

    Ja, wir waren an heutigen Maßstäben sicher nicht reich an materiellem Besitz, aber wir hatten ein sicheres, gutes Leben.

    Es würde mich interessieren, wie Sie zu Ihrer Schlussfolgerung kommen, woran Sie festmachen, was arm in der DDR war.

    Dieser Satz in der JW ist so deplatziert wie falsch.

    Mit freundlichen Grüßen

    Peter Böttcher

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Antifa
  • Auftritt des AfD-Politikers Höcke bei Pegida: Starker Mobilisierungseffekt bleibt bisher aus
    Steve Hollasky