Aus: Ausgabe vom 12.05.2018, Seite 2 / Ausland

»Fühle mich dem russischen Volk verbunden«

Eine halbe Million Menschen feierte in Moskau den Sieg der Roten Armee über den Hitlerfaschismus. Gespräch mit Sven Alisch

Interview: Martin Dolzer
RTS1QLV6.jpg
Hunderttausende Erinnern an die Leistungen der Roten Armee: Marsch des Unsterblichen Regiments in Moskau, 9. Mai 2018

Sie haben am 9. Mai, am Tag des Sieges – wir begehen den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus –, am Marsch des »unsterblichen Regiments« in Moskau teilgenommen. Was ist das für eine Demonstration?

Das ist eine Demonstration der Hinterbliebenen des Zweiten Weltkrieges zu Ehren der Veteranen, die gegen den Hitlerfaschismus kämpften. Die Teilnehmer ehren sowohl die Gefallenen als auch die Überlebenden.

Wer und wie viele Menschen haben daran teilgenommen?

Es war eine Demonstration Gleichgesinnter. Es nahmen etwa 500.000 Menschen teil. Eine Demonstration für den Frieden, bei der auch der russische Präsident in vorderster Reihe mitmarschierte und die Bilder seiner Vorfahren, die an den Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges teilgenommen hatten, trug. Es waren aber auch sehr viele junge Menschen dabei. Menschen, mit denen man sehr schnell ins Gespräch kam. Viele fragten, woher wir kommen, und waren erfreut, dass wir aus Deutschland kamen. Wir spürten eine deutliche Distanzierung von der Bundesregierung.

Ihr Großvater hat auf seiten der Roten Armee gekämpft. Können Sie beschreiben, wie es dazu kam?

Mein Großvater war Jahrgang 1918. Er hatte in einer proletarischen Familie die Machtergreifung der Faschisten 1933 als Jugendlicher miterlebt. Er wollte nicht Soldat werden und auch nicht für Hitler sterben. Als Zwangsverpflichteter hatte er eine tiefe Abneigung gegen den Krieg. Er traf an der Front auf Gleichgesinnte, und die von der Roten Armee abgeworfenen Flugblätter zeigten ihm einen Ausweg aus dem Inferno des Krieges. Bei einem Kampfeinsatz an vorderster Front ließen sie sich absichtlich überrollen, um sich freiwillig zu ergeben. Sie zeigten die Flugblätter und wurden so von den Rotarmisten zu einem Stab gebracht, wo sie freundlich behandelt wurden. Mein Großvater erklärte sich mit anderen bereit, Flugblätter zur Agitation vorzubereiten, um weitere deutsche Soldaten vor dem sinnlosen Tod zu bewahren und sie aufzufordern, sich zu ergeben. Sie halfen so mit, die Mär Hitlers, die Rote Armee nehme keine Gefangenen, zu zerstören.

An welchen Auseinandersetzungen und Kämpfen hat er teilgenommen?

In der letzten Phase des Krieges, nach Überquerung der sowjetischen Grenze, erklärte er sich bereit, an den Kampfhandlungen zur Befreiung der Heimat teilzunehmen. An einem Diversanteneinsatz zur Befreiung Wrocław, der vor allen Dingen der Schonung der Zivilbevölkerung diente, war er mit seinen Kameraden direkt beteiligt. Bei diesem Einsatz fielen zwei seiner Kameraden, Viedt und Wagner.

Momentan wird Russland in den deutschen und westeuropäischen Medien und seitens einiger Politiker regelrecht dämonisiert. Haben wir aufgrund der historischen Ereignisse nicht eine Verantwortung für einen friedlichen Dialog?

Ja, diese Verantwortung haben wir und Deutschland insgesamt. Deutschland wurde von Russland nie bedroht und wird es auch heute nicht. Die Konflikte basieren auf geostrategischen Interessengegensätzen. Es kommt darauf an, dass Russland als gleichberechtigter internationaler Partner geachtet wird und alle Konflikte durch Verhandlungen friedlich gelöst werden. Embargomaßnahmen halte ich für falsch, denn sie treffen stets die einfache russische Bevölkerung. Ich fühle mich dem russischen Volk freundschaftlich verbunden.

Auf dem Marsch des »unsterblichen Regiments« waren viele Symbole der Sowjetunion zu sehen. In einigen osteuropäischen Ländern wie Ungarn und Polen werden momentan sowjetische und sozialistische Symbole aus dem Alltag verbannt und Denkmäler zerstört. Wie ist die Situation in Russland?

Die Denkmäler werden hier sehr gepflegt und immer mit frischen Blumen bestückt. Das ist nicht nur in Moskau so, sondern auch in anderen Städten der Russischen Föderation. Ihre Bedeutung ist sehr groß, vor jeder Hochzeit wird zum Beispiel ein solches Denkmal besucht. Es wäre auch wichtig, dass in der Bildung in der Bundesrepublik Deutschland ein stärkeres und differenzierteres Bild der Ereignisse des zweiten Weltkriegs geschaffen wird. So dass vor allem bei jungen Menschen ein Weg eröffnet wird, sich für den Frieden zu engagieren. Wichtig ist es, dabei auch zu erwähnen, dass in der Sowjetunion 27 Millionen Opfer zu beklagen sind.

Sven Alisch ist der Enkel des während des Zweiten Weltkriegs zur Roten Armee desertierten Gerhard Schmidt. Martin Dolzer sprach mit ihm für junge Welt während der Feierlichkeiten am 9. Mai in Moskau


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Eva Ruppert: Für Frieden kämpfen Am 9. Mai, dem 73. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus, bin ich auf dem Weg nach Treptow zum sowjetischen Ehrenmal. Viele Menschen, hauptsächlich russische Frauen mit großen Blumensträußen, i...

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Brasilien verzeichnet erheblichen Anstieg von Opferzahlen bei Polizeieinsätzen
    Peter Steiniger
  • Im österreichischen Bleiburg findet an diesem Wochenende mit 15.000 Rechten die größte faschistische Veranstaltung in Europa in diesem Jahr statt
    Roland Zschächner
  • Nur eine Woche nach den Parlamentswahlen im Libanon wird auch im Irak gewählt
    Karin Leukefeld, Damaskus
  • Beschäftigte des Internetkonzerns im italienischen Castel San Giovanni organisieren sich. Sie sind Teil einer europäischen Protestbewegung
    Martina Zaninelli
  • Keine Spur von Frieden in Kolumbien
    Ani Dießelmann