Aus: Ausgabe vom 12.05.2018, Seite 15 / Geschichte

Die große Frage

Vor 75 Jahren wurde die Auflösung der Komintern eingeleitet. Der Schritt stand im Zeichen der alliierten Kooperation gegen den Faschismus

Von Leo Schwarz
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Das Ziel der Auflösung der Komintern war Bündnisfähigkeit im Kampf gegen die Nazis – Stalin bei einem Toast auf ­Winston Churchills 69. Geburtstag in Teheran am 30. November 1943 (Churchill links neben Stalin)

Die am 22. Mai 1943 bekanntgegebene Auflösung der Kommunistischen Internationale (KI) sorgte einige Wochen lang weltweit für Schlagzeilen. Im Juni 1943 erschienen in der linksliberalen US-Zeitschrift The Nation gleich mehrere Artikel, in denen über die Gründe spekuliert wurde. Darunter war auch ein namentlich nicht gezeichneter Beitrag, dessen Verfasser ein Hauptmotiv benannte: Die Sowjetunion sei kurzfristig vor allem an einer Konsolidierung der Antihitlerkoalition und einer schnellen, siegreichen Beendigung des Krieges interessiert, wolle die Zusammenarbeit mit den Westmächten aber auch danach fortsetzen. Mit der Auflösung der KI habe sie nun den dafür erforderlichen Preis gezahlt. Der überraschende Schritt verneine nämlich »die große Frage konservativer Elemente in England, Amerika und in den von den Nazis besetzten Ländern«: »Wenn eine zweite Front (in Westeuropa, L. S.) eröffnet wird, (…) werden dann auf die Niederlage der Nazis kommunistische Revolutionen folgen?«

Ein Hindernis

In Moskau wusste man sehr genau, dass etwa den britischen Tories die Wehrmacht in Paris im Zweifelsfall lieber war als eine kommunistische Regierung. Dass in dieser Hinsicht keine Gefahr drohte, war genau die Botschaft, die die sowjetische Diplomatie vermitteln wollte. Nicht nur das 2015 von dem israelischen Historiker Gabriel Gorodetsky in Auszügen edierte Tagebuch von Iwan Maiski, der die Sowjetunion seit 1932 als Botschafter in London vertrat, zeigt das ganz klar. Die Auflösung der KI, notierte Maiski, sei ein »Meilenstein« in der Entwicklung nicht nur der UdSSR, sondern der ganzen Welt. Der Schritt mache deutlich, dass Moskau nach dem Krieg nicht auf die Revolution setzen werde. Die Internationale sei eigentlich schon lange tot gewesen, ihr »Gespenst« habe jedoch für große Schwierigkeiten in den Beziehungen der Sowjetunion zu anderen Staaten bzw. in der Zusammenarbeit kommunistischer Parteien mit anderen Arbeiterparteien gesorgt.

Es passt ins Bild, dass es der sowjetische Außenminister Molotow war, der den Generalsekretär der Komintern, Georgi Dimitroff, am Abend des 8. Mai 1943 darüber informierte, dass die Internationale nach Ansicht Stalins »unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Hindernis« für die selbständige Entwicklung der kommunistischen Parteien sei. Dimitroff stellte zusammen mit Dmitri Manuilski, dem Sekretär des Präsidiums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI), bis zum 11. Mai den Entwurf einer Beschlussvorlage für das Präsidium fertig. Darin wurde den Mitgliedsparteien, die formal lediglich »Sektionen« der Internationale waren, die Auflösung der Organisation vorgeschlagen. Stalin billigte diesen Entwurf, ermahnte Dimitroff jedoch, nichts zu überstürzen und den Eindruck zu vermeiden, dass »wir die führenden ausländischen Genossen einfach davonjagen« wollen. Das Präsidium des EKKI begann dennoch schon am 13. Mai damit, das Papier zu beraten. Dimitroff leitete die Sitzung und bat eingangs ausdrücklich um »freien Meinungsaustausch«. Mit besonderem Nachdruck für die Auflösung plädierten Maurice Thorez und der Bulgare Wassil Kolarow. Skeptisch zeigte sich vor allem Wilhelm Pieck. Er bezweifelte, dass alle Mitgliedsparteien in der Lage seien, selbständig eine eigene politische Linie auszuarbeiten und erfolgreich umzusetzen. Die Niederlage Deutschlands sei ebenso absehbar wie innere Erschütterungen in den vom Krieg betroffenen europäischen Ländern. Es sei nicht ratsam, die Internationale in einem solchen Moment aufzulösen. Das blieb jedoch eine Einzelmeinung.

Am 17. Mai wurde das Papier abschließend beraten und am 22. Mai in der Form eines auf den 15. Mai datierten Briefes an die Mitgliedsparteien in der Zeitschrift der Komintern veröffentlicht. 31 Sektionen erklärten bis Anfang Juni ihr Einverständnis. Einige, darunter die KP Chinas, betonten in ihren Antwortschreiben, von nun an autonom agieren zu wollen. Am 10. Juni 1943 stellten auf Beschluss des Präsidiums alle Organe der Komintern ihre Tätigkeit ein. Die neugegründete Abteilung »Internationale Information« beim ZK der KPdSU übernahm Teile des Komintern-Apparats, darunter die Rundfunksendungen, die Nachrichtenagentur und den Verlag für fremdsprachige Literatur. Dimitroff und Manuilski wurden hier stellvertretende Abteilungsleiter. Das verdeckte Kurier- und Verbindungswesen wurde zumindest zum Teil in die sowjetischen Nachrichtendienste integriert.

Langfristig gescheitert

Die Initiative zur Auflösung der KI ging unzweifelhaft von Stalin aus. Da es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass dieser naiv genug war anzunehmen, er könne mit derartigen Gesten eine nachhaltige Aussöhnung konservativer Kräfte mit der Sowjetunion herbeiführen, liegt ein anderer Schluss nahe: Er hielt die Position der Sowjetunion gegenüber Großbritannien und den USA für so schwach, dass er nach jedem Strohhalm griff, der eine abermalige internationale Isolation des Landes weniger wahrscheinlich zu machen schien. Die Sowjetunion hat, wie neuere Studien zeigen, zwischen 1943 und 1947 in jeder Beziehung mäßigend auf die kommunistischen Parteien in Westeuropa eingewirkt. Kurzfristig machte die Auflösung der KI diese Parteien ohne Zweifel in hohem Maße »bündnisfähig« (wenn auch nur nach rechts).

Letztlich ist diese Strategie aber gescheitert. Nach 1945 hat man im Westen keinen Augenblick gezögert, die kommunistischen Parteien im alten Stil als »Agenturen« einer »fremden Macht« zu denunzieren. Schon im Mai 1947 flogen die kommunistischen Minister aus den Regierungen in Frankreich und Italien, und die antikommunistische Hysterie strebte einem neuen Höhepunkt zu. Auf Dauer problematischer war die Fragmentierung der kommunistischen Weltbewegung. Seit 1943 waren die nationalen Parteien nicht mehr an Beschlüsse von Weltkongressen gebunden. Das musste sich nach und nach auf deren Selbstverständnis und Programmatik auswirken. Auch aus dem engen Blickwinkel des außenpolitischen Interesses der Sowjetunion war die Auflösung der Komintern kontraproduktiv. Das war nicht sofort spürbar, da das Prestige des Landes nach 1945 gewaltig und die Bindung der einzelnen Parteien an dieses Zentrum nun zwar informell, aber dennoch eng war. Um die Mitte der 1960er Jahre hatte sich dieser Mechanismus jedoch abgenutzt.

Wir wissen, dass viele Genossen die Frage aufwerfen, ob nicht die Sowjetunion in ihrer Bündnispolitik mit den Imperialisten zu weit gehe und in das Schlepptau der Engländer und Amerikaner gerate. Wir haben auch gelesen, dass in einem politischen Dokument einer Gruppe revolutionärer Arbeiter in Berlin die Dinge so dargestellt werden, als ob zwischen Roosevelt und Stalin eine Teilung der wichtigsten Gebiete der Welt vereinbart worden sei. (…) Die Niederringung des deutschen Faschismus ist nicht mehr das Ziel einer fernen Zukunft, sondern wird das praktische Ergebnis der zur Zeit tobenden Schlachten sein. Europa ohne ein von Deutschland repräsentiertes faschistisches Zentrum beginnt reale Gestalt anzunehmen. Sich auf diesen Augenblick einzustellen, der das Zusammenbrechen der augenblicklichen Koalition im Gefolge haben wird, ist das Ziel der russischen Außenpolitik. (…) Die Sowjetunion und das Proletariat der europäischen Länder brauchen nach dem Aderlass dieses zweiten Weltkrieges Frieden und Erholung. Es kommt also alles darauf an, eine politische Kräfteverteilung zu schaffen und zu erzwingen, die es den Imperialisten auch nach einem Sieg über den deutschen Faschismus unmöglich macht, sich gegen die europäische Arbeiterklasse und die Sowjetunion zu wenden.

Aus einer von Franz Jacob verfassten Analyse (»Zur Lage«) für die Meinungsbildung unter Funktionären der illegalen KPD, Oktober 1943. Zitiert nach Ursel Hochmuth: Illegale KPD und Bewegung »Freies Deutschland« in Berlin und Brandenburg 1942–1945, Berlin 1998, S. 290 ff.


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  • Doris Prato: Starke UdSSR Sicher ein informativer und angebrachter Beitrag. Er weist zunächst einen großen Mangel auf. Es fehlen die zur Thematik erforderlichen und zu erwartenden Quellen (ausgenommen Maiski) zu den Zitierunge...

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