Aus: Ausgabe vom 11.05.2018, Seite 5 / Inland

Präsident der Atomindustrie

Umweltverbände protestieren gegen die Verleihung des Karlspreises an Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron. Schrottreaktoren sollen schließen

Von Juliane Dickel
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Macron ins Wort gefallen: Demonstranten skandierten »Stop Tihange« vor der Preisverleihung in Aachen (10. Mai)

Etwa 1.000 Demonstranten protestierten am Donnerstag in Aachen für ein atomfreies Europa und die Abschaltung grenznaher Schrottreaktoren. Anlass war die Verleihung des Karlspreises an den französischen Atom-Präsidenten Emmanuel Macron als Vorzeigeeuropäer.

Mit gelber Kleidung, Regenschirmen und Plakaten setzte Aachen gestern ein Zeichen gegen Atomkraft. Auf einem vierzig Quadratmeter großen Banner forderten Aktivisten am Rathausplatz einen Atomausstieg der Europäischen Union. Die Stimmung sei fantastisch gewesen, freute sich Jörg Schellenberg, Sprecher der Antiatominitiative »Stop Tihange«. Die Rufe »Tihange Aus« müssten durch die Fensterfront in den Festsaal gedrungen sein.

Der Karlspreis soll an Persönlichkeiten oder Institutionen verliehen werden, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Aber, so die Demonstranten, wer wie Macron andere Länder durch eigene Atomkraftwerke gefährde, sei ein schlechter Europäer.

Mit Macron und Kanzlerin Angela Merkel, die die Laudatio hielt, säßen dort einflussreiche Leute, die die Sicherheit in der Region komplett ignorieren würden, kritisierte Schellenberg, »und dafür von den Stadtoberen auch noch mit einem Preis ausgezeichnet werden«. Besonders absurd ist: Gerade diese Stadtregion hat 2016 in Brüssel auf Stilllegung des wegen seiner vielen Pannen umstrittenen AKW Tihange 2 in Belgien geklagt – unterstützt vom Land Nordrhein-Westfalen.

Frankreich deckt, als weltweit zweitgrößter Atomstromproduzent, knapp 75 Prozent seines Bedarfs durch AKW – sofern die alten Reaktoren nicht gerade abgeschaltet sind aufgrund von starker Hitze, Störfällen oder anderen Unregelmäßigkeiten. Die grenznahen AKW Cattenom und Fessenheim sind besonders alt und umstritten. Hinzu kommt der Uranabbau des französischen Konzerns Areva im Niger mit erheblichen Schäden für Mensch und Natur.

Die EDF-Framatome, mehrheitlich im französischen Staatsbesitz, betreibt die Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen, die nicht nur deutsche, sondern auch viele umstrittene ausländische Anlagen beliefert. Beim belgischen AKW Betreiber Engie-Electrabel ist der französische Staat der größte Einzelaktionär. Und damit auch größter Anteilseigner an den sogenannten Schrottreaktoren Tihange und Doel. Letzterer war zuletzt vergangene Woche wegen eines Lecks im Notkühlwasserkreislauf präventiv heruntergefahren worden.

Neben der grenzüberschreitenden Gefährdung von Millionen Menschen behinderten die großen Atomstrommengen im Netz die europäische Energiewende, kritisierten die Veranstalter. Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital forderte die Kanzlerin daher auf, Macron von der Energiewende zu überzeugen: »Rücksichtnahme auf die Nachbarstaaten sieht anders aus«, sagte er. Die Zukunft Europas sei erneuerbar.

Frankreich plant nach eigenen Angaben Atomkraft bis 2025 auf 50 Prozent zu reduzieren. Das wäre ein Anfang, so Schellenberg, »Aber aktuell ist es aus meiner Sicht nicht erkennbar, Macron ist ein knallharter Vertreter der Atomindustrie.«

Die offensive Atomstrategie des französischen Staats steht im Gegensatz zum deutschen Ausstiegsbeschluss. Ein Vorhaben, von dem die Bundespolitik allerdings die Brennelementefabrik Lingen und die Urananreicherungsanlage Gronau ausgenommen hat. Nach Aachen geht der Protest daher am 9. Juni weiter mit einer überregionalen Demonstration in Lingen, vom AKW zur Brennelementefabrik, getragen von einem breiten Bündnis von Initiativen. Gefordert wird, den Fehler des Atomausstiegsgesetzes von 2011 zu korrigieren und die Laufzeiten aller Atomanlagen zu begrenzen.

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