Aus: Ausgabe vom 09.05.2018, Seite 6 / Ausland

Landräuber in Afrin

Dschihadisten okkupieren kurdische Dörfer. Aufstand gegen türkische Besatzung in Al-Bab

Von Nick Brauns
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Menschen stehen in Afrin an, um Lebensmittel zu bekommen. Daneben steht ein Panzer der türkischen Armee (22. März 2018)

In der türkisch besetzten nordsyrischen Region Afrin werden Tausende islamistische »Gotteskrieger« angesiedelt. Zuerst hatten 4.000 Familien von Kämpfern der »Freien Syrischen Armee« (FSA), die am Einmarsch in den kurdischen Selbstverwaltungskanton beteiligt waren, Häuser und Wohnungen geflohener Kurden okkupiert. Nun kommen auch aus anderen Landesteilen Dschihadisten nach Afrin.

Im April hatten sich unter russischer Vermittlung islamistische Kämpfer und ihre Familien aus den wieder von der syrische Regierung kontrollierten Vororten von Damaskus, der Ostghuta und Kalamun zurückgezogen. Aufgenommen wurden die rund 70.000 Menschen zuerst in der türkisch besetzten Region um Al-Bab und der von Al-Qaida-nahen Kampfverbänden kontrollierten Provinz Idlib. Wegen der syrischen Luftangriffe auf Idlib und auch der Konflikte zwischen verschiedenen islamistischen Kampfverbänden zog ein Teil weiter in das sicherere Afrin. Einige Dschihadisten wurden sogar von der russischen Militärpolizei in Bussen aus dem Umland von Damaskus nach Afrin eskortiert.

Unterdessen häufen sich Meldungen, wonach die FSA geflohene Kurden daran hindert, nach Afrin zurückzukehren. Nach Angaben der UNO wurden mehr als 137.000 Zivilisten aus Afrin vertrieben. Kurdische Quellen gehen von 300.000 Geflüchteten aus, von denen die Hälfte in Flüchtlingscamps in der wüstenähnlichen Region Scheba um die Stadt Tell Rifat lebt.
Die zivile Verwaltung von Afrin liegt seit Ende April in der Hand eines ausschließlich aus männlichen kurdischen und arabischen Kollaborateuren zusammengesetzten Afrin-Rates, der vom Gouverneur der türkischen Provinz Hatay koordiniert wird. Inzwischen gilt offiziell das islamische Scharia-Recht in der strengen Auslegung der Dschihadisten. »Nach Angaben ortsansässiger Quellen ist es Frauen in Afrin mittlerweile verboten, ohne schwarze Verhüllung und männliche Begleitung das Haus zu verlassen«, berichtete Sozda Oremar von der kurdischen Frauennachrichtenagentur Jin News. Verschleppungen von Frauen und Mädchen als Sexsklavinnen, aber auch für Lösegeldforderungen seien dort an der Tagesordnung.

Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG, die zu einem Guerillakrieg gegen die Besatzer übergegangen sind, warnen vor einer gezielten Veränderung der demographischen Struktur Afrins durch die Ansiedlung der mehrheitlich arabischen Islamisten. Die YPG bekannten sich zur Tötung des hochrangigen FSA-Kommandanten Dschamal Al-Sakhul in der vergangenen Woche. Al-Sakhul war als Verbindungsmann des türkischen Geheimdienstes für die Ansiedlung von Dschihadisten, den Aufbau eines Sicherheitsdienstes und die Einrichtung von Scharia-Gerichtshöfen verantwortlich.

In der bereits seit Februar 2017 türkisch besetzten nordsyrischen Stadt Al-Bab gibt es seit Tagen Proteste gegen die Fremdherrschaft. Ausgelöst wurden sie durch Kämpfe zwischen der türkeitreuen Miliz Ahrar Al-Scharkija und dem örtlichen Al-Waki-Stamm, in deren Verlauf die Miliz mehrere Stadtviertel mit Artillerie beschoss und das städtische Krankenhaus stürmte. Als am Montag Einwohner unter den Parolen »Al-Bab ist unsere Heimat« und »Türkische Armee raus aus Syrien« auf die Straße gingen, eröffneten türkische Soldaten das Feuer auf die Demonstranten. Mehrere Zivilisten wurden dabei getötet.

Regelmäßig kommt es auch zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Kampfgruppen im türkischen Besatzungsgebiet. Verwunderlich ist dies nicht, da sich dort inzwischen Zehntausende aus anderen Landesteilen evakuierte »Gotteskrieger« ohne wirtschaftliche und politische Perspektive in übervölkerten Dörfern ballen. Die Türkei habe die »Rebellen«, die sie jetzt in leeren kurdischen Dörfern ansiedelt, nur für ihre eigenen Ziele benutzt, beklagte der oppositionsnahen Informationsdienst »Syrian Rebellion Observatory«. Die Türkei sei keine Schutzmacht der »Rebellen«, sondern vielmehr ihr Wärter in einem »gigantischen Freiluftgefängnis«.


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