Aus: Ausgabe vom 02.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

Servicewüste Nordnordost

Busfahren in Rostock ist nicht so einfach

Von Annette Riemer
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Wer die Hansestadt Rostock zu Wasser erreicht, fährt, rudert, paddelt oder segelt – je nach Wasserfahrzeug – an Warnemünde vorbei und ankert im Breitling: Der Rostocker Seehafen befindet sich im Stadtteil Peez, Luftlinie etwa zehn Kilometer von der Innenstadt entfernt.

Diesen Hafen steuern Fährschiffe aus dem schwedischen Trelleborg, dem polnischen Gdynia und dem dänischen Gedser an, und wer nicht gerade sein Landfahrzeug im Zwischendeck des Schiffes mit sich führt, ist auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, um in das eigentliche Rostock zu gelangen: Zu Fuß macht sich das schlecht, weil nur die A 19 durch das Ackerland und die Industriebrachen führt. Wie gesagt: zehn Kilometer.

Also warten an der Haltestelle »Rostock Seehafen Fähre« in der Ost-West-Straße direkt unterhalb des Hafens Dänen, Schweden und Polen auf den Bus. Die Linie 49 führt ins Zentrum und wahlweise zum Hauptbahnhof.

Der Bus kommt nur einmal die Stunde. Ausländer wissen ja spätestens seit der sogenannten Flüchtlingskrise, dass sie im Osten nicht sooo willkommen sind. Um so größer ist dann auch die Freude, dass der Bus diese stille Ecke tatsächlich anfährt. Aber da ergibt sich plötzlich ein Problem.

Ein Schwede sagt, dass er zum Bahnhof will. Und zwar in perfektem Hochdeutsch. Er hält dem Busfahrer einen 50-Euro-Schein in. Das findet der Busfahrer gar nicht in Ordnung. »Fahrkarten gibt’s am Automaten hinten«, meint er und nickt in Richtung Busmitte. Der Schwede ist schon halb im Gang, da ruft der Fahrer ihm hinterher: »Aber der nimmt nur 10-Euro-Scheine!«

Es braucht einen Moment, bis der Schwede das versteht. Er sieht sich ratlos um. »Die haben mir in der Bank keine kleineren Scheine gewechselt«, sagt er. Die dänische Reisegruppe, die zu dem Fahrer aufgerückt ist, bekundet Zustimmung. Auch sie haben offenbar nur große Scheine. »Und was soll ich jetzt machen?« fragt der Schwede.

Der Fahrer zuckt mit den Schultern. »Sie können ja jemand fragen, ob er Ihnen wechseln kann.« Zwei ältere Damen sitzen in der Nähe des Fahrers. Sie ziehen sogleich ihre Handtaschen enger an die Brust. Ausländer, die nach Geld fragen? Das hat ihnen noch gefehlt.

Der Fahrer aber hat es nun eilig. Der Fahrplan drückt. »Was jetzt?« knurrt er die Dänen an, die vor Schreck zwei Schritte zurücktreten und im nächsten Moment die Bustür vor der Nase zugeschlagen bekommen. Der Bus fährt an. Der Schwede starrt verdutzt auf den Kartenautomat und vergewissert sich, dass hier weder mit einem 50-Euro-Schein noch mit Karte bezahlt werden kann. Dann geht er wieder zum Fahrer vor. »Was soll ich jetzt machen?« fragt er wieder.

»Wenn Sie keine Karte haben, müssen Sie aussteigen«, sagt der Fahrer, ohne ihn anzusehen. »Ich will ja eine kaufen!« »Aber das geht nicht!« ruft der Fahrer entnervt. Er fährt die nächste Haltestelle an. Niemand steigt aus, niemand steigt ein: Es ist eine einsame Hütte an der Autobahn. »Sie haben keine Karte, Sie müssen raus!« sagt der Fahrer zu dem Schweden. Der protestiert: »Sie haben den Service, ich möchte bezahlen. Das ist doch Ihr Problem, dass Sie nicht wechseln können«, meint der. »Ich habe gar kein Problem. Ich mache hier nur meinen Job«, sagt der Fahrer. »Und Karten zu verkaufen gehört nicht dazu. Das macht der Automat. Also raus jetzt!«

Der Schwede kapituliert und steigt aus. Hinter ihm tut sich ein Weizenfeld auf, am Horizont ist ein Kraftwerk zu sehen. Der Bus fährt wieder an. »Na, hoffentlich sind wir jetzt auch noch pünktlich«, raunt die eine Frau ihrer Nachbarin zu. »Ja, nicht? Immer diese Ausländer – halten sich nicht an die einfachsten Regeln.«


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