Aus: Ausgabe vom 27.04.2018, Seite 15 / Feminismus

Chronistin und Widerstandskämpferin

Vor 100 Jahren wurde die Schriftstellerin Anja Lundholm geboren

Von Christiana Puschak
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Anja Lundholm, Literatin und Überlebende des Konzentrationslagers Ravensbrück, 1998 in Wiesbaden

Mit phänomenaler Beobachtungsgabe hat sie über die Schrecken ihrer Kindheit, die Verbrechen der Nazis und die in Konzentrationslagern erlebten Greuel geschrieben. Für das Unaussprechbare fand Anja Lundholm eine Sprache. »Ich schrieb Tag und Nacht, genauer, es schrieb mich. Es war etwas in mir aufgebrochen, das sich nicht mehr zurückdrängen ließ«, erinnerte sie sich später. Ihre Geschichte ist eine von Widerstand und Niemals-Aufgeben. In einem ihrer letzten Interviews sagte Lundholm, der Mensch sei zu allem fähig, sei beinflussbar, lenkbar, und das bereite Angst. Lange wurde ihre literarische Arbeit von der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Erst ihr Buch »Das Höllentor«, ein erschütterndes Dokument ihrer Gefangenschaft im Frauen-KZ Ravensbrück brachte 1988 größere Aufmerksamkeit für ihr Werk. Dabei hatte sie zuvor schon zehn Romane veröffentlicht.

Am 28. April 1918 wurde sie in Düsseldorf als Helga Erdtmann geboren. Ihr Vater war Apotheker, die Mutter stammte aus einer Bankiersfamilie. Das Mädchen erlebte früh, was es heißt, nicht erwünscht zu sein. Der Vater, ein deutschnationaler Familientyrann, bestimmte die Regeln. Mutter und Tochter litten unter der von ihm ausgeübten psychischen und physischen Gewalt, den Schlägen mit der Hundepeitsche und dem Liebesentzug. Wenn er mittags nach Hause kam, mussten sie hinter den Stühlen stehen und durften sich erst setzen, wenn er es erlaubte. Dieses von Lundholm in ihrem Buch »Geordnete Verhältnisse« (1983) geschilderte Ritual zeige auf beklemmende Weise, wie viel ein bürgerlicher Mittagstisch mit dem Weg in den Faschismus zu tun habe, schrieb die Schriftstellerin Eva Demski im Nachwort zu »Höllentor«. Die Mutter, durch die Faschisten erst zur Jüdin erklärt, nahm sich 1938 das Leben. Ihr Mann war schon 1934 Mitglied der SS geworden.

Helga hatte 1936 in Berlin ein Musikstudium aufgenommen. Dort erreichte sie auch die Nachricht vom Tod der Mutter. Als »Halbjüdin«, aber auch wegen ihrer Teilnahme an Treffen oppositioneller Gruppen, war sie in großer Gefahr. 1941 gelang ihr die Flucht – nach Rom. Dort schloss sie sich einer italienischen Widerstandsgruppe an, die Verfolgten des Naziregimes half und »gegen den maledetto fascismo« aktiv war. Im Sommer 1943 wurde sie von ihrem Vater denunziert, nachdem sie sich bei ihm gemeldet und ihn um Geld aus ihrem Erbteil gebeten hatte.

Sie wurde von der Gestapo verhaftet, verhört, gefoltert und ins KZ Ravensbrück überführt, wo sie Opfer medizinischer Experimente wurde. Im April 1945 wurde das Außenlager, in dem sie Zwangsarbeit verrichten musste, evakuiert. Auf dem »Todesmarsch« gelang ihr die Flucht, die schließlich in Brüssel endete. Dort schlug sie sich als Barpianistin durch, lernte einen schwedischen Kaufmann kennen, heiratete ihn und wurde 1951 Mutter eines Sohnes. Nach dem Scheitern der Ehe kehrte sie 1953 von Schweden nach Deutschland zurück. Ihr Vater, erfolgreich »entnazifiziert«, brachte noch einmal Leid über sie. Auf sein Betreiben hin wurde der alleinerziehenden Mutter wegen »unmoralischen Lebenswandels« das Sorgerecht für ihre beiden Kinder aberkannt – die Tochter Diana war erst 1950 von britischen Journalisten in Italien ausfindig gemacht worden und lebte von da an ebenfalls bei ihr.

Anja Lundholms Sprachtalent half ihr, sich als Dolmetscherin, Übersetzerin, Journalistin und Schriftstellerin zu behaupten. Dennoch war sie im Alter auf Sozialhilfe angewiesen, trotz Leistungen zur »Wiedergutmachung«. Denn bereits seit Beginn der 1950er Jahre hatte sie an Multipler Sklerose gelitten. Für Lundholm war die Erkrankung eine Spätfolge der im KZ durchlittenen Qualen. Doch sie kämpfte unermüdlich gegen die Erkrankung – auch, indem sie schrieb. Erst spät wurde sie mit Preisen geehrt. Sie starb am 4. August 2007 in Frankfurt am Main.


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