Aus: Ausgabe vom 27.04.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Oligarch in Nöten

Korruption: Französische Justiz setzt Milliardär und Großunternehmer Bolloré fest. Der gilt als ein Patron der »Françafrique«

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Vincent Bolloré (2.v.l.) neben den Staatschefs von Niger, Mahamadou Issoufou (l.) und Benin, Thomas Yayi Boni, beim Baubeginn einer neuen Bahnlinie 2014 in Benins Hauptstadt Cotonou

Wenn in Paris über »Françafrique« gesprochen wird, sind für gewöhnlich die auf Korruption basierenden Beziehungen zwischen afrikanischen Despoten und deren ehemaligen Kolonialherren gemeint. Als einer der mächtigsten Vertreter dieses seit Jahrzehnten bis tief in die französische Regierungspolitik hineinreichenden Netzwerkes gilt der bretonische Milliardär Vincent Bolloré. Der umtriebige Privatinvestor und Vorstandschef des Versorgungsriesen und weltweit größten Multimediaunternehmens Vivendi wird verdächtigt, sich in Togo und Guinea Hafenrechte durch Bestechung erkauft zu haben. Am Mittwoch wurde er von der Justiz festgesetzt.

Der 66jährige Oligarch hat in der französischen Politik Freunde von Bedeutung. Zu denen zählen der ehemalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy, dessen früherer Aussenminister Bernard Kouchner, oder auch Emmanuel Macrons Aussenminister Jean-Yves Le Drian. Bolloré begann seinen Aufstieg zum »Industriekapitän«, wie er sich gerne nennen lässt, in der väterlichen Papierfabrik OCB – die Familie stellte Blättchen für die Zigarettendreher her.

Heute ist er einer der einflussreichsten Großunternehmer Frankreichs. Als Medienfürst herrscht er über die TV-Gruppe Canal plus, die er regelmäßig nutzt, um seine politisch-ökonomischen Pläne mit publizistischen Mitteln zu begleiten und voranzutreiben. In den frankphonen Staaten Westafrikas hat er sich in den vergangenen 20 Jahren quasi das Monopol im Schienenverkehr gesichert und kontrolliert seit rund zehn Jahren auch die wichtigsten Häfen in Togo, Guinea und der Elfenbeinküste. Bolloré herrscht über die wichtigen Eisenbahnstränge Burkina Fasos ebenso wie über die strategisch bedeutenden Verbindungswege, die den Tschad und Zentralafrika – Länder ohne Zugang zum Meer – an den internationalen Warenverkehr anbinden.

Hinweise auf den Ursprung seiner gewaltigen wirtschaftlichen Macht in »Françafrique« entdeckten die Einheiten der in Paris-Nanterre angesiedelten Antikorruptionspolizei schon vor sieben Jahren. Bei der von einem ehemaligen Bolloré-Partner angeregten Durchsuchung des Firmensitzes in Puteaux im Norden von Paris fanden die Ermittler 2010 offenbar Indizien dafür, dass Bolloré den erfolgreichen Wahlkampf der heutigen Staatschefs Faure Gnassingbé (Togo) und Alpha Condé (Guinea) finanziell und medial unterstützt hatte. Im gleichen Zeitraum sicherte er sich für die Dauer von 35 Jahren die Rechte an den Häfen in Lomé und Conakry.

Von Reportern der Pariser Tageszeitung Le Monde zu den Verbindungen des Patrons in die westafrikanische Politik befragt, erläuterte Condé 2016: »Bolloré erfüllte alle für den Zugriff auf den Hafen gestellten Bedingungen. Er ist ein Freund – ich bevorzuge Freunde, was solls?« Heute kontrolliert der Franzose nach Angaben der Tageszeitung l’Humanité rund 70 Prozent der westafrikanischen und 30 Prozent der ostafrikanischen Hafenanlagen.

Bollorés politische Aktivitäten mündeten 2004 auch in eine »Übereinkunft« mit dem damaligen Herrscher der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo, die ihm die Übernahme des Containerterminals in Abidjan und der für den Warentransport ins Landesinnere und die Nachbarländer unentbehrlichen Schienenwege sicherte, wie Humanité am Mittwoch berichtete. Ein Monopol, das Gbagbos Nachfolger Alassane Ouattara zu brechen versprach. Die Vergabe des zweiten Terminals wurde zwar öffentlich ausgeschrieben, es sei aber den konkurrierenden Unternehmen aus Marseille und von den Philippinen von Bolloré auf wundersame Weise vor der Nase weggeschnappt worden.

Schon der Vater, Michel Bolloré, wusste offenbar, dass die Pflege der politischen Landschaft dem Geschäft nur zuträglich sein kann. In seinem Herrenhaus in der Bretagne hatte er Ende der vierziger Jahre Leute wie den damaligen Präsidenten der ersten provisorischen Nachkriegsregierung Léon Blum, das Ehepaar Pompidou oder auch den König von Marokko zu Gast. In einem Interview mit der Tageszeitung Le Parisien gestand Vincents Vater einst bescheiden: »Wir empfingen und empfangen auch heute berühmte Leute. Die Gastfreundschaft ist Teil unserer Kultur und unserer Werte.«

Was der Alte begann, führte der Sohn weiter – nur weit umfangreicher. 2008, als Korruptionsvorwürfe das Unternehmen in Kamerun – Bastion des Netzwerkes Françafrique – schwer zu belasten drohten, erklärte sein damaliger Generaldirektor Gilles Alix der Presse zu Hause: »Wir sind schon lange in Afrika, wir kennen das allgemeine Ambiente gut – das politische und das Geschäftsmilieu. Es sind historisch gewachsene Beziehungen. Die Minister dort, wir kennen sie alle. Sie sind Freunde. Von Zeit zu Zeit geben wir ihnen, wenn sie nicht mehr Minister sind, einen Posten in unseren Filialen. Damit sie das Gesicht retten. Wir wissen auch, dass sie eines Tages erneut Minister werden können.«

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