Aus: Ausgabe vom 26.04.2018, Seite 8 / Ansichten

Expräsidentin des Tages: Cristina Cifuentes

Von André Scheer
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Cristina Cifuentes bei ihrer Rücktrittserklärung am Mittwoch in Madrid

Politiker genießen einen zweifelhaften Ruf. Das seien doch alles Diebe und Betrüger, heißt es, und manchmal mit Recht. In Spanien hat man sich fast schon daran gewöhnt. Dort kann man zwar wegen Beleidigung des Herrgotts und der Jungfrau Maria vor Gericht gezerrt werden, wie es gerade dem Schauspieler Willy Toledo passiert. Aber Korruption ist ein Kavaliersdelikt, das noch keiner Karriere geschadet hat.

So hatte es sich wohl auch Cristina Cifuentes gedacht. Sie war bis gestern Präsidentin der Autonomen Gemeinschaft Madrid, die Spaniens Hauptstadt und den sie umgebenden Ballungsraum umfasst. Und natürlich gehört Frau Cifuentes der in Spanien regierenden Volkspartei (PP) an, wie es sich gehört, wenn Gesetze nur für die anderen gelten sollen. Ein hohes Amt in der PP gilt im Königreich eigentlich als die beste Lebensversicherung, um nicht über Skandälchen und Affären zu stolpern. Allerdings darf man sich auch nicht allzu dämlich anstellen.

Seit gut einem Monat herrschte im spanischen Blätterwald Aufregung, weil sich herausgestellt hatte, dass ihr angeblicher Masterabschluss an der König-Juan-Carlos-Universität gefälscht ist. Zwei von drei Noten seien von »nicht vorgelegt« zu »gut« geändert worden, hieß es. Und nicht einmal ihre Masterarbeit scheint zu existieren. Obwohl die Staatsanwaltschaft deshalb Ermittlungen eingeleitet hat, war Cifuentes wild entschlossen, Präsidentin zu bleiben. Und sie hatte gute Chancen, damit durchzukommen. Doch dann veröffentlichte am Mittwoch ausgerechnet Ok Diario – wo sonst bevorzugt Jagd auf »Separatisten« und Linke gemacht wird – ein Video. Es zeigt, wie die damalige Vizepräsidentin des Madrider Regionalparlaments 2011 in einem Supermarkt beim Diebstahl erwischt wurde. Zwei Dosen Anti-Aging-Creme wollte die feine Dame an der Kasse vorbeischmuggeln. Natürlich war alles nur ein Versehen, beteuert sie heute. Aber ihren Job ist sie los. Hätte sie sich doch lieber weiter darauf beschränkt, Millionen Euro der Steuerzahler zu verprassen. Für so was macht man in Spanien Karriere.

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