Aus: Ausgabe vom 26.04.2018, Seite 5 / Inland

Ein Schritt vor, zwei zurück

Regierung: 35.000 Pflegekräfte fehlen. Union und SPD wollen 8.000 neue Stellen schaffen. Verdi sieht Bedarf im sechsstelligen Bereich

Von Simon Zeise
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Fast überall erhebt sich Protest gegen Personalmangel in Krankenhäusern (Uniklinikum Heidelberg, 25. Januar)

In Deutschland krankt es an der Pflege. Wie die Bundesregierung am Mittwoch mitteilte, fehlen hierzulande mindestens 35.000 Arbeitskräfte in dem Bereich. In der Altenpflege seien rund 23.000 Stellen offen, in der Krankenpflege fehlten mehr als 12.000 Fachkräfte und Helfer, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion hervorgeht.

Das Gesundheitsministerium beruft sich in seiner Antwort, auf die Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit. Demnach fehlten 2017 bundesweit rund 15.000 Altenpflegefachkräfte und etwa 8.000 Altenpflegehelfer. Hinzu kämen rund 11.000 offene Stellen bei Krankenpflegefachkräften und rund 1.400 weitere bei Krankenpflegehelfern.

Dabei klafft das Verhältnis der offenen Stellen zu den arbeitslosen Kräften teilweise dramatisch auseinander: In der Altenpflege kommen auf 100 zu besetzende Stellen nur 21 arbeitslose Fachkräfte, wie es in der Antwort des Ministeriums heißt. In der Krankenpflege liegt das Verhältnis bei 100 zu 41. Ein Sprecher des Ministeriums sagte in Berlin, das im Koalitionsvertrag vereinbarte Sofortprogramm mit 8.000 neuen Stellen sei »der erste Schritt«, um die Pflegekräfte zu entlasten. »Um dauerhaft ausreichend Personal im Pflegebereich zu bekommen, sind natürlich mehr Stellschrauben notwendig«, fügte er unter Verweis etwa auf eine Stärkung der Ausbildung und Bezahlung nach Tarif hinzu.

Für die Gewerkschaft sind Bekenntnisse nicht genug. Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler erklärte gegenüber jW: »Bei der Pflege darf die Bundesregierung nicht kleckern, sie muss klotzen.« In Alten- und Krankenpflege zusammengenommen gebe es einen Stellenbedarf im sechsstelligen Bereich, so Bühler. Menschen müssten sich darauf verlassen können, im Bedarfsfall gut und sicher versorgt und gepflegt zu werden, Beschäftigte dürften für diese verantwortungsvolle und oft auch belastenden Arbeit rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr gute Bedingungen verlangen. »In der Altenpflege empfinden die Beschäftigten die 8.000 zusätzlichen Stellen schon fast als Hohn, denn mit durchschnittlich 0,6 Stellen mehr pro Einrichtung wird weder die Versorgung besser, noch bringen sie spürbare Entlastung.« Zurecht erwarteten die Beschäftigten, dass zügig und nachhaltig umgesetzt werde, was im Wahlkampf von allen Parteien versprochen wurde, so Bühler.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz machte die Unternehmer für den Pflegenotstand verantwortlich. »Es kann nicht sein, dass Krankenhäuser und Pflegeheimbetreiber auf Kosten der Pflegekräfte sparen und sogar ihren Profit steigern«, erklärte Vorstand Eugen Brysch gegenüber AFP. Schließlich seien in den Krankenhäusern über Jahre zusätzliche Arztstellen entstanden, während Pflegestellen abgebaut worden seien.

Die Bundestagsabgeordnete Pia Zimmermann (Die Linke) teilte mit, die aktuellen Zahlen der Bundesregierung zum Ausmaß des Fachkräftemangels in der Pflege dürften niemanden überraschen. »Die Bundesregierung hat in den letzten Jahren geradezu einen Raubbau an Fachkräften in der Pflege betrieben«, so Zimmermann. Letztere litten seit Jahren nicht nur unter »unterirdisch schlechter Bezahlung«, sondern auch unter »schlechten Arbeitsbedingungen und einer Politik, die Wertschätzung für Pflegekräfte offenbar für überflüssig hält«. Eine gesetzliche und bundeseinheitliche Personalbemessung, vollständig refinanzierte Tariflöhne, wertschätzende Arbeitsbedingungen seien nötig, um gute Beschäftigungsbedingungen zu gewährleisten. »Gute Pflege ist möglich, man muss es aber wollen«, erklärte Zimmermann.


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  • Beitrag von Roland W. aus A. (26. April 2018 um 11:37 Uhr)

    Seit Gesundheit und Pflege mit der Kostenlüge dem Markt geopfert wurde, seither machen die skandalösen, menschenverachtenden, immer schrecklicheren Zustände in diesen Bereichen eines Menschenrechtes himmelschreiend auf sich aufmerksam. Alle Versprechen, Versicherungen und Beschwörungen von Politik und Profiteuren des Gesundheitsmarktes haben sich in immer perverseren Tatsachen aufgelöst, die nichts anderes als die grundlegende Wahrheit spiegeln - Menschenrecht kann und wird nie über Profitrecht stehen können. So wie Politik in geschäftigen Regelungswahn verfällt, angeblich Ausgleiche sucht, Milliardenzusagen macht, tausende Stellen besetzen will, es hat sich schneller als wirkungslos erwiesen als es versprochen wurde. Das einzig wirksame scheint die politische Absicherung maximaler Profitabilität im System, wofür Lobbyisten der Gesundheitswirtschaft stehen.

    Den großen zugesagten Zahlen der Politik vertrauen, zufriedengeben reicht nicht. In und bei den konkreten unhaltbaren Zuständen fordern, erkämpfen, gehört dazu. Und um dann Kostenklagen der Betreiber nicht eins zu eins auf andere Betroffene (Pflegefälle und Angehörige) umzuwälzen, scheint es wichtig mit allen Betroffenen gemeinsam für echte Verbesserung und Bezahlbarkeit einzustehen.

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