Aus: Ausgabe vom 25.04.2018, Seite 16 / Sport

Der Schlüssel zum Olymp

Von André Dahlmeyer
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Goldjunge: Ein letztes Mal holte Jahrhundertspieler Andrés Iniesta (M., mit Pokal) für Barça die Copa del Rey

Einen wunderschönen guten Morgen! Er ist klein, zurückhaltend und etwas schüchtern. Das hielt Andrés Iniesta am Sonnabend beim Copa del Rey-Endspiel nicht davon ab, sich in seinem letzten Finale mit dem FC Barcelona einen rauschenden Abgang zu verschaffen – ein Abschied, wie er selbst den ganz Großen selten vergönnt ist. Im Metropolitano von Madrid, dem neuen Fußballtempel von Atlético, wurde das überwiegend argentinische Team des FC Sevilla mit 5:0 förmlich niedergemäht. Der Mann des Abends: Andrés Iniesta. Für den FC Barcelona ist es bereits der siebte Pokalsieg seit 2009. So was wie die, äh, Königsdisziplin der Katalanen. Wie üblich erwies sich das Finale als symbolisches Szenarium von politischen und territorialen Streitereien, die Spanien charakterisieren. Der Großteil der Fans aus Catalunya buhte und pfiff die Nationalhymne und den König in Grund und Boden.

Iniesta ist knapp 34 Jahre jung. Eine brillante Karriere geht ihrem Ende entgegen. Bei normalen Menschen beginnt die da erst, wenn überhaupt, aber im Fußball ist das nun mal so. Iniesta wechselt nach einem schwindelerregenden Angebot, das gute Vertriebsdeals einiger seiner Weinmarken beinhaltet, nach China. Dort erwarten den »kleinen Grauen« Transparente auf den Tribünen, die niemand versteht, außer den Eingeborenen freilich. Dafür soll man U-Bahn fahren können, ohne dass man blöd angemacht wird (behauptet wenigstens Carlos Tévez). Iniesta gilt den Medien als introvertiert und man fragt sich, wo das die Leute, die so etwas schreiben, eigentlich hernehmen. Die Jubelarien von Andrés sind schließlich legendär. Seine großen Augenblicke waren immer Schlüsselmomente für den katalanischen Fußball im besonderen und den spanischen im allgemeinen. Mit dem Tor im WM-Finale gegen die Niederlande 2010 schoss er sich und sein Land in den Fußballolymp und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Iniesta dort für alle Zeiten verweilen wird, während einen Mario Götze bereits heute niemand mehr kennt.

Zwanzig Jahre ist es her, dass Andrés das kleine Dörfchen Fuentealvilla (etwa 1.800 Einwohner), wo hauptsächlich Landwirtschaft betrieben wird, verlassen hat und in die Fußballschule »La Masía« von Barca einzog. Mit 15 war er bereits ein Phänomen. Der heutige Trainer von ManCity, Pep Guardiola, bemerkte am Ende seiner Spielerkarriere bei Barca, dass Iniesta bald die größten Mittelfeldstars in der Geschichte des Blaugrana »sehr, sehr klein« erscheinen lassen würde. Zusammen mit Xavi Hernández und Lionel Messi bildete Iniesta schon bald ein Trio, in das sich die Fußballwelt verliebte. Die drei Kleinwüchsigen widerlegten komplett, was im Balltreten als Gesetz galt: Ein Fußballer hatte ein Athlet zu sein, am besten ein Zehnkämpfer. Ein Briegel, ein Odonkor. Schneller, höher, weiter. Iniesta war alles andere. Er galt als zerbrechlich, er sah so aus. Aber Klavierastronauten haben auch keine Fleischerfinger!

Wie sein argentinischer Mannschaftskamerad Javier Mascherano, der auch gerade nach China wechselte, debütierte Iniesta zunächst in der Nationalmannschaft, danach erst im Klub. Unglaublich. Erst nach der Säuberungswelle bei Barca, der vor allem Ronaldinho und Deco zum Opfer fielen, wurde Iniesta zum Stammspieler. Als er nicht in der Anfangsformation des Champions League-Finales gegen Arsenal 2006 stand, liebäugelte er mit einem Wechsel zu dem damals völlig bedeutungslosen Klub Real Madrid. Guardiola, der Rijkaard ablöste, verhinderte das. Als Trainer Ernesto Valverde am Sonnabend Iniesta in Minute 88 auswechselte, nachdem Andrés nach Doppelpass mit Messi ein Mordstor erzielt hatte, erbebte Spanien. Es war der Abschied eines hervorragenden Kickers und das Ende einer Epoche. Was zurückblieb, war das seltsame und erbärmliche Gefühl, dass irgend etwas oder irgend jemand gestorben sei.


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