Aus: Ausgabe vom 23.04.2018, Seite 16 / Sport

Als England schönen Fußball lernte

Arsène Wenger sagt adieu. Nach 22 Jahren als Trainer des FC Arsenal hinterlässt er ein großes Vermächtnis

Von Jan Frey
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»Arsène knows« schrieben die Fans auf Transparente, denn sie wissen, was sie ihm verdanken: Wengers Arsenal war ein Leuchtfeuer des schönen Fußballs

Nun hat er es also doch getan. Nach 22 Jahren auf der Trainerbank des FC Arsenal tritt Arsène Wenger am Saisonende ab. Seit Jahren mehrten sich die Stimmen, die diesen Schritt gefordert hatten, doch die lebende Klublegende blieb beharrlich auf seinem Posten. Das war sicherlich Altersstarrsinn und dem Glauben geschuldet, immer noch mit der Spitze des Weltfußballs mithalten zu können. Und es ging ja auch lange Zeit gut: Zwar spielte man kaum mehr ernsthaft um die Meisterschaft mit, trotzdem erreichte man Jahr um Jahr die Champions League. Eigentümer und Fans waren zufrieden, das Stadion war voll, die Einnahmen stimmten. Der schleichende Niedergang eines Schwergewichts wurde in den letzten paar Jahren dennoch offensichtlich. Letzte Saison verpasste Arsenal erstmals in der Ära Wenger die Qualifikation für die Königsklasse. Der eine oder andere Pokalsieg tröstete für kurze Zeit darüber hinweg, dass man in der Meisterschaft nicht mehr mit der Konkurrenz mithalten konnte. Trotzdem hielten der Klub und die Mehrzahl der Fans bis zuletzt zu dem französischen Teammanager. Denn der Trainer Arsène Wenger hat eine Ausnahmestellung, die sich nicht in Titeln messen lässt. Das würde auch dem Menschen nicht gerecht werden. Ihm, der wie kein zweiter das schöne Spiel über die Ergebnisse stellt, dessen Liebe zu seinem Beruf, seinem Klub und den Spielern in jeder Sekunde spürbar war.

Der gebürtige Elsässer begann seinen Aufstieg in den Olymp der Fußballtrainer zu einer Zeit, als der europäische Fußball spielerisch am Boden lag. In England herrschte das Kick-and-Rush, in Deutschland spielte man noch mit ­Libero. Wenger war damals seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus. Trainingsmethodik, Ernährung, Regeneration bis hin zur Einrichtung des neuen Trainingsgeländes – Wenger achtete auf jedes Detail und krempelte alles um. Auch sein Umgang mit den Spielern unterschied sich maßgeblich von dem der meisten seiner Kollegen. Für viele war er mehr als ein Fußballehrer, eine Vaterfigur, Vertrauter, natürliche Autorität. Er versuchte nie, sie zu manipulieren, gerierte sich nicht als General.

Aber am allerwichtigsten: Es wurde wieder Fußball gespielt. Plötzlich war das schottische Flachpassspiel der Jahrhundertwende auf die Insel zurückgekehrt. Wiedereingeführt ausgerechnet von einem Franzosen, der mit seinen Anzügen und seiner aristokratischen Miene nicht einmal aussah wie ein Fußballtrainer. Vielen war Wenger damals suspekt. Doch bekanntlich liegt die Wahrheit auf dem Platz, und dort gelang es ihm, das Mutterland des Fußballs mit atemberaubendem Offensivspiel für sich einzunehmen. Die Veränderungen, die Wenger im Verein angestoßen hatte, trugen bald Früchte, schon 1998 wurde man Meister, wie auch 2002 und 2004. Der Höhepunkt war sicherlich die Mannschaft der Saison 2003/2004, die als »Invincibles« in die Annalen eingehen sollte. Arsenal wirkte in jedem Spiel frischer, überrannte die gegnerische Defensive, die von den Ballkünstlern um Bergkamp, Henry und Pirès schwindelig gespielt wurde. In der Folge wurden die Räume auf dem Platz enger, Arsenals Spiel mit dem Ball noch strukturierter, ein gewisser Cesc Fàbregas sollte in den folgenden Jahren die Auftritte der Gunners prägen. Einer der vielen herausragenden Spieler, die Wenger über die Jahre an die Weltspitze herangeführt hat. »One-Touch-Fußball« wurde zum Synonym für Arsenal. Schnelle Kurzpasskombinationen sollten die Defensive des Gegners aushebeln. Vorbild war der niederländische »totale Fußball«.

Doch wie bei vielen Trainern, die einstmals revolutionär waren, zeigten sich mit den Jahren Verschleißerscheinungen. Es wirkte, als sei der Klub in einer Schleife gefangen, jede Saison zur gleichen Zeit geriet man im Meisterschaftsrennen in Rückstand. Ein ums andere Mal starb man in Schönheit vor dem gegnerischen Tor. Aber konnte man Wenger deswegen jemals wirklich böse sein, in einer Fußballwelt, die wie eh und je lieber kämpft als spielt? Doch war es frustrierend, immer wieder an denselben taktischen Mängeln zu scheitern, keine Antworten gegen gut organisierte Defensiven parat zu haben, während die Cruyffistas mit dem Positionsspiel den ästhetischen Fußball weiterentwickelten und noch dazu Erfolge feierten.

Ein Anteil daran gebührt ihm trotzdem, hielt er doch die Fahne des schönen Spiels zu einer Zeit hoch, als es sonst niemand tat. Er beeinflusste damit Trainer wie Thomas Tuchel oder Pep Guardiola, die sein Erbe heute fortsetzen. Wengers größtes Verdienst ist es, Arsenal zu einer Spielidentität verholfen zu haben, etwas, das nur ganz wenige Klubs in ihrer Geschichte erreicht haben. Wie lange sie nach seinem Abschied Bestand hat, wird sich zeigen.


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