Aus: Ausgabe vom 23.04.2018, Seite 11 / Feuilleton

Für ein Pfund Zucker

Polen bekommt seinen Historikerstreit. Eine bahnbrechende Studie enthüllt, wie Polen die deutsche Judenvernichtung unterstützten

Von Reinhard Lauterbach
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Ende eines Geschichtsbildes: Hilfe polnischer Zivilisten für Verfolgte der deutschen Faschisten war offenbar eher die Ausnahme als die Regel (Razzia von deutscher Ordnungspolizei und polnischen Polizisten, Krakau 1941)

Die Arbeit an »Vor uns die Nacht« (»Dalej jest noc«) dauerte fünf Jahre. Aber die Autoren, eine Gruppe unter der Leitung von Barbara Engelking und Jan Grabowski vom Polnischen Zentrum für Holocaustforschung in Warschau, ließen kaum etwas über sie an die Außenwelt dringen. Es gab keinen Versand von Vorabexemplaren oder Druckfahnen an Rezensenten. Das ganze hatte etwas Konspiratives. Bis am 9. April die polnische Ausgabe des Magazins Newsweek mit der Titelschlagzeile »Wie Polen Juden den Rest gaben« an die Kioske kam. Mit der Vorabrezension in einer der größten liberalen Zeitschriften – zugegeben, ein Springer-Produkt – und der daran anschließenden öffentlichen Diskussion wollten die Autoren erreichen, dass sich keine Staatsanwaltschaft mehr trauen würde, die Studie kurz vor Erscheinen im Namen des neuen Gedenkgesetzes beschlagnahmen zu lassen. Denn dieses verbietet die »faktenwidrige öffentliche Behauptung«, die polnische Nation oder der polnische Staat hätten an Naziverbrechen mitgewirkt.

Die Geheimnistuerei vor dem Erscheinen hatte natürlich auch einen Marketingaspekt. Denn wissenschaftliche Arbeiten sind von den Strafsanktionen des neuen Gedenkgesetzes ausdrücklich ausgenommen. Das Schlimmste, was der Gruppe um Engelking und Grabowski passieren kann, ist die Kürzung der öffentlichen Förderung. Was ohnehin möglich ist. Dass hier aber ein Standardwerk vorgelegt wurde, steht nach einhelligem Urteil derer fest, die es schon gelesen haben. Zwei Bände, 1.600 Seiten, gestützt auf zum Teil erstmals ausgewertete Archivalien und Zeugenaussagen aus Polen, Deutschland, Belarus, der Ukraine, Russland, Israel und weiteren Ländern sprechen für den wissenschaftlichen Rang dieser Studie. Unter dem Titel »Vor uns die Nacht« betrachtet sie »jüdische Schicksale in ausgewählten Landkreisen des besetzten Polens«. Sie behandelt räumlich neun Landkreise in einem Streifen von Bielsk Podlaski im Nordosten bis nach Zloczów (heute: Zolotschiw) in der Westukraine und zeitlich den Abschnitt nach dem Abschluss der fabrikmäßigen deutschen Vernichtungsaktionen des Jahres 1942 (»Aktion Reinhardt«) bis zur Befreiung. Es sind ländliche Regionen, für welche die Judenvernichtung bisher kaum erforscht wurde. Die Menschen, von denen »Vor uns die Nacht« handelt, sind Juden, die sich der Räumung der Gettos durch Flucht entzogen hatten und die nun für ihr weiteres Überleben darauf angewiesen waren, dass ihnen christliche Polen halfen, sich zu verstecken.

Darin liegt die Brisanz dieser Studie. Sie kratzt erheblich an dem Selbstbild, das die polnische Gesellschaft von sich pflegt und das die offizielle Geschichtspolitik vom Verhalten der polnischen Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Juden zeichnet. Zwei Drittel der Schutzsuchenden seien von polnischen Nachbarn den Deutschen ausgeliefert oder eigenhändig ermordet worden, ist die globale Schlussfolgerung; von ca. 200.000 den deutschen Razzien und Todeszügen entkommenen Juden hätten nur 30.000 die Befreiung erlebt. Hilfe für Verfolgte, wie sie jetzt offiziell in den Mittelpunkt der polnischen Selbstdarstellung gestellt wird, war offenbar eher die Ausnahme als die Regel. So in einem Fall, den die Autoren rekonstruieren konnten: ein Förster, der irgendwo im Wald eine jüdische Familie versteckte. Als Nachbarn das entdeckten und den Retter unter Druck setzten, rettete diesen und die Geflohenen sein Sohn, der im polnischen Untergrund kämpfte. Er drohte den Denunzianten an, dass ihre Häuser abgefackelt würden, wenn einem der Juden etwas passiere. Alle überlebten. Aber das war ein Einzelfall aufgrund familiärer Betroffenheit. Der bürgerliche polnische Widerstand nahm bis 1944 prinzipiell keine Juden auf, der rechte, die neuen Helden des PiS-Polens, verfolgte sie sogar aus eigenem Antrieb. Geholfen haben nur die kommunistischen Gruppen. Unter anderem deshalb war die Zahl der Überlebenden im Kreis Zloc zów relativ am höchsten. Denn dort gab es sowjetische Partisanen, und die Gegend wurde schon im Sommer 1944 befreit.

Es ist natürlich zu einfach, generell zu sagen: Hilfe war möglich, wenn man wollte. Ja, die Deutschen drohten für die Begünstigung von Juden die Todesstrafe an. Sofern sie natürlich davon erfuhren, und das geschah in aller Regel durch polnische Denunzianten, die sich pro ausgeliefertem Juden ein Pfund Zucker oder eine Flasche Schnaps verdienten. Denn der deutsche Besatzungsapparat war in der zweiten Kriegshälfte personell ausgedünnt und kontrollierte nur noch die größeren Städte direkt. Im übrigen kontert Mitherausgeber Jan Gra­bowski das Argument der Todesstrafe, die eigentlich gutwillige Polen eingeschüchtert habe, gern so: Auch andere Sachen waren von den Deutschen mit der Todesstrafe bedroht, und die Polen hätten sie trotzdem gemacht. Zum Beispiel Schwarzschlachten. Es müsse also schon daran gelegen haben, dass das Verstecken von Juden in der polnischen Mehrheitsgesellschaft nicht so akzeptiert gewesen sei wie das heimliche Töten von Schweinen.

Die Studie, die heute in die Buchläden kommt, beschreibt zahlreiche erschütternde Beispiele für die freiwillige Beteiligung polnischer Hilfspolizisten, Feuerwehrleute und einfacher Nachbarn an der Ermordung jüdischer Verfolgter. Teilweise kam es zu abstoßenden Beraubungen Toter oder auch noch Lebender. Eine Jüdin fragte polnische Nachbarn, die ihr kurz vor der Erschießung schon die Kleider vom Leib reißen wollten, ob sie nicht wenigstens warten könnten, bis sie tot sei. Ein polnischer Schuster sprang in die noch offenen Erschießungsgruben und wühlte in den Vaginen gerade ermordeter Jüdinnen nach etwa versteckten Wertsachen. Es schüttelt einen.

»Vor uns die Nacht« ist geeignet, das Konstrukt einer kollektiv heldenhaften Nation zu demontieren. Gerade weil es die nachgewiesenen Rettungen durchaus würdigt, aber kontextualisiert. Rechte Historiker haben erwartungsgemäß schon vor dem Erscheinen das Buch verrissen. Der katholische Sender Radio Maryja kommentierte, die Studie sei Teil einer »antipolnischen« jüdischen Kampagne im Zusammenhang mit der Reprivatisierung von Grundstücken in Warschau.

Barbara Engelking/ Jan Grabowski (Hg.): Dalej jest noc. Losy Zydów w wybranych powiatach okupowanej Polski, Warschau 2018, 2 Bde., 1.621 Seiten, ab 90 Zloty (ca. 22 Euro) plus Versand


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