Aus: Ausgabe vom 21.04.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Stets dafür und immer dabei

Von Arnold Schölzel

Langsam reicht es dem Medientross: Drei Verbündete greifen Syrien direkt an und die Bundesrepublik bombt nicht mit. Zeit-Mitherausgeber Josef Joffe rügt am Donnerstag: »›Dafür, nicht dabei‹ ist die Kurzformel deutscher Politik.« Die vermeintliche Untätigkeit beschreibt er anschließend so: »14 Auslandseinsätze zählt die Bundeswehr derzeit.« Die wirft in Afghanistan, Irak oder Mali bekanntlich mit Wattebäuschchen. Joffes Kurzformel ist Blödelei und dem Strategen von der Schreibtischfront wird kurz klar, dass er seinen Job – Lügen sollten eine gewisse Widerspruchsfreiheit aufweisen – schlecht erfüllt. Er lässt also eine Einschränkung folgen: »14 Auslandseinsätze zählt die Bundeswehr derzeit, aber wer merkt es?«

Denn nur, wenn es in Berlin und Stuttgart, in Cottbus und Kleve kracht, Leichengeruch sich ausbreitet und Feuer wütet, merkt wer was? Kann sein, dass das früher geschieht als ein Joffe schreiben kann. Wer Staatsterror weit weg verübt, erhält individuellen öfter mal zu Hause. In der Zeit kann man von dem, was der Bevölkerung jener Länder geschieht, in denen sich deutsche Soldaten auf Schlachtfeldern tummeln, nichts lesen. Die Kurzformel »deutscher Politik« lautet in Wirklichkeit: Bei jedem Krieg der Wertegemeinschaft mitmachen, aber nicht drüber reden. Und nichts in Medien dringen lassen. Die haben genug mit eingeschläferten Hunden, der kaputten Ehe von Christian Lindner oder der »Erneuerung« der SPD zu tun, bis keiner mehr was merkt.

Zum Glück gibt es aber Berthold Kohler, den Fachmann für Abschreckung und Eisenfresserei. Der FAZ-Mitherausgeber lässt von Zeit zu Zeit an seiner fixen Idee teilhaben, die Bundesrepublik sei ein von allen, insbesondere den USA, verlassenes Opfer – in erster Linie Russlands, das Wladimir Putin schon lange »great again« machen wolle. Am 26. November 2016, wenige Tage nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, dekretierte Kohler, die Bundesrepublik müsse angesichts des »erratischen« neuen Herrn im Weißen Haus über eigene Atomwaffen nachdenken. Er nannte es »das für deutsche Hirne ganz und gar Undenkbare, die Frage einer eigenen nuklearen Abschreckungsfähigkeit, welche die Zweifel an Amerikas Garantien ausgleichen könnte. Die französischen und britischen Arsenale sind dafür in ihrem gegenwärtigen Zustand zu schwach. Moskau aber rüstet auf.« In der Sonntagsausgabe seines Blattes bilanziert er nun, Trump sei ein »blinder Hahn«, der zwar gelegentlich »mit seinen Marschflugkörpern das Richtige« treffe, sein »Schlingerkurs« verursache aber nicht nur in Europa »Fassungslosigkeit«. Die einzige Konstante seiner Handlungen und Tweets sei »die Sucht nach Beifall«. Die USA verwandelten sich aus einer »Ordnungsmacht« in einen »Risikofaktor«.

Das ist nach fast 30 Jahren monströser Kriegsabenteuer der USA seit dem Ende der UdSSR eine Sottise der Offizierskasinosorte. Selten so jelacht. Kohler interessiert der öde Scherz auch nicht, ihm geht es um seine persönliche Aufrüstungsmacke: »Das selbstsüchtige Kind im Oval Office zwingt auch Deutschland dazu, außenpolitisch endgültig erwachsen zu werden.« Soll heißen? Man werde zwar so schnell nicht erleben, »dass die Deutsche Marine Flugzeugträger bekommt und die Luftwaffe Marschflugkörper«. Aber angesichts von Putin und dem Aufstieg Chinas reiche Applaus für militärische Aktionen von Verbündeten nicht aus.

Flugzeugträger, Marschflugkörper, Atomwaffen und demnächst »Auslandseinsätze«, von denen endlich einer was merkt. Der Joffe-Kohler-Wunschzettel ist umfangreich. Die »deutsche Politik« dazu wird gerade konzipiert, z. B. vom Rüstungslobbyisten Lars Klingbeil, der als Generalsekretär und »Erneuerer« der SPD öffentlich verkauft wird.

Die Kurzformel »deutscher Politik« lautet: Bei jedem Krieg der Wertegemeinschaft mitmachen, aber nicht drüber reden. Und nichts in Medien dringen lassen. Die haben genug mit eingeschläferten Hunden, der kaputten Ehe von Christian Lindner oder der »Erneuerung« der SPD zu tun, bis keiner mehr was merkt.


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