Aus: Ausgabe vom 17.04.2018, Seite 10 / Feuilleton

Sexgeschäft im Wandel

Von Helmut Höge
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Das »Playboy Mansion« in Los Angeles, wo Hugh Hefner wohnte

Das Sexgeschäft erlebt den Übergang vom Industriekapitalismus zum »pharmakopornographischen Kapitalismus«, wie die Queer-Theoretikerin Beatriz Preciado 2012 in ihrem Buch »Pornotopia« festgestellt hat. Laut Preciado werden dabei die »beschränkten alten Formen des Sexkonsums« (im Bordellmilieu) »in audiovisuellen Konsum« verwandelt.

In Berlin kamen die Betreiber des KitKat-Clubs auf die Idee, aus ihren »Hardcore-Partys« eine Pornofilmreihe zu machen. Ähnliches war auch schon in Prag praktiziert worden. Inspiriert von »Big Brother« im Fernsehen wurden dort »Big Sister«-Partys veranstaltet, bei denen jeder mit jedem sexuell verkehren konnte, man musste vorab nur schriftlich erklären, dass man mit der filmischen Verwertung seines Tuns einverstanden sei. Big Sister wurde aus denselben Gründen wieder eingestellt wie die Pornoserie des KitKat-Clubs: zu viele Gestörte auf Drogen.

In »Pornotopia« hat Preciado die Geschichte des Magazins Playboy untersucht. 1953 wurde daraus ein Konzern, dessen Expansion als Befreiungsfeldzug für Männer aus der oberen Mittelschicht inszeniert wurde. Dazu erfand Hefner die »Playboy-Villa als multimediales Bordell«, das eine »Mutation des traditionellen Bordells« war. Die amphetaminbefeuerten und rund um die Uhr gefilmten Arrangements erforderten mit den Jahren immer mehr Aufwand. So erzählte z. B. das Sexmodel Jill Ann Spaulding in einem Interview, wie Hefner seine »Sexnächte« zweimal wöchentlich aufs sorgfältigste inszenieren musste, um überhaupt noch so etwas wie Lust zu empfinden.

Er brauchte dazu zwölf junge Frauen, »Bunnys«, wie sie von seiner Zeitschrift genannt wurden, die zuvor aus Hunderten von Bewerbungen nach optischen Gesichtspunkten ausgewählt wurden, u. a. von seiner Tochter. Die Frauen sollten erst baden und sich rosarote Pyjamas anziehen, die sie dann in seinem Schlafzimmer auszogen, »während sie so taten, als hätten sie miteinander Lesbensex«. Parallel dazu liefen auf zwei Großleinwänden Pornos. Hefner lag währenddessen mit einer »Viagra-Erektion« auf seinem runden Bett. Seine »Hauptfreundin machte ihm dann Oralsex und bestieg ihn auch als erste«. Danach war ein Mädchen nach dem anderen für jeweils zwei Minuten dran, während die anderen elf Hefner »wie eine Gruppe Cheerleader« anspornten – mit Rufen wie »Nimm sie, Papi, nimm sie!«

Mit dem Tod Hefners im September 2017 endete die erste Etappe der Durchsetzung des »pharmakopornographischen Kapitalismus«. Es gab »Playboy-Clubs« in der gesamten »freien«, westlichen Welt, in Westberlin zum Beispiel den »Eden Playboy-Club« von Rolf Eden, der mit seinem Rolls-Royce den Ku’damm auf- und abfuhr, von Touristen photographiert. 1965 gründete Bob Guccione in Konkurrenz zum Playboy das etwas schärfere Magazin Penthouse. Guccione besaß ebenso wie Hefner ein eigenes Flugzeug. Bei der Vorstellung der deutschen Lizenzausgabe in München Anfang der 80er Jahre ließ er damit extra aus den USA seine »Diät-Cola« (mit wenig Zucker) einfliegen, wie Bild behauptete.

Doch diese Geschäftsmodelle sind im Internetzeitalter veraltet. Der künftige »pharmakopornographische Kapitalismus« ist kleinteiliger organisiert, wie Preciado schreibt: »Jedes Mädchen im tiefsten Russland, jede junge Frau in der spanischen Provinz kann heute, mit einem Computer, einer Webcam und einem Paypal-Konto ausgerüstet, eine legitime Konkurrentin des Playboy und damit Teil eines Marktes werden, dessen Landschaft so gewunden ist wie ein Traum.« Die Inneneinrichtung von Hefners Flugzeug »Big Bunny« wurde bei Ebay versteigert und das Flugzeug verschrottet. Mission accomplished.


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