Aus: Ausgabe vom 17.04.2018, Seite 8 / Wissenschaft & Umwelt

»Frau Klöckner sollte Ausstieg entschlossen anpacken«

Soll das Pflanzengift Glyphosat in Deutschland verboten werden? Landwirtschaftsministerin zögert. Gespräch mit Gerald Neubauer

Interview: Gitta Düperthal
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Giftig, aber profitabel: Protest gegen die Zulassung des Totalherbizids Glyphosat

Die CDU/SPD-Bundesregierung streitet über den Einsatz des Herbizids Glyphosat. Den Plan der SPD-Bundesumweltministerin Svenja Schulze, einen Ausstieg bis 2021 hinzulegen, bremst die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU: Die EU-Kommission würde das wohl kaum akzeptieren. Wie schätzen Sie das ein?

Im Koalitionsvertrag war vereinbart, dass die große Koalition aus der Verwendung des Pflanzengifts Glyphosat aussteigen wird. Die Landwirtschaftsministerin Klöckner eiert herum: Sie sagt nun zwar, das Mittel müsse überflüssig gemacht werden, will aber zugleich ein konkretes Verbot vermeiden. Die Bundesregierung muss in diesem Jahr entscheiden, ob sie die Zulassung für Mittel wie Roundup, die Glyphosat enthalten, erteilt oder nicht. Es gibt also aktuell die Möglichkeit, ein Verbot hinzubekommen. Frau Klöckner sollte sich dem jetzt nicht zögerlich in den Weg stellen, sondern den Glyphosat-Ausstieg entschlossen anpacken.

Klöckner hatte auf Hürden aus Brüssel verwiesen. Das österreichische Bundesland Kärnten habe bereits ein Verbot ausgesprochen, woraufhin die EU-Kommission »ernsthafte rechtliche Bedenken angemeldet« habe.

Deutschland sind bei einem Verbot keineswegs die Hände gebunden. Wir beziehen uns auf ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages. Dieses kommt zum Schluss, dass die Bundesrepublik Glyphosat verbieten kann, um unannehmbare Risiken für die Umwelt abzuwenden. Aufgrund der negativen Auswirkungen von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln auf die biologische Vielfalt hat die Bundesregierung sehr wohl die Kompetenz, über in diesem Jahr konkret anstehende nationale Zulassungsverfahren zu entscheiden – und auch ein Verbot zu erlassen. Mag sein, dass die Kommission Bedenken hat, diese wären dann gegebenenfalls vor Gericht zu klären.

Die der Weltgesundheitsorganisation WHO angehörende Internationale Agentur für Krebsforschung IARC hatte gewarnt, das in den 1970er Jahren vom US-Konzern Monsanto entwickelte Glyphosat könne krebserregend sein. Die EU-Kommission dagegen behauptet, von Glyphosat gehe keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen aus. Ist das so?

Die Befürchtung, dass Glyphosat Krebs verursacht, ist keineswegs vom Tisch. Aus unserer Sicht ist es fraglich, ob die Kommission die Krebsgefahr hinreichend geprüft hat. Zahlreiche Wissenschaftler kritisieren ebenso, sie habe unabhängige Studien nicht berücksichtigt – sondern statt dessen hauptsächlich geheime Untersuchungen der Pestizidhersteller selber. Selbst darin sollen Tumore bei Mäusen oder Ratten festgestellt worden sein, die jedoch nicht ernst genommen und gewertet wurden. Unter anderem deshalb hat sich anlässlich der Zulassung von Glyphosat ein Sonderausschuss des EU-Parlaments gegründet, der diese Unregelmäßigkeiten untersuchen wird. In der vergangenen Woche hat er seine Arbeit aufgenommen.

Weitere Kritik lautet: Glyphosat wird bei Produkten wie »Roundup« mit anderen Chemikalien gemischt, deren Zusammenwirken wiederum Gesundheitsgefahren bewirken kann.

Campact führt bei seiner Kampagne gegen Glyphosat den Bienentod an. Was sind dessen Folgen?

Die Bienen sind das Rückgrat der Landwirtschaft – ohne ihr Bestäuben von Pflanzen funktioniert das ganze Ökosystem nicht mehr. Den Bienen rücken aber viele Pestizide zu Leibe: Etwa auch die Neonikotinoide, die die EU nun hoffentlich in der nächsten Woche im Freiland verbieten wird – mit Ausnahme des Anpflanzens in Gewächshäusern. Genauso schadet Glyphosat den Bienen, weil das Herbizid Ackerkräuter zerstört, die für deren Ernährung wichtig sind. Das trägt zum Bienensterben bei.

Was kann Campact tun, um den Widerstand weiterhin zu organisieren, damit dieser auch im Bundestag und bei der EU-Kommission wahrgenommen wird?

Wir werden nicht nachlassen, darauf aufmerksam zu machen, wie schädlich das Glyphosat für Mensch und Tier ist. Bei Auftritten der Bundeslandwirtschaftsministerin wollen wir mit einer großen Biene auf die Gefahren hinweisen. Mit dieser Figur waren wir am 20. Januar schon bei der Demonstration »Wir haben es satt« in Berlin unterwegs.

Gerald Neubauer ist Kampagnen­referent beim Netzwerk Campact


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