Aus: Ausgabe vom 27.03.2018, Seite 6 / Ausland

Wachablösung in Sengal

Nach türkischen Kriegsdrohungen übergibt PKK Kontrolle über jesidische Region an Bagdad

Von Nick Brauns
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Denkmal am Fuße des Sengal für die bei der Befreiung und Verteidigung 2014 gefallenen Kämpfer der PKK und YBS. Am 10. April 2017 aufgenommen, zwei Wochen später wurde es durch türkische Bomben zerstört

Die irakische Armee ist am Sonntag in den Westen der nordirakischen Region Sengal (Sindschar) eingerückt und hat die volle Kontrolle über die syrisch-irakische Grenze übernommen. Diese Siedlungsgebiete der religiösen Minderheit der Jesiden standen zuvor unter Kontrolle der Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, die am Freitag überraschend den Abzug ihrer Kämpfer angekündigt hatte. Die PKK ist seit dem Sommer 2014 in Sengal. Ihre Guerilla brachte damals gemeinsam mit den Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ Zehntausende Jesiden durch einen Fluchtkorridor vor Angriffen des »Islamischen Staates« (IS) aus Nordsyrien ins Landesinnere in Sicherheit. »Die Guerilla hat auf dem Sengal interveniert, um die jesidische Bevölkerung vor einem Genozid zu retten. Mit dem Erreichen des Ziels von Frieden und Sicherheit auf dem Sengal wird die Guerilla von dort abgezogen«, hatte die Union der Gemeinschaften Kurdistans KCK als Dachorganisation der PKK ihren Abzug erklärt. Die Jesiden könnten nun als organisierte Gesellschaft selbst für ihre Sicherheit und die Verteidigung von Sengal sorgen.

Vorausgegangen waren unmittelbare Kriegsdrohungen des türkischen Präsident Recep Tayyip Erdogan. Die türkische Armee könne »eines Nachts plötzlich in Sindschar eindringen, um die Region von der PKK zu säubern«. Wenn Bagdad nicht gegen die PKK im Nordirak vorgehe, werde es eine weitere »Operation Olivenzweig« geben, erklärte Erdogan vergangene Woche und bezog sich darauf, dass die türkische Armee und ihre dschihadistischen Söldner den syrisch-kurdischen Kanton Afrin besetzt haben.

Dass es sich nicht nur um leere Drohungen handelte, zeigten die zeitgleich angelaufenen türkischen Vorbereitungen für Militäroperationen im Nordirak. So wurde ein neuer Militärstützpunkt auf irakischem Territorium im irakisch-syrisch-türkischen Grenzgebiet bei der Stadt Sidakan errichtet. Auf dem Kolitar-Berg baute die türkische Armee zudem wenige Kilometer entfernt von einem PKK-Camp einen Kontrollposten für den Einsatz von Drohnen. Bei türkischen Luftangriffen auf Dörfer im Nordirak wurden Ende letzter Woche bei Dola Balayan vier Zivilisten getötet, die auf dem Rückweg von einer Newroz-Feier, der kurdischen Neujahrsfeier, waren. Die Angriffe sollen die Zivilbevölkerung einschüchtern, »weil der Kampf der kurdischen Befreiungsbewegung nicht mehr nur von einer Vorhut geführt wird, sondern zu einem Volkskampf geworden ist«, erklärte die KCK dazu. Während die von der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) dominierte kurdische Regionalregierung schwieg, protestierte die irakische Zentralregierung gegen diese Angriffe auf die territoriale Integrität des Landes. Bagdad wies zudem die Behauptung des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu zurück, es sei eine gemeinsame Militäroperation gegen die PKK im Nordirak vereinbart worden.

Um die Jesiden nicht dem Risiko eines türkischen Angriffs auszusetzen, einigten sich PKK-Funktionäre und Vertreter des irakischen Verteidigungsministeriums in der Stadt Khan Al-Sur auf den Abzug der Guerilla. Teil der Abmachung ist, dass Bagdad einwilligt, die von PKK-Ausbildern aus örtlichen Jesiden aufgebauten Widerstandseinheiten des Sengal (YBS) in die irakischen Einsatzkräfte zu integrieren. Die rund 1.500 jesidischen Kämpfer sollen in den bisher von ihnen kontrollierten Gebieten im Westen der Region stationiert bleiben.

Allerdings dürften die Truppen, die nach der Ideologie von PKK-Vordenker Abdullah Öcalan agieren, die türkische Regierung weiterhin stören. Tatsächlich zeigte sich der türkische Präsident vorerst unbeeindruckt von der Rückzugserklärung der PKK. »Wir haben gesagt, dass wir nach Sindschar gehen. Nun hat die Operation dort begonnen. Der Kampf ist intern und extern«, behauptete Erdogan am Samstag vor Anhängern seiner Regierungspartei AKP in der Stadt Trabzon. Sowohl die irakische Armee als auch die PKK dementierten aber den Beginn eines Militäreinsatzes im Irak.


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