Aus: Ausgabe vom 22.03.2018, Seite 16 / Sport

Der Ball des weißen Mannes

Schwarze Trainer haben es schwer im europäischen Spitzenfußball

Von Rouven Ahl
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»Zutiefst unfair«: Schon als Profi machten Sunday Oliseh (l.) die Weißen Probleme (Dortmund gegen Bochum, 11.9.2004)

Sunday Oliseh ist nicht mehr Trainer des niederländischen Zweitligisten Fortuna Sittard. Eigentlich keine besondere Meldung, werden Trainer im Profifußball doch am laufenden Band gefeuert. Oliseh, der als Spieler u. a. für Ajax Amsterdam, Juventus Turin und Borussia Dortmund die Fußballschuhe schnürte, ist jedoch kein gewöhnlicher Profitrainer. Der 43jährige Nigerianer war einer der ganz wenigen schwarzen und afrikanischen Trainer in einer höherklassigen europäischen Liga.

Oliseh wurde Mitte Februar in Sittard trotz erfolgreicher Arbeit entlassen. Zu den Gründen seiner Demission äußert er sich via Twitter kryptisch: Er wolle nicht an illegalen Geschäften teilhaben. Damit beschuldigte er indirekt den türkischen Besitzer Isitan Gün krimineller Aktivitäten. Oliseh erläuterte nicht, an welchen »illegalen Geschäften außerhalb des sportlichen Bereichs« er sich nicht beteiligen wollte. Der Klub wies die Vorwürfe zurück, der Trainer sei vor allem aufgrund seines autoritären Führungsstils nicht mehr haltbar gewesen.

Derartige mediale Schlammschlachten sind im Zuge einer Trainerentlassung durchaus nicht ungewöhnlich. Doch hat nun die große afrikanische Trainerhoffnung Oliseh keinen Job mehr. Bei einem Klub in einer der europäischen Topligen wird er in der nächsten Zeit wohl eher nicht anheuern. In den ersten Ligen von England, Spanien oder Deutschland wird man weiterhin vergeblich nach einem afrikanischen Trainer suchen. Auf der großen Fußballbühne finden sich zudem nur ganz wenige schwarze Übungsleiter. Chris Hughton, Trainer des englischen Premier-League-Klubs Brighton & Hove Albion, oder Clarence Seedorf von Deportivo La Coruña in Spanien sind seltene Ausnahmen.

Der Profifußball bleibt damit unter der Hegemonie der weißen Männer. Über die Ursachen kann nur spekuliert werden. Samson Siasia, Nationaltrainer Nigerias, sagte vor zwei Jahren gegenüber der französischen Presseagentur AFP: »Europäische Klubs glauben nicht an uns. (…) Viele von uns haben auf höchstem Niveau in Europa gespielt, aber diese Vereine geben uns nicht die Möglichkeit, zu zeigen, was wir auf dem Gebiet können. Und selbst wenn sie uns eine Chance geben, entlassen sie uns sehr schnell.« Rassismus vermutet er dennoch nicht als Grund: »Es ist zutiefst unfair, aber ich will es so nicht nennen.«

Der ehemalige englische Nationalspieler Sol Campbell sieht das etwas anders. In seiner Autobiographie schreibt er: »Wenn ich weiß wäre, wäre ich zehn Jahre lang Kapitän der englischen Nationalmannschaft gewesen.« Mittlerweile hat er seine Ausbildung zum Profitrainer hinter sich und sucht verzweifelt nach einem Job. Er bietet sogar an, ein Jahr auf Gehalt zu verzichten, wenn er nur endlich eine Chance als Trainer bekommen würde. In einem Interview mit dem deutschen Fußballmagazin 11 Freunde antworte Campbell vergangenes Jahr auf die Frage, ob er den Mangel an Interesse an seiner Person auf seine Hautfarbe zurückführe: »Schauen Sie sich die Zahlen an. In der letzten Saison waren von 92 Trainern im englischen Profifußball zwei nicht weiß. Zwei!«

Im englischen Fußball hat man auf dieses Missverhältnis Anfang des Jahres reagiert. In Anlehnung an die sogenannte Rooney-Regel, benannt nach dem langjährigen Besitzer des Football-Teams Pittsburgh Steelers, die in der US-amerikanischen Football-Liga NFL mit Erfolg zur Anwendung kommt, muss seit diesem Jahr bei einer ausgeschriebenen Stelle mindestens eine Person, die einer Minderheit angehört, zum Bewerbungsgespräch eingeladen werden. Ob das etwas hilft, wird sich zeigen. Bereits zuvor hat die englische Fußballspielergewerkschaft PFA ein Forum eingerichtet, das farbige Exprofis unterstützt, die während ihrer Karriere auf hohem Niveau gespielt und eine Trainerausbildung absolviert haben, jedoch nun schwer einen Job finden.

In Deutschland hat man derweil noch einen sehr langen Weg vor sich. In der Bundesliga arbeitete bislang kein schwarzer Trainer. Mit Babacar N’Diaye hat es in den letzten Jahren genau einer zu einem Assistenzposten beim Drittligisten Preußen Münster geschafft. Der 44jährige Senegalese kam mit 19 Jahren in die BRD und hat bereits in sechs deutschen Ligen gespielt. Für Hannover 96 kam er immerhin auf fünf Bundesligaeinsätze. 2012 nahm er den Job als Kotrainer an. Der FAZ sagte er im Jahr darauf, sein Ziel sei es, irgendwann einmal als Cheftrainer in der Bundesliga zu arbeiten, doch fehle es an Akzeptanz und Unterstützung: »Viele meiner Kollegen werden davon eingeschüchtert. Sie trauen sich weniger zu, fühlen sich unsicher und gehen dann nach ihrer Profikarriere, obwohl sie vielleicht lange hier gespielt haben, wieder zurück in die Heimat oder machen gar nichts mehr im Fußball«, sagt N’Diaye der Zeitung.

In der Bundesliga ist N’Diaye mittlerweile tatsächlich angekommen, wenn auch nicht als Trainer. Seit Mai 2017 arbeitet er bei RB Leipzig als Teammanager. Auf einen schwarzen Cheftrainer im deutschen Oberhaus wird man trotz aller Bekenntnisse zu Antirassismus und Antidiskriminierung wohl noch eine Weile warten müssen.


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