Aus: Ausgabe vom 22.03.2018, Seite 1 / Titel

Alle für Afrin

Neujahrsfest Newroz im Zeichen des Widerstands: Hunderttausende feiern öffentlich in den kurdischen Gebieten.

Von Claudia Wangerin
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Widerstands- und Teamgeist: Diese Jugendlichen formten zu Newroz in Diyarbakir eine Pyramide

Unter dem Motto »Newroz ist Widerstand, es ist der Frühling der Völker gegen den Faschismus« haben am Mittwoch mehr als 100.000 Menschen in der kurdischen Großstadt Diyarbakir im Südosten der Türkei das traditionelle Neujahrsfest Newroz gefeiert. An zahlreichen Kontrollpunkten türkischer Sicherheitskräfte bildeten sich Schlangen, wie die kurdische Nachrichtenagentur ANF berichtete. Neben Fahnen und Luftballons in den kurdischen Nationalfarben Rot, Gelb und Grün waren auch zahlreiche in Lila, der Farbe der Frauenbewegung und der Demokratischen Partei der Völker (HDP) zu sehen. Im Mittelpunkt stand die Solidarität mit der – nicht nur kurdischen – Bevölkerung der nordsyrischen Region Afrin. Deren gleichnamige Hauptstadt war wenige Tage zuvor von der türkischen Armee und ihren dschihadistischen Hilfstruppen der »Freien Syrischen Armee« (FSA) besetzt worden. Eine Neujahrsbotschaft von Vertretern der bisherigen Selbstverwaltung Afrins verlas laut ANF der Kovorsitzende des Demokratischen Gesellschaftskongresses (DTK), Berdan Öztürk: Menschen kurdischer, arabischer und turkmenischer Herkunft hätten dort seit Jahren gleichberechtigt und friedlich gelebt. Im Jahr 2018 würden sie das Fest unter Besatzung verbringen. Amed, so der kurdische Name von Diyarbakir, sei jedoch die Hauptstadt und müsse auch diese Rolle spielen. »Es lebe Newroz – Es lebe unser Freiheitskampf!«

Anschließend wurde auf dem Festplatz ein Newrozfeuer angezündet – dieser Brauch geht auf die Jahrtausende alte Legende vom Schmied Kawa zurück, der mit einem Feuer in den Bergen zum Widerstand gegen den Tyrannen Dehak aufrief. »Die Dehaks von heute versuchen die Geschichte neu zu schreiben«, hieß es in einer Grußbotschaft der in türkischen Gefängnissen inhaftierten Politikerinnen und Politiker der HDP, die auf der Kundgebung als nächstes verlesen wurde. »Aber sowohl die Unterdrückten als auch die Unterdrücker sind nicht mehr die von früher. Allen voran das kurdische Volk wie auch die Völker der Region, die nach Freiheit und Menschlichkeit dürsten, bestimmen nun ihr Schicksal selbst«, hieß es in der Stellungnahme der politischen Gefangenen. Mit einem, der auf der Insel Imrali in Isolationshaft sitzt, zeigten die Demonstranten besondere Verbundenheit. Die vielfach gerufene Parole »Biji Serok Apo – Es lebe der Vorsitzende Abdullah Öcalan« galt dem Gründer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die in Deutschland wie in der Türkei verboten ist. Beim Betreten und Verlassen des Festgeländes wurden laut ANF mehr als 50 Menschen festgenommen.

Öffentlich gefeiert wurde Newroz insgesamt von Millionen Menschen in mehreren Städten der kurdischen Gebiete, aber auch von Zehntausenden im westtürkischen Istanbul. Von dort wurden Verletzte und mindestens 30 Festnahmen gemeldet. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Mezopotamya setzte die Polizei Gummigeschosse und Pfefferspray ein.

Gegen deutsche Waffenlieferungen an den NATO-Partner Türkei hatten am Mittwoch morgen rund 50 Aktivisten vor der Parteizentrale der SPD in Frankfurt am Main protestiert. Sie befestigten ein Transparent mit der Aufschrift »Freies Afrin« an dem Gebäude und ließen farbigen Rauch aufsteigen. In Münster kam es zu einer ähnlichen Aktion.

Unterdessen befinden sich kurdische Politiker der HDP, Journalistinnen und der frühere FC-St.-Pauli-Spieler Deniz Naki bereits seit Montag in einem Hungerstreik vor dem Sitz der Vereinten Nationen in Genf – aus Protest gegen den Völkerrechtsbruch der Türkei.


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