Aus: Ausgabe vom 14.03.2018, Seite 4 / Inland

Recht des Stärkeren

Fall Yeter P.: Neun Jahre Haft für Tötung der »eigenen« Frau. Nebenklageanwältin weist auf Mängel und Nazirelikte im Mordparagraphen hin

Von Claudia Wangerin
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Häusliche Gewalt bleibt oft lange unter dem Radar der Behörden. (Gestelltes Symbolbild, 2016)

Das Berliner Landgericht ging über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus, als es Mehmet P. am Montag zu neun Jahren Haft wegen Totschlags verurteilte. 17mal hatte der heute 45jährige auf seine Ehefrau Yeter P. eingestochen, nachdem er sie – angeblich in einem Handgemenge – mit heißem Wasser verbrüht hatte. Von der ursprünglichen Anklage wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen nahm die Staatsanwaltschaft Abstand – in ihrem Schlusswort war nur noch von Totschlag die Rede; gefordert wurde ein Strafmaß von acht Jahren. Die Verteidiger des Angeklagten hielten maximal sieben Jahre für angemessen.

Die Anwältinnen und Anwälte der Nebenklage plädierten dagegen auf Mord. Niedrige Beweggründe hätten vorgelegen: Der Angeklagte habe sich angemaßt, »gottgleich« über Yeter P. zu bestimmen, sagte Rechtsanwältin Beate Böhler, die eine der Schwestern der Getöteten vertrat. Dem tödlichen Angriff am 5. Dezember 2016 seien jahrelange Misshandlungen in der arrangierten Ehe vorausgegangen – die Mutter von fünf Kindern habe weder ihre Kleidung noch ihre Freundinnen selbst aussuchen dürfen. Sie sei keiner Affekthandlung zum Opfer gefallen – es sei der Endpunkt einer »langen unheilvollen Entwicklung« gewesen, die leider nicht gestoppt worden sei. Böhler kritisierte in diesem Zusammenhang auch das Jugendamt, das einen Sohn des Paares nicht ernst genug genommen hatte, als dieser von Schlägen und Misshandlungen durch den Vater berichtet hatte. Dies habe dazu beigetragen, dass Mehmet P. die Kinder und das Sorgerecht als Druckmittel gegen seine trennungswillige Frau einsetzen konnte.

Vor dem Hintergrund seiner Drohungen sei die Behauptung des Angeklagten gegenüber einem Psychotherapeuten, Yeter P. habe ihn unmittelbar vor der Tat beleidigt und damit die Affekthandlung ausgelöst, nicht glaubwürdig. Angeblich hatte die von anderen Zeugen als zurückhaltende Frau geschilderte Yeter P. ihren Mann wegen eines verpassten Termins beim Jobcenter niedergemacht und als »Ehrlosen, der keine fünf Cent wert sei«, bezeichnet. Er will daraufhin einen Blackout gehabt haben und erst wieder zu sich gekommen sein, als sie blutend auf dem Boden lag und er das Messer in der Hand hielt.

Diese Schilderung mache nur Sinn, wenn Yeter P. »plötzlich lebensmüde« gewesen sei, so Böhler. Dagegen sprach nach mehreren Zeugenaussagen ihr Verantwortungsgefühl für die eigenen Kinder und einen schwerkranken Neffen, den sie an jenem Tag gegen den Willen ihres Mannes in der Klinik besuchen wollte.

»Ich persönlich halte den Mordparagraphen für missglückt«, sagte Böhler mit Blick auf die Abgrenzung zum Totschlag und das Tatmerkmal »Heimtücke«. Dies sei ein Relikt aus der Nazizeit und führe zu einer »geschlechtsspezi­fischen Ungleichbehandlung« – gemeint war die Schlechterstellung körperlich schwächerer Täter, in der Praxis vor allem Täterinnen. Hätte nämlich Yeter P. nach langer Tyrannei ihren Mann vergiftet oder im Schlaf umgebracht, wäre dies ohne Zweifel als Mord eingestuft worden, betonte Böhler.

Mehmet P. habe eine »schlimme, verwerfliche Tat« mit erheblichen Folgen für die fünf gemeinsamen Kinder begangen. Acht Jahre Haft, von denen womöglich nur sechs abgesessen werden müssten, seien hier das »falsche Signal«, so Böhler. So entstehe der Eindruck: »Das kann man sich leisten.« Im Fall eine Verurteilung wegen Mordes – im Normalfall zu lebenslanger Haft – hätte Mehmet P. frühestens nach 15 Jahren einen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellen können.

Seine Verteidiger konzentrierten sich darauf, die Aussagen der Geschwister von Yeter P. in Zweifel zu ziehen. Diese hatten ausgesagt, dass ihre wegen der Kinder hin und her gerissene Schwester ihnen von Schlägen und Vergewaltigungen durch den Ehemann berichtet habe. Dessen Anwälte taten dies als »Hörensagen« ab und unterstellten den Opferangehörigen einen hohen Belastungseifer – die Geschwister von Yeter P. hätten vor den eigenen Zeugenaussagen von ihrem Anwesenheitsrecht als Nebenklägerinnen und Nebenkläger Gebrauch gemacht und den Angeklagten im Gerichtssaal als »ehrlos« beschimpft.

Der Vorsitzende Richter Peter Schuster betonte in einer ausführlichen Urteilsbegründung, es habe Gewalt in dieser Familie gegeben. Besitzdenken sei auch ein niedriger Beweggrund – es sei aber nicht erwiesen, dass dies das Hauptmotiv gewesen sei. Eine lange Anspannung, die sich »eruptiv« entladen habe, sei möglicherweise auch existentiellen Sorgen geschuldet gewesen.


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