Aus: Ausgabe vom 03.03.2018, Seite 11 / Feuilleton

Zurück aus der Zukunft

Von den Problemen, ein Pionier zu werden und sich ein Elektroauto anzuschaffen

Von Roland Wagner
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Die Spannung wächst: ein E-Mobil namens »Zoe«

Sechzehn Jahre war ich mit meinem »Kangoo« durch die Gegend gefahren. Hatte mit ihm die Alpen überquert, Kopenhagen erreicht, auf so manchem schönen Plätzchen an Weser, Ostsee, Donau und Main in ihm übernachtet. Trotz Partikelfilter ließ der Diesel von Jahr zu Jahr die Qualmwolken im Rückspiegel schwärzer werden. Der TÜV schied uns nicht. Merkwürdigerweise erhielt das Auto immer wieder die rettende Plakette. War ich 2003 naiv genug zu glauben, dass ich mit einem sparsamen Diesel das Klima retten könnte, machten mir jetzt eher die merkwürdigen Geräusche aus dem Motorraum als die Stickoxiddiskussionen klar: Die Abschiedsstunde war gekommen.

Gab es einen besseren Augenblick als diesen, wo dank »Dieselgate« und drohender blauer Plakette die Autokonzerne zu Zugeständnissen bereit schienen, um für immer die Rauchschwaden hinter sich zu lassen? Kein Tag verging ohne Werbebotschaften, die Stillegungsprämien für Diesel (egal, wie alt sie seien) von mehreren tausend Euro versprachen. Man müsse nur ein neues Auto erwerben.

Getrieben von der Angst der Demobilisierung, wollte ich diesmal konsequent umweltbewusst sein. Benzin sorgt für Abgase. Die wollte ich doch vermeiden. Der kleine Hybrid, der »Yaris«, jagt immer noch 75–82 Gramm Kohlendioxid auf 100 Kilometer in die Luft. Konsequente Benziner liegen mit 100 Gramm nur unwesentlich darüber und werden als Umweltweltmeister beworben. Wenn überhaupt noch ein Auto, dann elektrisch. Also auf zum Renault-Händler, der mit dem »Zoe« einen Elektrischen offeriert, der immerhin 400 Kilometer Reichweite verspricht und 300 schafft. Die Ostsee wäre also von Berlin aus zu erreichen. Die Spannung wächst.

Es ist nicht der junge dynamische Verkäufer, der über dieser Autospezies Auskunft gibt. Die Kompetenz zur Verkaufsberatung hat der Älteste im Haus erworben. Ein Schonposten wegen geringer Nachfrage? War da nicht die Rede von einer elektrischen Zukunft auf einem Elektrogipfel?

Der ausgestellte »Zoe« soll 22.000 Euro kosten. Minus der versprochenen Umweltprämie von Staat und Autobauer erreichen wir fast mein Budget. Ich werfe meinen stinkenden Altdiesel in den Ring und erfahre, dass die Stillegungsprämie hier nur beim Kauf eines Benziners gezahlt wird. Schon bei Toyota konnte ich mit dem »Kangoo« kein Mitleid erringen, und auch später bei Peugeot wird meine Frage nur milde belächelt. Sie werben mit Prämien für die Stillegung und belassen es bei der Werbung?

Dennoch: Der »Zoe« soll es sein. Die Enkel sollen einmal stolz auf mich sein. »Der Opi war einer der Pioniere der Elektromobilität«, werden sie hoffentlich einst erzählen. Muss ich halt nur den Gürtel enger schnallen. Recht schnell begreife ich, es besteht die reale Gefahr zu verhungern. Zu dem ausgewiesen Preis kommt eine monatliche Miete für die Batterie von mindestens 79 Euro – je nach Jahreskilometern. Ja klar, wer würde den Kleinwagen für 30.000 Euro mit Stromaggregat schon erwerben? Und nach acht Jahren oder einigen tausend Kilometern macht der Speicher schlapp und muss erneuert werden. Ist doch kein Problem: sechs Schrauben lösen und eine neue Batterie einsetzen. Durch die Miete ist alles bezahlt. Einfach weiterfahren. Aber da ist doch noch etwas, das ausgestellte Fahrzeug für 22.000 Euro schafft nur 120 Kilometer. Für die versprochenen 400 Kilometer Reichweite sind weitere 4.000 Euro für einen leistungsfähigeren Akku fällig. Damit ist der Traum ist geplatzt.

Die 1.000 Euro für die Beteiligung an der Ladeinfrastruktur vor meinem Plattenbau hab’ ich dabei noch nicht einmal eingerechnet, die ein Berliner Startup veranschlagt, um Straßenlaternen (nicht die voll betonierten aus Ostzeiten) in Ladesäulen zu verwandeln. »Im übrigen«, werde ich gewarnt, »brauchen die ›R2G‹-Behörden von Berlin Monate, bis eine Genehmigung für die Laternensteckdose vorliegt.« Ich frage den E-Mobil-Verkäufer, wer denn seine Kunden sind. Am liebsten seien ihm Ministerialbeamte mit einem Eigenheim im Speckgürtel von Berlin. Die haben eine Steckdose auf dem Grundstück und das nötige Einkommen. Vielleicht bekommen die ja in der nächsten Zeit noch einen steuerfreien Gehaltszuschuss als Kaufanreiz? Ich habe verstanden, als Frührentner aus Ostberlin soll ich einfach weiter Rauchwolken in den Himmel blasen.


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  • Emmo Frey: Fehlender Faktencheck Lieber Herr Wagner, Ihr Beitrag in der jW »Zurück aus der Zukunft« hat mir gefallen. Endlich mal schreibt ein Dieselbesitzer, dass er sogar in seinem Rückspiegel die Rauchwolken aus dem eigenen Auspuf...

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