Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 16 / Sport

Verblödete Zungen

Unterwegs bei den Winterspielen vor dem Fernseher

Von Jürgen Roth
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Realitätsverlacher und GröSpaZ: Dr. Dr. Thomas Bach

Am Morgen vor der Eröffnung der dreiundzwanzigsten Olympischen Winterspiele in Pyeongchang, die laut einem geschichtlichen Gesetz, das IOC-Tycoon Thomas Bach zwischen einem Kaviarkuchen und einem Halbliterpokal Champagner erlassen hatte, neuerlich umfangreicher als sämtliche Veranstaltungen dieser Art zuvor ausgefallen sind, vernahmen wir in einem Podcast auf Zeit online verzückt, dass sich in Bad Boy Bachs knallintegrem IOC »die Probleme stapeln«. Die Süddeutsche Zeitung vom selben Tag beklagte gleich die vollumfängliche »Entzauberung Olympias« wegen »Gigantismus«. Und am Abend moserte Klaus Zeyringer, der gerade eine Kulturgeschichte der Winterspiele veröffentlicht hat, auf 3sat in »Kulturzeit« herum, das nämliche Bohei sorge, Friedensgefasel hin, Friedensgefasel her, für immer »mehr Nationalismus«, und er finde es »schrecklich, was der Sport aus unserer Gesellschaft macht«.

Unsere liebste Katrin, die von Müller zu Hohenstein, freute sich dann wie eh und je über ein erneut kuddeldaddelduknuddeliges Maskottchen, und wie vor vier Jahren rief sie die smarten Erwachsenen vor den Bildschirmen dazu auf, dem »Tigerbären« einen Namen zu verpassen, denn wir leben, zumal zu Zeiten Olympischer Spiele, in einer, unsere eiserne Endloskanzlerin zu zitieren, »Bildungsrepublik«.

Das untermauerte anschließend einmal mehr der nicht minder standhaft eselige Norbert König, indem er vor dem Skiathlon die jüngst aufgetauchten Hinweise zu Hunderten von in den vergangenen Jahren aufgetürmten mutmaßlichen Dopingfällen im Langlauf mit einem läppischen Satz beiseite wischte, worauf er dem Prinzen der porösen Phrase, dem gebenedeiten Béla Réthy, das Feld überließ. Der belehrte uns umgehend, »dass die Läuferinnen gleich volles Programm fahren«.

»Da hab' ich sofort ausgeschaltet«, sagte unsere Cousine später. Wir indes rissen, voll auf Bierspeed, weiter Sekunde um Stunde runter und ächzten fürwahr nicht, als die unverwüstliche Plappermaultasche Gerhard Delling, ein Kulturereignis sui generis, die Mattscheibe enterte (Langlauf? »'n super, toller, schöner Sport«, Eiskunstlauf? »'n schönes dickes Ding im Programm«; Frauenrodeln? »Das wär' natürlich wieder so 'ne traditionell historische Geschichte bei den Rodlerinnen«; Biathlon? »Bei mir heißt sie nur noch Laura Dahlhammer«) – und hissten die Siegerfaust, derweil ein Jan Wiecken im Zuge von Snowboard-Slopestyle sein gänzlich glänzendes narrenfestes Hipstergebrüll zelebrierte (»Geiler Rail!«) und nicht vergaß, den Realitätsverlacher und GröSpaZ, den Größten Sportfunktionär aller Zeiten, »Dr. Dr. Thomas Bach« hochleben zu lassen.

Bei Snowboard-Halfpipe (Weiber), ja, »da regnet es einen ordentlichen Score«, grölte ein zerebral entbundener Thorsten Iffland, und wenn eine der Damen irgendeinen Frontpagedoubleonethousandzero versemmelt, »hat sie natürlich keinen Bock mehr weiterzufahren« und »keine Zeit mehr für einen stylishen Grab«, völlig arschklar, die »Victory Lap« reißt dann eine andere Büchs runter und zeigt somit »Boarden von einem anderen Stern«.

Seid gewiß, ihr Ungläubigen, kein Sprachscharfrichterbeil saust vom Himmel hernieder und spaltet all die verblödeten Zungen. Es wird »so weitergehen« (Iffland), inklusive »schöner Tweets« (Wellmer) und sonstigen unbändigen Saugeredes, ob nun die hysterische Hupe Bernd Schmelzer zu tröten anhebt oder Maria »mentale Komponente« Höfl-Riesch noch vor dem »Olympia-Wecker« um 6.30 Uhr eine »Riesenchallenge« bekräht, ob nun ein Sprung von einer Skischanze als »Luftfahrt« semantisiert oder der Abfahrer Thomas Dreßen zum »eisernen Jungen« (Tobias Barnerssoi) erkiest wird. Denn wisset, im Buch Prediger 1,9 steht geschrieben: »Was ist's, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird […]; und geschieht nichts Neues unter der Sonne.«

Amen.


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