Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 10 / Feuilleton

Komplexität als Waffe

Von Thomas Wagner
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Es bleibt in der Google-Familie: Ein Roboter-Wettbewerb der Defense Advanced Research Projects Agency in Pomona, Kalifornien, Juni 2015

Geht es um Strategiefragen, erfreut sich das Mosaik als Metapher einer nicht nachlassenden Beliebtheit – in Politik und Militär. In Deutschland war es 2008 der Gewerkschafter Hans-Jürgen Urban, der die Idee formulierte, die vielgestaltigen fortschrittlichen Kräfte in Deutschland zu einer »Mosaik-Linken« zu bündeln. In den USA diskutieren die Planer der Militärs die strategischen Vorteile einer Mosaik-Kriegführung. Dafür sucht das Pentagon den engen Schulterschluss mit dem Silicon Valley. Im Kern geht es darum, den technologischen Vorsprung zu halten, der das US-Militär mit Präzisionsfernlenkwaffen und »Tarnkappen«-Bombern über lange Zeit unschlagbar erscheinen ließ, aber zusehends knapper wird. Darüber berichtete die deutschsprachige Ausgabe des populären Technologiemagazins Wire (4/2017).

Das US-Verteidigungsministerium sucht nach Wegen, die Entwicklung und Einführung neuer Waffensysteme erheblich zu verkürzen. Im Gespräch sind Mordinstrumente, die aus immer wieder neu kombinierbaren Modulen bestehen. »Wir haben uns gefragt: Wie können wir die Einzelteile strukturieren, dass sie anpassbar sind und kompatibel miteinander«, sagte Thomas Burns, der Leiter einer Fachabteilung der DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency), der Innovationsagentur des Verteidigungsministeriums. Es gehe dabei um Sensorfähigkeiten und Steuerelemente der jeweiligen Waffen. Auch sollen technologische Weiterentwicklungen über die veränderbaren und immer wieder neu kombinierbaren Elemente in ein »System der Systeme« integrierbar sein. Im Gefecht selbst soll der Gegner durch den zeitgleichen Einsatz einer Vielzahl von bemannten und unbemannten Waffensystemen in eine so komplexe Situation hineingezwungen werden, dass er sie nicht mehr bewältigen kann: »Damit schafft man, was in der Army-Sprache simultaneous dilemmas in multiple domains heißt – der Gegner kommt nicht hinterher«, sagt der ehemalige Airforce-Offizier Burns. Komplexität könne der neue asymmetrische Vorteil des US-Militärs werden. »Schon heute verfügt das US-Militär über rund 11.000 Drohnen und 12.000 bodengestützte robotische Systeme«, berichtet Wire. In Zukunft sollen weitere unbemannte Systeme entwickelt und mit künstlicher Intelligenz (KI) ausgestattet werden. Denn Maschinen entscheiden rascher als Menschen, bewegen sich schneller und sind in vielerlei Hinsicht nicht an die physischen Grenzen gebunden, die der menschliche Körper aufweist.

Im Jahr 2014 beschloss das Pentagon, die Felder Robotik, Autonomie und Big Data stärker als bisher für das US-Militär zu erschließen und dafür die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor zu verbessern. Eric Schmidt, der Vorstandsvorsitzende des Google-Mutterkonzerns Alphabet, ist zugleich Vorsitzender des Defense Innovation Advisory Board, eines externen Beratungsgremiums des US-Verteidigungsministeriums. Er empfiehlt dem Militär »eine Kultur der Innovation«, wie sie in seiner Branche gepflegt werde. Gefordert sei die Entwicklung von Systemen künstlicher Intelligenz. Peter Singer, ein weiterer ziviler Vordenker des Pentagon meint, die künftigen militärischen Auseinandersetzungen werden in den Städten, im Cyberspace und im Weltraum stattfinden. Das Schlachtfeld werde entgrenzt sein und die elektronische Kriegführung physische Folgen produzieren. Es gehe nicht mehr nur um Datenspionage oder Desinformationskampagnen, sondern darüber hinaus um die digitale Manipulation militärischer Gerätschaften – etwa die Betriebssysteme von Panzern.


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