Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 10 / Feuilleton

Defizitäres Demokratieverständnis

Ein Leipziger Geschichtsskandal: Erich Zeigner gehört in die Porträtgalerie der Oberbürgermeister

Von Volker Külow
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Erich Zeigner war SPDler, SEDler und Leipziger Oberbürgermeister von 1945-1949

An verdienstvolle Oberbürgermeister zu erinnern, sollte normal sein für die Gedenkkultur einer Stadt – würde man meinen. Im Leipziger Rathaus sieht man das anders. Als Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am 2. Februar die Dauerpräsentation von Porträts »aller demokratisch gewählten Oberbürgermeister der Stadt Leipzig aus der Zeit von 1877 bis 1933 sowie von 1990 bis 2005« eröffnete, fehlten nicht nur alle DDR-Oberbürgermeister, sondern auch Erich Zeigner, der unmittelbar nach dem Krieg, von 1945 bis zu seinem Tod 1949, Oberhaupt der Stadt gewesen war. Er war ursprünglich Sozialdemokrat, 1923 kurzzeitig sächsischer Ministerpräsident und hatte unter den Nazis im KZ gesessen.

1945 wurde er von der Sowjetischen Militäradministration als Bürgermeister eingesetzt, 1946 gewann er als Spitzenkandidat der neugegründeten SED die Gemeindewahl. Bis heute ist Zeigner in Leipzig bekannt und beliebt, da er bis zu seinem frühen Tod im Alter von 63 Jahren für den Wiederaufbau der Stadt viel geleistet hat. Allein deshalb hätte er einen Ehrenplatz in der Galerie des Rathauses verdient gehabt. Doch er wird ebenso unterschlagen wie alle übrigen Oberbürgermeister aus der DDR.

Mit dieser Auswahl der Porträtierten wird im Rathaus für die Stadtgeschichte nunmehr eine direkte Traditionslinie vom Wilhelminischen Obrigkeitsstaat nach 1871 über die Anfänge der NS-Diktatur zur vielbeschworenen demokratischen Neugestaltung nach 1990 gezogen. In einer Presserklärung kritisierte die Stadtratsfraktion der Linkspartei diese grobe Geschichtsklitterung und »das defizitäre, letztendlich totalitarismustheoretisch geprägte Demokratieverständnis«, da die Nazidiktatur und das DDR-System faktisch gleichgesetzt werden. Die Linksfraktion beließ es aber nicht bei einem verbalen Protest, sondern beantragte unverzüglich im Stadtrat die Aufnahme von Erich Zeigner in die Galerie. Darüber hinaus fordert sie, dass in der angekündigten Erläuterungstafel zur Dauerpräsentation die Oberbürgermeister in der DDR-Zeit – darunter mit Max Opitz und Walter Kresse zwei ausgewiesene antifaschistische Widerstandskämpfer – namentlich genannt und mit einer Kurzbiographie vorgestellt werden.

In ihrem Antrag kritisiert die Linksfraktion auch das autoritätsfixierte Geschichtsverständnis der Rathausspitze. Denn wenn man sich einmal damit beschäftigt, wie die präsentierten Oberbürgermeister ab 1877 im Deutschen Reich zu ihren Ämtern kamen, wird man feststellen, dass damals von einer demokratischen Wahl, wie man sie heute versteht, keine Rede sein kann. Die Oberbürgermeister wurden nicht nur in Leipzig in einem gemeinsamen Wahlkollegium von Stadtverordneten und Rat gewählt. Durch die Einteilung der Wähler in der Höhe der entrichteten Gemeindesteuern abhängige Klassen (Dreiklassenwahlrecht) und den Ausschluss von Frauen, Sozialhilfeempfängern, Soldaten und Nichtzahlern von Gemeindesteuern durfte nur eine Minderheit der Bevölkerung das Wahlrecht ausüben.

Inzwischen bläst dem SPD-Oberbürgermeister selbst aus seiner eigenen Partei der Wind kräftig ins Gesicht. Viele Leipziger meldeten sich in den letzten Tagen kritisch zu Wort, und auch der Verein Erich-Zeigner-Haus, der in dessen ehemaligem Wohnhaus im Stadtteil Plagwitz sitzt, das heute ein unverzichtbarer Begegnungsort für Demokraten ist, hat seinen Protest angemeldet. Die Linksfraktion hat sich für Freitag, am Vorabend von Zeigners 132. Geburtstag, noch eine ganz spezielle Aktion ausgedacht: Um ihrem Antrag mehr Aufmerksamkeit und auch eine gewisse optische Überzeugungskraft zu verleihen, soll die derzeitige Lücke in der Dauerausstellung provisorisch geschlossen und ein extra hergestelltes Porträtbild Erich Zeigners präsentiert werden.


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