13.02.2018 / Feuilleton / Seite 11

Der große Zauberer

Noch so ein Jubiläum: 1968 erfand Jimmy Page mit den Yardbirds den Hard Rock

Frank Schäfer

Der Stern der Yardbirds senkt sich 1967 bereits bedenklich. Wie ihre großen Konkurrenten, die Rolling Stones, waren sie Anfang der Sechziger Jahre in der Londoner Blueszene entstanden. Doch ihre Verkäufe bleiben immer mehr hinter den Erwartungen zurück, ihr letztes Album »Littles Games« erscheint erst gar nicht mehr in England. Immerhin spielen sie auf dem US-Markt noch eine gewisse Rolle, deshalb verlegen sie ihre Tour-Aktivitäten jetzt auch vornehmlich nach Nordamerika. Man ist sich uneins, wie man stilistisch weitermachen soll. Sänger Keith Relf würde in Zukunft lieber weicher spülen mit Hippie-Folk. Jimmy Page hingegen, seit Jeff Becks Demission der Leadgitarrist und musikalische Kopf der Band, will genau das Gegenteil, nachdem er Cream, Vanilla Fudge und die Jimi Hendrix Experience gehört hat: harten, gitarrendominierten, mit einem Fuzz-Pedal heiß gemachten Blues Rock. Im Studio kommt er noch nicht richtig zum Zug, weil die Plattenfirma ihm mit Mickie Most einen Bubblegum-Pop-Produzenten vor die Nase setzt, aber live kann er sich endlich austoben als einziger Gitarrist. Auf der US-Tour im Frühjahr 1968 tut er dem frühen Beat und späteren Psychedelic Rock der Yardbirds Abend für Abend Gewalt an und arbeitet so cum ira et studio an einem neuen Genre.

Das Dokument dieser langsamen, nie wirklich abgeschlossenen Metamorphose der Yardbirds in eine Hardrockband ist der Mitschnitt von ihrem legendären Auftritt im Anderson Theatre, New York City, am 30 März 1968. Der abgerockte Schuppen liegt zwei Blocks entfernt vom weitaus prestigeträchtigeren Fillmore East. Die Band kommt gerade aus Los Angeles, ihrer aktuellen Wahlheimat, ist müde vom Flug, und ausgerechnet jetzt steht ihre US-Plattenfirma Epic unangekündigt vor der Tür, um ein Livealbum aufzunehmen.

Man glaubt, den Ärger hören zu können, wenn Page auf dem Standard-Opener »The Train Kept A-Rollin’« nach ein paar obligatorischen Riff-Durchläufen seine vollaufgedrehte Telecaster erstmals quieken lässt wie ein Schwein vor der nahenden Fütterung. Ob es die Wut über das eigenmächtige Label ist oder die sportliche Herausforderung, dass die Bandmaschine mitläuft, das Testosteron jedenfalls fließt, nicht nur Page wirkt überaus präsent an diesem Abend. Bei seinem ersten Solo macht er gleich so viel Tempo, dass der Rest kaum hinterherkommt. Und auch Frontman Relf weiß, was er seinem Bühnenpartner schuldig ist. Vor »Shapes Of Things« beschwört er beinahe demütig dessen Qualitäten. »Die Leute dachten, wir würden den Solopart niemals auf der Bühne wiederholen können, aber wir haben das ziemlich gut hingekriegt ... Jimmys magische Finger – der große Zauberer an der magischen Gitarre.«

Die »Shapes Of Things«-Petitesse ist einer seiner leichtesten Übungen. Im zweiten Song »You’re A Better Man Than I« hat er da schon viel mehr gezeigt. Die Studioaufnahme dieser hübschen, durch Jeff Becks Distortion-Solo leicht angerauhten Beat-Hymne ist erst zweieinhalb Jahre alt, aber wenn man sie mit diesem wilden Rodeoritt vergleicht, kommt sie einem vor wie aus einer anderen Zeit. Auch der etwas blasse Chicagoblues »Drinking Muddy Water« von »Little Games« bekommt hier untenrum den dringend nötigen Druck. Bei der frühen Version von »Dazed and Confused«, damals noch »I’m Confused«, setzt Page bereits den Violinenbogen ein und kreiert im ausgedehnten Mittelteil sein eigenes kleines Improvisationstheater. Er weiß genau, was ein Rocker seinem Publikum mittlerweile schuldig ist, nicht mehr nur Noten, sondern egozentrischen Zirkus und viel Geräusch. Und wo Tony Iommi das Erkennungsriff von »Paranoid« erstmals gehört hat, ist nun auch klar.

Den wahrhaft erschöpfenden Schluss des Konzerts liefert dann eine streckenweise völlig aus dem Ruder laufende Version von »I’m A Man«. Der Bo-Diddley-Klassiker wird zerlegt und mit langen Leadgitarren-Exzessen rekombiniert. Hier betritt Page beinahe unbekanntes Terrain, seine funkensprühenden Legatoläufe nehmen schon die Metal-Gitarrenheroen-Nummern späterer Zeiten vorweg.

Nicht nur an dieser Stelle haben die beiden Toningenieure Don Meehan und Buddy Graham die Live-Atmosphäre mit etwas zusätzlichem Szenenapplaus aufzuhübschen versucht. Stierkampfjubel und Gläserklirren sollten offenbar vom rappeligen Garagensound ablenken. Die Band ist entsetzt, als sie nach ein paar Wochen das Ergebnis zu hören bekommt. »Der Typ, der die Aufnahme besorgte, hatte seinen Lebtag noch keine Rockband aufgenommen«, beklagte sich Jimmy Page später. »Er hatte nur ein Mikro für die Drums, unvorstellbar, und dann hatte er die falsche Gitarrenbox gemixt, sodass der Fuzztone, der uns erst unser Sustain gab, nicht mit aufs Band kam.«

Die zu diesem Zeitpunkt bereits aus dem letzten Loch pfeifenden Yardbirds sprechen sich vehement gegen die Veröffentlichung aus und so verschwinden die Aufnahmen in den Archiven. Bis Page bald darauf mit Led Zeppelin die Bühne betritt, der Band, die zur ersten Hardrock-Supergroup avanciert. Epic will auch ein wenig vom Hype profitieren und bringt drei Jahre später doch noch »Live Yardbirds: Featuring Jimmy Page« heraus, aber das Album steht nur vier Wochen in den Läden, weil Page sofort juristisch dagegen vorgeht. Ausgerechnet jetzt, wo er sich an der Spitze des Hard-Rock-Olymps wähnt, will er nicht an seine Lehrjahre in der Garage erinnert werden.

Aber mit der Zeit verändert sich der Blick auf die eigene Geschichte. Der Zauber des Anfangs gewinnt an Suggestivkraft. Kürzlich hat Page die Originaltapes – und noch ein paar dazugehörige Studio-Outtakes – »wiedergefunden« und neu abgemischt. Tatsächlich hört man hier ohne die nachträglichen Studiogimmicks mehr von der Band, vor allem von Jimmy Page selber, der hier schon viele seiner bekannten Zauberkunststücke zeigt, die er bei Led Zeppelin dann nur noch für die große Bühne ausbauen muss. Leider hat er dabei auch diverse Ansagen von Keith Relf herausgeschnitten. Fake hin oder her, die Erstveröffentlichung des Albums besitzt immer noch mehr Atmosphäre.

Yardbirds: »Yardbirds ’68« (Jimmy Page Music, Import)

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