Aus: Ausgabe vom 13.02.2018, Seite 7 / Ausland

Undurchsichtige Militäroffensive

Ägyptens Armee geht im Nordsinai gegen Dschihadisten vor

Von Sofian Philip Naceur, Kairo
RTX4TTDV.jpg
Konvoi der ägyptischen Armee am vergangenen Freitag auf dem Weg zum Nordsinai

Die ägyptische Armee hat am Montag ihre großangelegte Militäroffensive gegen im Land aktive Terrorgruppen fortgesetzt. Dabei sollen am vierten Tag des Feldzugs zwölf Dschihadisten getötet und 92 Verdächtige verhaftet worden sein, erklärte Militärsprecher Tamer Al-Refaie in einer Stellungnahme. 20 Geländewagen, 27 Motorräder und 30 von Militanten genutzte Verstecke oder Waffenlager seien zerstört worden, heißt es weiter.

Am Wochenende seien bei der am Freitag gestarteten Offensive bereits 16 Islamisten getötet und 30 festgesetzt worden. 14 davon sollen der militanten Hasm-Miliz angehören, die der von Ägyptens Regierung als Terrororganisation eingestuften Muslimbruderschaft nahestehen soll. Die Militäroperation, an der neben der Armee auch Einheiten von Polizei und Grenzschutz beteiligt sind, konzentriert sich auf die Provinz Nordsinai, in der eine zum »Islamischen Staat« gehörende Dschihadistenmiliz bereits seit 2013 regelmäßig Anschläge auf Sicherheitskräfte verübt.

Zweck der Operation sei es, den Terror im Nord- und Zentralsinai sowie westlich des Niltals und im Nildelta auszuradieren, hieß es in der ersten Erklärung der ägyptischen Armee. Die Luftwaffe hatte bereits am Freitag begonnen, Ziele auf der Halbinsel zu bombardieren. Sämtliche Zufahrtswege auf die Halbinsel wurden gesperrt, Überlandstraßen zwischen den Städten Al-Arish, Scheich Zuweid und Rafah im Nordsinai abgeriegelt und Grenzkontrollen an Land und auf See intensiviert. Tankstellen in der Region wurde verboten, Treibstoff an Zivilisten zu verkaufen. Telefon- und Internetverbindungen wurden eingeschränkt, die Schulen in der Provinz bleiben auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die Armee rief zudem die Bevölkerung auf, mit den Behörden zu kooperieren und alles zu melden, das die »Sicherheit und Stabilität der Nation« bedrohen könnte.

Schon Tage vor Beginn der Operation war eine Weisung der Regierung an staatliche Krankenhäuser im Sinai, in der am Suezkanal liegenden Stadt Ismailia und anderen Orten im Land bekanntgeworden, in der diese aufgefordert wurden, sich auf Notfälle vorzubereiten und Blutkonserven bereitzuhalten. Die unabhängige ägyptische Internetzeitung Mada Masr berichtete zudem, eine hohe Zahl an Ärzten und medizinischem Personal sei für eine Dauer von bis zu drei Monaten an dortige Krankenhäuser abgeordnet worden.

Die Militäroffensive wird gemeinhin als Reaktion auf den beispiellosen Anschlag auf eine Moschee in einem Dorf nahe der Stadt Bir El-Abd im Nordsinai eingeordnet, bei dem im November 311 Menschen getötet worden waren. Staatspräsident Abdel Fattah Al-Sisi hatte kurz nach dem Massaker angekündigt, entschieden zurückzuschlagen und dem Innen- und Verteidigungsministerium drei Monate Zeit eingeräumt, den Sinai zu sichern und dem Terror im Land den Garaus zu machen.

Ob die konventionell geführte Offensive jedoch ein wirksamer Weg ist, Ägyptens Terrorproblem in den Griff zu bekommen, bleibt zweifelhaft. Die auf dem Sinai aktive Miliz setzt vor allem auf einen Guerillakrieg. Die Kampagne findet zudem weitgehend im Dunkeln und ohne unabhängige Berichterstattung statt, denn der Nordsinai ist für Journalisten bereits seit Jahren nicht mehr zugänglich. Der Staatsinformationsdienst forderte die Presse auf, nur offizielle Mitteilungen von Armee und Innenministerium zu nutzen und keine anderen Quellen hinzuzuziehen.

Entsprechend wird die Kampagne von einer Propagandaoffensive begleitet. Die Armee veröffentlichte am Wochenende eine Reihe martialischer Videos, in denen jüngste Neuanschaffungen des Militärs zur Schau gestellt werden. Die Armee präsentiert dabei nicht nur Aufnahmen vermummter Spezialeinheiten, Fallschirmjägerstaffeln und Personenkontrollen, sondern auch die in Frankreich erworbenen »Rafale«-Kampfflugzeuge und die von Deutschland gelieferten U-Boote aus dem Hause Thyssen-Krupp.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Neusprech in Berlin: Seibert rechtfertigt Israels Attacken gegen Syrien
  • In Honduras lassen die Proteste gegen Staatschef Juan Orlando Hernández nicht nach
    Volker Hermsdorf
  • 150 Demonstrationen gegen Rassismus in ganz Italien: Sieg der Rechten am 4. März verhindern
    Gerhard Feldbauer
  • Galiciens Ringen um Selbstbestimmung ist auch ein Ringen um den Schutz der Umwelt
    André Mauricio