Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 16 / Sport

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Von Klaus Bittermann
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Wenn er am Ball ist, blitzt kurz die alte Borussia auf: Marco Reuss (r.) lässt alle stehen

Obwohl nach dem Abschied von Pierre-Emerick Aubameyang wieder Ruhe beim BVB eingekehrt sein müsste, wonach sich alle Beteiligten sehnten, die das sogenannte »Wechseltheater« für die schlechten Leistungen der Mannschaft verantwortlich machen, wird es nicht besser auf dem Rasen. Auch gegen den ziemlich sicheren Absteiger aus Hamburg spielten die Dortmunder nicht befreit auf. Auch die Rückkehr von Marco Reus nach acht Monaten Verletzungspause ließ die Leistungskurve nicht steigen. Nein, vor allem in der ersten Halbzeit konnte man ein müdes Hin- und Hergeschiebe des Balles bewundern, weil offenbar jeder Angst hatte, einen Fehlpass zu produzieren. Vom einstigen Kombinations- oder One-touch-Fußball war nichts zu sehen. Nur wenn Reus am Ball war, blitzte ein bisschen von dem auf, was die Dortmunder früher ausmachte. So fiel das 1:0 für den BVB eher überraschend und zufällig, als ein missglückter Torschuss des ansonsten schwachen Christian Pulisic zur Torvorlage für Michy Batshuayi geriet. Die Hamburger aber kämpften unverdrossen weiter und setzten die Dortmunder unter Druck, und immer wieder gelang es ihnen, gefährlich vors Tor zu kommen. Auch BVB-Goalie Roman Bürki glänzte gelegentlich mit einer seiner Spezialitäten, dem Gegner den Ball zuzuspielen, aber der HSV ließen alle Möglichkeiten konsequent aus. Kein Wunder, dass die BVB-Spieler schon zur Halbzeit ausgepfiffen wurden.

Niemand weiß genau, woran es liegt, dass fast alle Dortmunder unter ihren Möglichkeiten bleiben und man gegen tief stehende Gegner immer wieder ratlos spielt. Borussia-Lautsprecher Hans-Joachim Watzke sagte in einem Interview der FAZ vom 5. Februar, dass der BVB im internationalen Vergleich noch immer mit Größen wie Manchester City und Manchester United mithalten könne, doch man merkte sofort: Da will sich einer was schönreden. Denn dass die aktuelle Tabelle nicht die Wirklichkeit auf dem Rasen widerspiegelt, ist so offensichtlich, dass man dem Mann »Träum’ weiter!« zurufen möchte. Laut Watzke waren Ousmane Dembelé (heute: Barça) und Aubameyang (Arsenal) die letzten Spieler, die der BVB habe ziehen lassen, das habe er vor versammelter Mannschaft sehr laut und deutlich zum Ausdruck gebracht. Aber als börsennotierter Verein hätte man die Angebote nicht so einfach ablehnen können.

Klar, es ist ja auch niemand mehr da, den ein anderer Verein unbedingt haben möchte. Abgesehen vielleicht von Marco Reus, aber der ist viel zu verletzungsanfällig, um für einen englischen Verein interessant zu sein. Es gibt eben nur noch Mittelmaß beim BVB. Batshuayi wird sich bereits fragen, wo er da hineingeraten ist, denn wenn der beim BVB oft schwache Ömer Toprak bereits zu den besseren Spielern zählt, kann man sich vorstellen, wie traurig die Vorstellung seiner Kollegen war. Selbst Mario Götze ist immer nur eine Halbzeit lang gut. Watzke versprach noch, dass man wieder mehr Spieler mit dem sogenannten »Sieger-Gen« verpflichten wolle – Recken wie Fanliebling und Klublegende Sven Bender, der zu Leverkusen wechselte. Aber wenn schon solche Spieler den Verein verlassen, dann stimmt irgend etwas ganz grundsätzlich nicht.


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