Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 16 / Sport

Gold in Völkerfreundschaft

Mit »Smokey Eyes« und Einheitskitsch wirbt Nordkorea bei Olympia um Sympathien

Von Leonhard Furtwängler
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Rote Armee der anderen Art: Die Kim-Girls singen für Gesamtkorea

Die Charmeoffensive Nord­koreas setzt ganz auf nationales Pathos: Nach Mitternacht, als die Einheitsfähnchen eingerollt und Kim Jong Uns Cheerleader verschwunden waren, sprach die Eishockeyspielerin Jong Su Hyon rührende Worte: »Zusammen sind wir stärker, als wenn wir getrennt sind. Gemeinsam werden wir nicht nur im Sport, sondern auch in anderen Bereichen erfolgreich sein.« Die Athletin aus der DVRK hatte in der olympischen Eishockeyarena von Pyeongchang als Teil des ersten gesamtkoreanischen Teams 70 Jahre nach der Teilung Geschichte geschrieben. In welcher Dimension, zeigte sich nach der Schlusssirene: IOC-Präsident Thomas Bach kam zusammen mit Südkoreas Staatspräsident Moon Jae In und Kim Yo Jong, der Schwester des nordkoreanischen »Obersten Führers«, zur Spielerbank und bedankte sich für ein großes Zeichen der Versöhnung.

»Er hat gesagt: Gewinnen und verlieren sind wichtig. Aber wichtiger ist, dass ein Korea ein Ziel verfolgt«, berichtete Jong, eine der drei Spielerinnen aus dem Norden im vereinten Team. Verloren hatten sie zwar mit 0:8 gegen die Schweiz. Doch die Herzen ihrer südkoreanischen Landsleute hatten sie offenbar gewonnen. »Korea, wir sind eins«, schallte es durch das Kwandong Hockey Centre. Und: »Vereint sei unser Vaterland!« Die Athletinnen waren sichtlich beeindruckt von der Wirkung ihres historischen Auftritts für zwei Länder, die sich offiziell noch immer im Krieg befinden. Die 229 Cheerleader aus dem Norden, von Staatsführer Kim zu Olympia geschickt und strategisch in der Halle verteilt, klatschten, winkten, tanzten und sangen – wie schon kurz zuvor beim Shorttrack-Gold von Lim Hyo Jun in der Halle nebenan. Das süd­koreanische Publikum jubelte, stimmte in die Sprechchöre ein und rief lautstark nach Wiedervereinigung.

Die jungen Damen in Rot sind der Blickfang der Spiele. Und eine Eliteeinheit: »Die meisten Mädchen sind Studentinnen an der Eliteuniversität«, so der Delegationsleiter. Die Auserwählten müssten »nach südkoreanischem Standard« hübsch sein, keine von ihnen ist kleiner als 1,63 Meter, sie stammen aus regimetreuen Familien und sind offenbar hervorragend gedrillt in Fitness, synchronem Auftreten und Schminken von »Smokey Eyes«. Ansonsten weiß man nichts, was einen Teil der Faszination ausmacht. »Stellen Sie sich eine Mischung aus Stewardessen der 60er Jahre, den Cheerleadern der Dallas Cowboys und der Roten Armee vor«, schrieb die New York Times beeindruckt. Der sid schwärmt von einer »Armee der Schönheit«. Selbst Kims Ehefrau Ri Sol Ju soll einst bei den Asienspielen in ausgefeilter Choreographie gesungen und mit Holzhandschuhen geklappert haben.

»Die Unterstützung war großartig«, honorierte Jong das Publikum und fügte hollywoodreif hinzu: »Ein Herz, ein Geist – wir wollen gemeinsam unser Bestes zeigen.« Die 21jährige hatte schon gemeinsam mit der südkoreanischen Kapitänin Park Jong Ah die Fackel getragen. Sie ist eine von zwölf Nordkoreanerinnen, die zwei Wochen vor den Winterspielen für das vereinte Eishockeyteam in den Süden geschickt worden waren. Drei von ihnen, neben Jong Su Hyon die Spielerinnen Kim Un Hyang und Hwang Chung Gum, liefen am Samstag Seite an Seite mit den südkoreanischen Athletinnen auf, gegen die sie vor zehn Monaten noch angetreten waren. Schon das Aufeinandertreffen von Nord und Süd auf dem Eis bei der viertklassigen WM der Division II A im April war ein Novum gewesen. Dass sie einmal zum Symbol einer neuen Annäherung der verfeindeten Staaten werden würden, hatten sie damals nicht erwartet. Auch wenn man sportlich noch nicht reüssieren konnten: Der politische Schmusekurs mit Einheitskitsch ist bislang ein voller Erfolg. Die Goldmedaille in Völkerfreundschaft ist ihnen sicher.


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  • Horst Rolle: Arrogante Sicht auf Nordkorea Unterschiedliche Sichtweisen zum Auftreten Nordkoreas gibt es bestimmt. Doch die Art und Weise, wie Herr Furtwängler über das Thema schreibt, passt für mich nicht in die jW. Aus manchen Zeilen tropfen...
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