• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 10.02.2018, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Mein Traum – ein Museum der Migration«

Gespräch mit Nataly Jung-Hwa Han. Über Auswirkungen der Diktatur in Südkorea, den Demokratisierungsprozess des Landes und Irrwege der Integration in der BRD

Interview: Rainer Werning
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Proteste gegen die damalige Präsidentin Südkoreas Park Geun-hye in Seoul (November 2016)

Wann und unter welchen Bedingungen kamen Sie nach Deutschland?

Ab Mitte der 1960er Jahre warb die Bundesrepublik aufgrund des Mangels an medizinischem Pflegepersonal unter anderem Krankenpflegerinnen aus Südkorea an. Auf diese Weise kam 1971 auch meine Mutter als Krankenschwester nach Stuttgart. Der Familienzuzug war damals nicht erlaubt. Nachdem meine Mutter endlich die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatte, durfte ich 1978 im Alter von 16 Jahren zu ihr nachreisen.

Wie wurden Sie politisiert, und was waren die wesentlichen Beweggründe dafür?

Mein Vater war Redakteur bei den in der Hauptstadt Seoul erscheinenden Tageszeitungen Korea Herald und Korea Times. Nachdem der General und spätere Militärdiktator Park Chung Hee 1961 durch einen Putsch an die Macht gelangt war, wurde die Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit stark eingeschränkt. Mein Vater hatte seine Arbeit gekündigt, und es ging uns finanziell nicht gut, was mit ausschlaggebend dafür war, dass meine Mutter sich entschied, nach Deutschland zu gehen. Schon als Kind bekam ich täglich mit, wie mein Vater über die Dummheit des Regimes schimpfte und ob seiner empfundenen Machtlosigkeit tief verzweifelt und enttäuscht war.

Mich plagte ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Altersgenossinnen in Südkorea, die statt eines Studiums den harten Kampf gegen den nächsten Militärdiktator Chun Doo Hwan fortsetzten. Ich dagegen führte ein vergleichsweise sorgloses Leben in Westdeutschland. Meine beste Freundin wurde wegen einer Tonkassette über den Gwangju-Aufstand und das in dessen Folge verübte Massaker (im Mai 1980, jW) vom Geheimdienst festgenommen und gefoltert. 1987, noch vor dem Mauerfall, zog ich nach Berlin und lernte die koreanische Community kennen, die sich aktiv für die Demokratisierung in Südkorea einsetzte. Auch die Frauenbewegung, deren Grundlage ja die Gerechtigkeit und die Gleichheit für alle darstellt, politisierte mich.

Wie nehmen Sie Südkorea heute wahr? Was sind aus Ihrer Sicht die auffälligsten Kontraste zwischen dem Land, das Sie in jungen Jahren verließen, und dem heutigen Südkorea?

Da ich seit 1989 regelmäßig und auch für einen längeren Zeitraum nach Südkorea reise, fällt es mir recht leicht, die auffälligsten Eindrücke zu schildern. Südkorea hat sich in den letzten 40 Jahren seit meinem Umzug in die Bundesrepublik sozusagen wie in einem Zeitraffer zu einem Hightech-Land entwickelt, ist in mancher Hinsicht Deutschland weit voraus.

Weit mehr noch als die Technisierung des Landes überraschten mich auch die Veränderungen der jungen Generation. Durch die Kerzenschein-Demonstrationen im Herbst 2016 bis zum Frühjahr 2017, die über Wochen und Monate von Millionen Menschen getragen wurden, wurde die letzte korrupte Regierung zu Fall gebracht. Diese große Masse von Menschen jungen und mittleren Alters, die einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzen, weckt in mir neue Hoffnung.

In Sommer 2017 wurde Südkoreas Demokratiebewegung beziehungsweise der dort Mitte der 1980er Jahre einsetzende Demokratisierungsprozess 30 Jahre alt. Was bewerten Sie rückblickend als größten Erfolg dieser Bewegung?

Vor 30 Jahren war es schwer möglich, Informationen aus Korea zu erhalten. In Tübingen und Stuttgart bekam ich kaum etwas von den damaligen politischen Ereignissen in Südkorea mit. Was für ein Kontrast zu heute, da wir fast jede Information, die wir haben wollen, schnell übers Internet finden! Erst als ich im Sommer 1987 zum Studium nach Berlin kam, erfuhr ich viel mehr über die politischen Ereignissen in meiner Heimat. Obwohl eine Liberalisierung von Präsident Roh Tae Woo (im Amt von 1988 bis 1993, jW) versprochen wurde, spürten wir im Ausland kaum unmittelbare Veränderungen. Wir erhielten in Deutschland nur Meldungen darüber, dass sich junge Menschen aus Verzweiflung selbst verbrannten, was für mich furchtbar radikal und brutal klang. Im Sommer 1988 fanden die Olympischen Sommerspiele in Seoul statt, die zwar international große Beachtung fanden, innenpolitisch aber keinen Frieden bedeuteten. Im Vorfeld dieses sportlichen Großereignisses waren massenhaft städtische Slums zerstört und die dort lebenden Menschen an die Stadtränder vertrieben worden.

Wir, die in Deutschland lebenden Koreaner, hatten stets Angst – vor allem in Berlin –, dass der koreanische Geheimdienst uns entweder aus Deutschland entführt oder uns direkt am Flughafen festnimmt, wenn man in Südkorea gelandet war. Diese Angst war keineswegs unbegründet, weil es in der Vergangenheit solche »Vorfälle« tatsächlich gegeben hat. Aus meiner Sicht verändern sich die gesellschaftspolitischen Verhältnisse trotz zahlreicher erfolgreicher Proteste nur langsam. Doch ohne die Liberalisierung, die vor gut 30 Jahren einsetzte, hätte Südkorea noch heute unter der Militärherrschaft zu leiden.

Und wie sieht es aus mit möglichen Defiziten oder Entwicklungen, die aus Ihrer Sicht kritikwürdig geblieben sind?

Eine grundlegende Veränderung auf privater Ebene, wie etwa durch die 68er-Bewegung in Deutschland, Europa oder anderswo initiiert, steht in Korea noch aus. In Südkorea standen bis jetzt dringende politische Fragen im Vordergrund und mussten als erstes angegangen werden. Ohne die Garantie der grundlegenden Menschenrechte ist es schwierig, die Rechte von Marginalisierten, wie von Frauen, Arbeitern und Migranten, einzufordern. Erst mit Beginn des Liberalisierungsprozesses im Jahre 1987 konnte sich die Frauenbewegung endlich entfalten. In den westlichen Ländern war es auch so, dass die Gleichheit der Geschlechter nur Schritt für Schritt umgesetzt werden konnte. Der Anspruch auf selbstbestimmtes Leben der Frauen in Südkorea steht zwar auf der Agenda, aber er ist sehr schwer umzusetzen. Durch die jüngste »Me Too«-Kampagne soll auch in Südkorea die Frauenbewegung neuen Auftrieb bekommen haben.

Das größte Problem stellt jedoch der anhaltende Kalte Krieg dar, der jederzeit »heiß« werden kann. Dadurch bleibt wenig Raum übrig, gegen autoritäre Strukturen anzugehen. Es gilt zu konstatieren: Keine der liberalen Regierungen hat es in den letzten Dekaden vermocht, das gänzlich anachronistische »nationale Sicherheitsgesetz« abzuschaffen. Mit diesem die Opposition unterdrückenden und zunächst insbesondere antikommunistischen Gesetz, dessen Ursprung in die japanische Besatzungszeit (1910–1945, jW) zurückreicht, kann der Staat jede kritische Stimme ausschalten und in die Privatsphäre eindringen. Die jungen Menschen haben in Südkorea keine Möglichkeit, den Militärdienst zu verweigern. Dafür müssen sie 18 Monate im Gefängnis absitzen. Mit anderen Worten: Erst müssen diese verdammte Teilung und die Militarisierung auf der Koreanischen Halbinsel beseitigt sein, damit auch die Liberalisierung der Gesellschaft voranschreiten kann.

Sie sind seit 2012 Vorstandsvorsitzende des mittlerweile in Berlin ansässigen Korea-Verbands e. V. Welche Schwerpunkte verfolgen Sie und der Verein?

Zum einen engagieren wir uns seit 2008 verstärkt für die sogenannten Trostfrauen. Es handelt sich um Mädchen und junge Frauen, die durch das japanische Militär im Asien-Pazifik-Krieg (1937–1945, jW) als Sexsklavinnen in Militärbordellen missbraucht wurden. Die Überlebenden warten noch heute auf eine aufrichtige Entschuldigung und offizielle Entschädigung. Wir versuchen, unseren Beitrag zur Aufklärung zu leisten, dass sexualisierte Gewalt generell und überall geächtet werden muss.

Durch diese Auseinandersetzung entwickelte sich unser zweiter thematischer Schwerpunkt: Die Beziehungen zwischen Europa und Ostasien. Seit 2012 führen wir in Kooperation mit der Robert-Bosch-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung ein Austauschprogramm, EPRIE – Exchange Program for Regional Integration in Europe and East Asia, für Studierende und junge Berufstätige aus sechs Ländern durch: Deutschland, Frankreich, Polen, China, Japan und Südkorea. Das Programm findet alternierend in Europa und in Asien statt. Durch den zweiwöchigen intensiven Austausch entstehen Freundschaften zwischen jungen Menschen, die nun beruflich wie privat vernetzt sind.

Der Frieden auf der Koreanischen Halbinsel ist ein weiteres Thema. Hierbei legen wir den Schwerpunkt auf den Dialog mit Nordkorea, wir lehnen Sanktionen ab. Denn wir orientieren uns stets an den einfachen Menschen. Niemand soll verhungern, nur weil Konfrontationen auf der politischen Ebene ausgetragen werden. Wir arbeiten mit Geflüchteten aus Nordkorea, die sowohl die nordkoreanische als auch die südkoreanische Gesellschaft kritisch betrachten, zusammen. Wir sehen in ihnen die Vorboten der Wiedervereinigung. Nach jedem Gespräch mit ihnen stelle ich bei mir selbst fest, mit wie vielen Vorurteilen über Nordkorea wir belastet sind. Auf die Kooperation mit Experten internationaler NGO, die in Nordkorea gelebt haben, legen wir ebenfalls großen Wert.

Fragen der Migration und Integration sind natürlich auch wichtige Themen, da fast die Hälfte unserer Mitglieder ja wertvolle Erfahrungen als nach Deutschland migrierte Krankenpflegerinnen, Bergarbeiter, Studierende oder als in Deutschland geborene Kinder gesammelt haben. Dabei stellen wir stets das Konzept der Integration in Frage.

Wie soll die Integration von Mi­granten denn Ihrer Meinung nach aussehen?

Ich möchte auf die Wirkungsmacht der Hautfarbe aufmerksam machen. Als Asiatin wurde ich beispielsweise im Alltag selten ernst genommen. Da ich klein und zierlich bin, sah ich lange sehr jung aus und wurde stets für niedlich, süß und naiv gehalten. Täglich wurde ich von Männern angemacht und in Läden unfreundlich abgefertigt, weil ich in den Augen der Angestellten wohl keine kaufkräftige Kundin darstellte. Erst jetzt, wo ich über 50 bin, merke ich den Unterschied und fühle eine große Erleichterung.

Schwarze Frauen werden in Deutschland auf der Straße von Passanten einfach so angespuckt oder ihnen wird Geld für Prostitution angeboten. Unerträglich! Lange lebte ich auch in der »Integrationsfalle«. Als ich früher schlechter Deutsch sprach, wurde ich täglich dafür gelobt, dass mein Deutsch so gut sei. Wenn ich darauf antwortete, dass ich schon lange hier lebe, verglich man mich mit »bildungsresistenten« Türkinnen, die nach zwanzig Jahren noch immer schlecht Deutsch sprächen. Im nachhinein denke ich, dass man mich lobte, um den Ärger über andere Migrantinnen loszuwerden.

Tatsächlich war ich als junger Mensch sehr darum bemüht, als musterhafte Migrantin dazustehen und so Anerkennung zu erheischen. Heute schäme ich mich dafür, denn hinter dieser Haltung steckte ja, dass ich genauso abwertend über andere Migrantinnen gedacht habe: Ich bin anders als die anderen, möchte nicht zu denen zählen, die schlecht integriert sind. Deshalb reagiere ich heute ziemlich allergisch, wenn man in dem Zusammenhang sagt: »Du bist ja eine Ausnahme. Du hast es eben geschafft!« Was nützt mir das, auch wenn ich Deutsch nahezu perfekt beherrsche und einen Hochschulabschluss besitze? Als Deutsche werde ich niemals wahrgenommen. Ich werde ewig die Fremde hier bleiben.

Zum Glück wohne ich im kosmopolitischen Berlin und werde nicht mehr als Stellvertreterin aller Koreanerinnen wahrgenommen, sondern als Persönlichkeit anerkannt. Mit dem Dazwischensein habe ich mich gut arrangiert, aber für Menschen der zweiten und der dritten Generation, die hier geboren sind, ist diese Frage nach nationaler Zugehörigkeit viel komplizierter als für mich. Ich bin ja aus Südkorea nach Deutschland eingewandert. Aber die Kinder der zweiten und mittlerweile dritten Generation sind gebürtige deutsche Staatsbürger und haben manchmal ein Elternteil deutscher Herkunft. Da sie im Alltag nicht als Deutsche anerkannt werden, müssen sie ungleich mehr mit ihrer eigenen Zugehörigkeit hadern. Denn in Korea fühlen sie sich auch fremd.

Ich will auch im Rahmen meiner Tätigkeit im Korea-Verband zeigen, wie unsinnig die Vorstellung ist, Migranten sollten sich in die Mehrheitsgesellschaft integrieren, wenn sie nicht als Individuen respektiert werden. Es tut mir weh, wenn meine Söhne erzählen, sie hätten den »Asiatenbonus« und kämen immer in die Berliner Klubs rein, während ihre Freunde türkischer oder arabischer Herkunft draußen bleiben müssen. Ausgegrenzt zu werden, das ist für niemanden schön. Wir sollten mehr miteinander über unsere eigenen inneren Werte sprechen. Diejenigen Menschen der Mehrheitsgesellschaft, die mit Pegida oder der AfD sympathisieren, fühlen sich ausgegrenzt und empfinden eine starke Verlustangst. Die Mehrheit muss sich ihrerseits in die sich stets verändernde Gesellschaft »integrieren«. Vielfalt bedeutet keine einfache Aneinanderreihung, sondern Potenzierung. Das Ergebnis ist unbekannt, gleichzeitig aber spannend – ein kreativer Prozess eben, wovor man keine Angst haben muss.

Unser Traum im Korea-Verband ist es, ein Museum der Migration zu gründen, in dem Menschen mit und ohne einen solchen Hintergrund zusammenkommen und sich über ihre persönlichen Erfahrungen austauschen. Die Erlebnisse ähneln sich, ob ein Mensch nun aus Korea oder aus der Türkei kommt. Selbstverständlich sollen dabei auch existierende Unterschiede herausgearbeitet werden. Nur durch einen solchen Austausch kann das Verständnis für andere entstehen und ein würdevolles Zusammenleben miteinander gelingen. Dafür brauchen wir jedoch reichlich Unterstützung: ein Gebäude und natürlich Geld. Über jede Spende freuen wir uns.

Wer immer sich auch oder gerade mit Nordkorea befasst, wird vorschnell als Apologet eines »Gulag-Staates« gebrandmarkt. Was waren da bislang Ihre Erfahrungen, wie betrachten Sie den Norden? Glauben Sie, zu Ihren Lebzeiten könnte es wieder ein vereinigtes Korea geben?

In den letzten Monaten bin ich ein paar mal zu TV-Talkshows eingeladen worden. Aufgrund meiner kritischen Haltung gegenüber der US-Sicherheitspolitik habe ich viele positive Rückmeldungen bekommen, dass sich für die Zuschauer neue Perspektiven eröffnet hätten. Ich denke zunächst nur an die schrittweise Annäherung und die Öffnung der Grenze. Eine Vereinigung wie in Deutschland ist sicherlich nur herstellbar im Kontext des Zusammenschlusses von asiatischen Staaten vergleichbar der EU, den es aber in der Region Nordostasien nicht gibt. Ich lasse hier den Aspekt mal außen vor, dass ja die EU selbst vor einer Zerreißprobe steht. Wenn China nicht mehr als Gegner der USA und der NATO gesehen wird und nordkoreanische Flüchtlinge von China anerkannt und nicht abgeschoben werden, öffnet sich gewiss auch die Grenze zwischen Nord- und Südkorea.

Zusammen mit Helga Picht, die einst an der Humboldt-Universität Berlin die Abteilung für Koreanistik leitete, arbeiten Sie seit langem an einem äußerst ambitionierten Übersetzungsprojekt. Können Sie dieses bitte skizzieren und schildern, was aus Ihrer Sicht einen solch beträchtlichen Aufwand rechtfertigt?

Der zehnbändige Roman »Land« der Autorin Pak Kyongni entstand zwischen den Jahren 1968 und 1995 und behandelt den Zeitraum von der Katholikenverfolgung um 1866 bis zur Befreiung Koreas von der japanischen Kolonialherrschaft im Jahre 1945. Die Autorin (1926–2008, jW) greift einerseits die öffentlich geführte Debatte über die politische Lage auf – sozusagen die männliche Welt – und andererseits die mündlich überlieferte, unmittelbar gelebte Welt der einfachen Menschen, also den Alltag von Frauen, Bauern und Knechten. Der Roman ist so erzählt, dass er von jedem verstanden werden kann, aber gleichzeitig ist er vor einem hochphilosophischen Hintergrund geschrieben. Ich zitiere Helga Picht: »Wer Korea verstehen will, für den ist diese Lektüre der beste Weg!«

Nataly Jung-Hwa Han … ist Koreanistin, Menschenrechtsaktivistin, Publizistin und Vorsitzende des Korea-Verbandes e. V. (Berlin)


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