Aus: Ausgabe vom 09.02.2018, Seite 12 / Thema

Spielball der Großmächte

Heute vor 100 Jahren schlossen Abgesandte aus Kiew und Vertreter der Mittelmächte den sogenannten Brotfrieden – die Ukraine entstand

Von David X. Noack
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Der Schriftsteller Joseph Roth wusste noch, was heute viele gerne vergessen möchten: »Der ukrainische Nationalismus ist ein deutsches Patent. Die Deutschen haben ihn erfunden, um den russischen Staat zu zerschlagen.« Einer dieser Erfinder war der General und Diplomat Max Hoffmann, der von einer deutschen Siedlerkolonie auf der Krim träumte – Hoffmann in Brest-Litowsk, Anfang 1918

Mit dem »Brotfrieden« lösten die Mittelmächte des Ersten Weltkriegs (Deutsches Reich, Öster­reich-Ungarn, Bulgarien und Osmanisches Reich) die Ukraine erstmals aus dem russischen Staatsverband. Der moderne ukrainische Staat, um den die Großmächte und die Nachbarländer viele Jahre lang buhlten, entstand. Zwar setzten sich in den Jahren 1921/1922 die Bolschewiki durch, doch bis weit in die 1920er Jahre hinein identifizierten führende westeuropäische Politiker die Ukraine als eine der Flanken, an denen die Sowjetunion empfindlich geschwächt werden könnte.

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts waren die Gebiete nordöstlich des ins Schwarze Meer mündenden Flusses Dnjestr an das russische Zarenreich gefallen. Katharina die Große ließ die Stadt Odessa gründen. Über den Hafen lief ein Großteil des Weizen- und Kornexports Russlands. Die ­Ukraine diente damals als eines der wichtigsten Getreideanbaugebiete Europas. Nach dem Ende des Krimkrieges (1853–1856) begannen die Industrialisierung des Donezbeckens und ein langanhaltender wirtschaftlicher Aufschwung. In dessen Folge wurde das Schienennetz ausgebaut, und die Ukraine wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem der international wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugergebiete. Circa 90 Prozent des damaligen russischen Getreideexportes stammten von dort, 43 Prozent der Weltproduktion an Gerste hatten hier ihren Ursprung.

Ziel der Eroberung

Im Deutschen Kaiserreich sahen viele ostelbische Junker deswegen die »südrussischen« Agrarproduzenten als ihre direkten Konkurrenten an.¹ Auch schielte man in Berlin auf die schwarze Erde zur Ernährung der eigenen Bevölkerung. So wurde die Ukraine im von Deutschland vom Zaun gebrochenen Ersten Weltkrieg zu einem zentralen Eroberungsziel des Deutschen Kaiserreichs. Bereits von Beginn des Konflikts an unterstützten hochrangige Politiker der Mittelmächte den exilukrainischen »Bund zur Befreiung der Ukraine« sowie ähnliche Organisationen.

Infolge der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution 1917 in Russland und eines zwei Monate später stattfindenden allukrainischen Nationalkongresses gründeten Intellektuelle die Zentralna Rada, den Zentralrat. Vor allem die Ukrainische Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die Partei der Sozialrevolutionäre dominierten diese Versammlung. Nach Erweiterungen um Arbeiter, Bauern und Soldaten verabschiedete das provisorische Parlament im Juni desselben Jahres eine Erklärung, wonach die Ukraine in einem föderativ organisierten Russland autonom werden solle und an Friedensgesprächen teilnehmen müsse. Auf Einladung Berlins reisten Rada-Vertreter im Dezember 1917 zu den Friedensverhandlungen nach Brest-Litowsk. Die russischen Bolschewiki, die im November an die Macht gelangt waren, hatten dem zugestimmt.

Da Russland und also auch die Ukraine sich offiziell weiterhin als Teil der Entente im Kriegszustand mit Deutschland befanden, versuchten zunächst Frankreich und Großbritannien Einfluss auf Kiew auszuüben. Die britische Regierung ernannte den Generalkonsul Seiner Majestät in Odessa zum »britischen Repräsentanten für die Ukraine«, und auch ein französischer Vertreter reiste in die Hauptstadt des Souveränität beanspruchenden Landes. Die Westalliierten offerierten der Rada Kredite für den Fall, dass sie weiterhin mit Deutschland im Krieg bleiben würde.² Die Front verlief damals noch durch die Westukraine – circa 350 Kilometer westlich von Kiew. Doch aus der Annäherung zwischen der Ukraine und den Westmächten wurde nichts, und der britische Repräsentant musste aufgrund der nahenden deutschen Truppen bald aus Kiew fliehen.

Als die Verhandlungen der Mittelmächte mit den russischen Bolschewiki zwischenzeitlich zu einem Stillstand kamen, unterzeichneten in der Nacht vom 9. zum 10. Februar 1918 die Vertreter Deutschlands, Österreich-Ungarns, Bulgariens und des Osmanischen Reichs mit den ukrainischen Abgesandten den sogenannten Brotfrieden. Die Rada hatte Ende Januar das Land für unabhängig erklärt, und Berlin war schnell bereit, dies anzuerkennen. Das Interesse der deutschen politischen und militärischen Führung an der Ukraine hatte vor allem wirtschaftliche Gründe: Ukrainisches Getreide sollte nach Deutschland exportiert werden. Daher auch der Name Brotfrieden. Mit der Unterzeichnung des Separatfriedens von Brest-Litowsk wurde die Vision eines ukrainischen Staates erstmals Wirklichkeit. Denn der Verzicht auf weite Gebiete von der Ostsee bis ans Schwarze Meer und zum Kaukasus einschließlich der Ukraine war der Preis, den die Delegation um Leo Trotzki für den Frieden von Brest-Litowsk zahlen musste.

Doch um die Ukraine als Staat sah es im Frühjahr 1918 ziemlich schlecht aus. Die Rada-Regierung hatte nach der Einnahme Kiews durch die Rote Armee die eigene Hauptstadt verloren und musste in das 130 Kilometer weiter westlich gelegene Schitomir ausweichen. Bereits im Januar hatten Bolschewiki am Schwarzen Meer die Sowjetrepublik Odessa gegründet, im Februar folgte die Sowjetrepublik Donezk-Kriwoi Rog im Osten des Landes und im März die Taurische Sowjetrepublik auf der Krim. Alle russischsprachigen Gebiete der Ukraine sowie Kiew standen damit unter der Kontrolle der Bolschewiki. Aber das blieb nicht so. Um von den berühmten Schwarzerdeböden profitieren zu können, beabsichtigte die deutsche Militärführung, die gesamte Ukraine zu besetzen. Mit deutscher Hilfe konnten die Truppen der Ukrainischen Volksrepublik Anfang März 1918 Kiew wieder einnehmen. Kurz darauf zerschlugen die Mittelmächte auch die Sowjetrepublik Odessa, und Ende April 1918 besetzten deutsche Truppen die Krim.

Trotz des Erfolgs der deutschen Strategie zur Zerschlagung Russlands entwickelten sich die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Ukraine zunächst schlecht. Die Getreideausbeute fiel geringer aus, als Berlin erwartet hatte. Außerdem führten die Mitte-links-Kräfte in der Rada den Achtstundentag ein, forcierten die Enteignung von Großgrundbesitzern, die Verstaatlichung von Bodenschätzen, Wäldern, Gewässern und Schwerindustrie und etablierten eine staatliche Kontrolle der Banken. Das war definitiv nicht im Interesse der Deutschen. Wegen der Unzufriedenheit mit der ukrainischen Nationalregierung unterstützte das Kaiserreich daher im Mai 1918 den Putsch des in Wiesbaden geborenen einstigen zaristischen Generals Pawlo Skoropadski. Auf diesen setzten auch die Großgrundbesitzer und die kleine Finanzelite des Landes. Die anvisierten Sozialisierungsmaßnahmen wurden wieder zurückgenommen oder verhindert. Skoropadski ernannte sich selbst zum »Hetman« – also Kosakenanführer – des Ukrainischen Staates, wie das Land fortan hieß.

Mit deutscher Hilfe errichtete Skoropadski ein monarchisches System, welches paradoxerweise viele Russischsprachige in Führungspositionen brachte. Mit dem Abbruch der Bodenreform machte sich der Hetman bei den Bauern unbeliebt, weswegen viele von ihnen sich fortan für die Bolschewiki aufgeschlossen zeigten. Unter dem neuen Staatsoberhaupt begann außerdem die Phase der offenen deutschen Besatzung. Diese Okkupation bestand jedoch lediglich aus einem »dünnem Netz an den Bahnlinien entlang«³ und in den großen Städten des ukrainischen Festlandes. Die Deutschen schienen nur daran interessiert, das Getreide sicher nach Mitteleuropa abtransportieren zu können.

Die deutsche Riviera

Einen Sonderfall bei der offenen deutschen Besatzungspolitik stellte die Krim dar. Zwischen der politischen und militärischen Führung in Berlin bestanden unterschiedliche Ansichten über die Zukunft der ukrainisch, russisch und krimtatarisch besiedelten Schwarzmeerhalbinsel. Einige Militärs bevorzugten die Errichtung einer deutschen Siedlerkolonie. General Max Hoffmann, der an den Verhandlungen in Brest-Litowsk teilgenommen hatte, bezeichnete die Krim als »deutsche Riviera«.⁴ Doch die Politik bremste. Unter dem Schutz der kaiserlichen Truppen bildete sich im Juni 1918 auf der Halbinsel eine Regierung, die – entgegen Wünschen aus dem Auswärtigen Amt – nicht mit der Ukraine zusammengehen wollte. Aufgrund des Abgrenzungskurses vom ukrainischen Festland verhängte Skoropadski eine Wirtschaftsblockade. Da die deutschen Besatzungsbehörden diesen Zustand nicht dauerhaft tragen wollten, tauschten sie die Krim-Regierung kurzerhand aus. Die neue Regierung strebte eine Union mit der Ukraine an.

Während die ukrainischen Beziehungen zur Krim sich schwierig entwickelten, konnte der Kiewer Hetman in Südrussland an Einfluss gewinnen. Mit der Volksrepublik Kuban östlich des Asowschen Meeres ging die Ukraine eine Union mit dem Ziel eines gemeinsamen Staates ein. Skoropadskis Pläne gingen sogar noch weiter: Ihm schwebte eine Großukraine mit Vasallenstaaten in Bessarabien (Moldau), dem Dongebiet, Astrachan und auf der Krim vor. Diese Hegemoniepläne passten den Deutschen ganz gut. Einflussreiche deutsche Militärs vertraten die Auffassung, dass die Ukraine als eine Art Brücke nach Persien, Indien und an den Indischen Ozean genutzt werden könne.

Diese Pläne wurden allerdings schnell von den Entwicklungen an anderen Fronten des Ersten Weltkriegs eingeholt. Ende September 1918 scherte Bulgarien aus dem Bündnis der Mittelmächte aus und schloss einen Waffenstillstand mit den Alliierten. Ende Oktober folgten das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn. Anfang November unterzeichnete Staatssekretär Matthias Erzberger gemeinsam mit mehreren deutschen Militärs im nordfranzösischen Compiègne einen Waffenstillstand mit den Abgesandten Frankreichs und Großbritanniens. Der Erste Weltkrieg endete.

Beide Seiten legten unter anderem fest, dass die Deutschen aus allen besetzten Gebieten des früheren Zarenreiches abziehen und die Schwarzmeerhäfen für die Briten und Franzosen öffnen sollten, auch der Friedensvertrag von Brest-Litowsk sollte annulliert werden. So zogen die deutschen Truppen infolge des Waffenstillstands im Dezember 1918 ab – und mit ihnen Hetman Skoropadski.

Diktatur des Direktorats

Auf das Ende des monarchischen Systems unter dem früheren Zarengeneral folgte eine nationalistische Diktatur des sogenannten Direktorats. In diesem saßen zwei Sozialdemokraten, ein Sozialrevolutionär sowie jeweils ein Vertreter des Bauernverbandes und der Eisenbahnarbeiter. Binnen kurzem setzte sich Simon Petljura als der neue starke Mann durch. Der Mitbegründer der Ukrainischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und Kriegsminister der ersten Rada-Regierung vom Juni 1917 bis Januar 1918 wandte sich während seiner Zeit als Diktator von der Sozialdemokratie ab und dem Nationalismus zu. Um in dem kriegsgeplagten Land die Autorität des Direktorats durchzusetzen, verließ sich die Regierung auf das Militär. Nach Dekreten des Direktorats herrschten lokale Atamane in den verschiedenen Provinzen des nun wieder Ukrainische Volksrepublik genannten Staates. Diese Militärs hatten sowohl Administrativ- als auch Justizaufgaben.

Die Diktatur des Direktorats traf vor allem im Südosten des Landes auf scharfen Widerstand. Im Januar 1919 konnte dort die sogenannte Revolutionäre aufständische Armee der Ukraine ein Gebiet mit einer Größe von 100.000 Quadratkilometer befreien. Unter der Führung des Anarchisten Nestor Machno versuchte die Bewegung eine staatenlose Gesellschaft, die »Freie Ukraine«, zu errichten. Doch infolge des anhaltenden Bürgerkrieges wurde die Machnowschtschina zwischen ukrainischen sowie weißen und roten russischen Truppen aufgerieben.

In Kiew und anderen Gebieten des vom Direktorat kontrollierten Territoriums kam es derweil zu bis dato beispiellosen antisemitischen Pogromen. Laut Schätzungen kamen dabei zwischen 35.000 und 50.000 Menschen ums Leben. Als Reaktion darauf veröffentlichte Lenin eine Verurteilung der antisemitischen Ausschreitungen. Im Juni 1919 legte der sowjetrussische Rat der Volkskommissare ein Programm zur Entschädigung der Pogromopfer auf.

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Osteuropa am Ende des Ersten Weltkriegs

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und unter den Bedingungen des Waffenstillstands von Compiègne geriet die Ukraine wieder ins Visier der Westalliierten. Die Grundlage dafür schuf die Besetzung Konstantinopels durch eine gemeinsame Streitmacht der Alliierten. Infolgedessen landeten französische und griechische Truppen in Odessa und marschierten ins etwa hundert Kilometer östlich gelegene Nikolajew (heute Mykolajiw). Britische Truppen wiederum drangen in den Kaukasus vor. Die Planung und Umsetzung der französischen Ukraine-Expedition trug einen kolonialen Charakter.⁵ Nach erbittertem Widerstand der Roten Armee sowie grüner – also sozialrevolutionärer – Truppen zogen die Franzosen nach wenigen Monaten wieder ab. Lediglich die Briten versuchten weiterhin, die Landkarte des Schwarzmeergebietes neu zu zeichnen. In London hatte der liberale Premierminister David Lloyd George den früheren Vizekönig Britisch-Indiens, Lord Curzon, zum Außenminister ernannt und somit den Hardlinern eine gewichtigere Rolle im Kabinett gegeben. Bei einer Sitzung des Kriegskabinetts im Herbst 1919 formulierte Lloyd George das »ultimative Ziel« der britischen Außenpolitik: »Die Frage ist, wäre es im Interesse des Britischen Weltreiches, ein einheitliches Russland zu haben – egal ob bolschewistisch oder antibolschewistisch – oder andere Tendenzen zu unterstützen? Ein zusammenhängendes Russland hätte den natürlichen Drang zur Ausdehnung und würde das britische Weltreich und den Frieden in der Welt gefährden. Die andere Alternative wäre, gewisse unabhängige Staaten wie die Ukraine und vielleicht sogar Turkestan zu haben.«⁶

Britische Intervention

Nachdem die britische Regierung also das deutsche Kriegsziel der Zerschlagung Russlands und der Eroberung der ukrainischen Kornkammern übernommen hatte, folgten die ersten Personalentscheidungen, um diesen Kurs durchzusetzen. Außenminister Lord Curzon ernannte Halford Mackinder zum britischen Hochkommissar für Südrussland. Die beiden kannten sich aus Studienzeiten in Oxford und hatten vor dem Krieg prominente Rollen in der Royal Geographical Society – Mackinder als Forscher und Curzon als ihr Präsident. In dieser Funktion dürfte letzterer Mackinders berühmte Schrift über den »Geographischen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte« (»The Geographical Pivot of History«, 1904) gelesen haben.⁷ Mackinder, der darin die Kontrolle des eurasischen »Herzlandes« (»Heartland«) als Schlüssel zur weltweiten Dominanz beschreibt, formulierte auch Pläne für eine Zerstückelung des europäischen Russlands in viele Einzelstaaten. Im Kaukasus, im Baltikum, in Südrussland und auf dem Gebiet Weißrusslands und der Ukraine sollten neue Staaten entstehen, um den Zugang Moskaus zum Schwarzen Meer zu verhindern.

Der Geograph reiste nach Noworossijsk und traf sich im Hinterland der russischen Schwarzmeerküstenstadt mit dem Anführer der russischen Weißen, General Anton Iwanowitsch Denikin. Von diesem bekam der Begründer der Geopolitik die Garantie für die Unabhängigkeit der »Randstaaten«, also auch der Ukraine. Nach London zurückgekehrt, musste Mackinder jedoch feststellen, dass seine Pläne der Balkanisierung des früheren Zarenreiches selbst im britischen Kabinett auf wenig Gegenliebe stießen. Bildungsminister H. A. L. ­Fisher schrieb danach in sein Tagebuch, dass die Idee absurd sei. Selbst Lloyd George rückte davon ab. General Denikins Kräfte befanden sich derweil auf dem Rückzug, und nach fünf Jahren Weltkrieg und anschließendem westalliierten Interventionskrieg in Russland zeigten sich große Teile der britischen Bevölkerung kriegsmüde. Im Februar 1920 trat Mackinder zurück, im April verkündete Denikin seinen Rückzug und floh von der Krim nach Konstantinopel. Nach Denikin versuchte der baltendeutsche General Pjotr Wrangel, die weißen Kräfte zum Sieg im Russischen Bürgerkrieg zu führen. Auch er scheiterte. Im November 1920 zogen die letzten antikommunistischen Kräfte von der Krim ab. Die britischen Pläne, die Ukraine von Russland abzuspalten, fanden ihr Ende.

Polnische Interessen

Der Konflikt um die Ukraine ging aber weiter. Siegreich aus dem Kampf gegen die Weißen hervorgegangen, kontrollierte die Rote Armee im Frühjahr 1920 einen Großteil des Landes. Militärisch in die Ecke getrieben, unterzeichnete ein Abgesandter des ukrainischen Direktorats in Warschau einen Allianzvertrag mit der polnischen Regierung. Dieser sah vor, dass Polen alle Gebiete westlich des Dnjeprs erhalten würde. Im Januar 1920 startete die polnische Armee daraufhin diverse Offensiven und nahm die Gebiete bis nach Kiew ein. Unterstützt wurden die polnischen Truppen von Beratergruppen aus Frankreich, Großbritannien und Japan. Die Gegenoffensive brachte die Rote Armee jedoch bis kurz vor Warschau, wo die sowjetischen Streitkräfte allerdings geschlagen wurden. Der Krieg endete wenige Monate später mit dem Frieden von Riga. Damit kam Osteuropa nach sieben Jahren zum ersten Mal zur Ruhe. Die Ukrainische SSR umfasste fortan große Teile der Ost-, Süd- und Zentralukraine. Hauptstadt wurde zunächst Charkow und nicht das lediglich 200 Kilometer von der polnischen Grenze entfernte Kiew. Polen wiederum verleibte sich die Westukraine ein, und das westlich gelegene Ruthenien fiel an die Tschechoslowakei.

Nachdem die gewaltsamen Auseinandersetzungen beendet und die Grenzen neu gezogen waren, änderte vor allem Deutschland seine Strategie. In Berlin setzten einflussreiche Politiker und Militärs auf eine Annäherung an die Sowjetunion, die in den Vertrag von Rapallo mündete. Infolge der Wiederaufnahme deutsch-sowjetrussischer Beziehungen etablierte die Weimarer Republik eine Botschaft in Moskau und ein großes Generalkonsulat in Leningrad. Daneben errichteten die Deutschen im Verlauf der 1920er Jahre sechs weitere diplomatische Vertretungen in der Sowjetunion – davon allein drei in der Ukraine (Charkow, Kiew und Odessa). Auch bei den Bemühungen der wirtschaftlichen Durchdringung der UdSSR stand das Land wieder im Fokus deutscher Expansionsbemühungen.

Trotz der sich gut entwickelnden deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen und der geheimen Kooperation zwischen Reichswehr und Roter Armee gab es in der deutschen politischen Führung immer wieder antisowjetische Stimmungen. Im Jahr 1925 beauftragte Außenminister Gustav Stresemann einen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, er solle evaluieren, »ob in der Ukraine polenfreundliche Tendenzen vorhanden seien und ob eine Trennung der Ukraine aus dem Verband der Sowjetunion denkbar sei«.⁸ Eine mögliche Eingliederung der Ukraine in den polnischen Staatsverband hätte an die Allianz des Warschauer Vertrages anknüpfen können. Außerdem wäre Polen somit an einen zweiten Meereszugang gekommen, und Deutschland hätte Polen den sogenannten »Korridor« nach Königsberg als Konzession abringen können. Doch das ließ sich nicht umsetzen, und die Weimarer Regierung hatte Mitte der 1920er Jahre auch gar nicht die Mittel, um solch eine erneute Separation der Ukraine ins Werk zu setzen. Das sollte sich erst mit der Wiederaufrüstung der 1930er Jahre ändern.

Diaspora und Gedenken

Verschiedene ukrainische Politiker gingen nach der Aufteilung der Ukraine zwischen Polen, der Tschechoslowakei und Sowjetrussland ins Exil. Warschau, Prag, Wien, Berlin und Paris entwickelten sich zu Zentren der ukrainischen politischen Diaspora. In Frankreich beispielsweise ließen sich der Anarchist Machno, der frühere Krim-Regierungschef Solomon Krim und der Nationalist Simon Petljura nieder. Letzteren erschoss der russischstämmige Dichter Scholom Schwartzbard im Mai 1926 in Paris, da seine Familie während der Pogrome 1919 getötet worden war. Der Diktator des Direktorats, Petljura, wird heute in Teilen der Ukraine als Held gefeiert. Im Oktober 2017 enthüllten ukrainische Offizielle im zentralukrainischen Winniza die erste Statue für den nationalistischen Staatschef.

Anmerkungen:

1 Frank Golczewski: Deutsche und Ukrainer 1914–1939, Paderborn 2010, S. 39

2 Natalya Yakovenko: Ukraine in British Strategies and Concepts of Foreign Policy, 1917–1922 and after. In: East European Quarterly 36 (2003), Nr. 4, S. 465–479; hier: S. 466

3 Golczewski, a. a. O., S. 324

4 Winfried Baumgart: Deutsche Ostpolitik 1918. Von Brest-Litowsk bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Wien/München 1966, S. 153

5 J. Kim Munholland: The French Army and Intervention in Southern Russia 1918–1919. In: Cahiers du monde russe et soviétique 22 (1981), Nr. 1, S. 43–66; hier S. 44

6 Zit. n. Yakovenko, a. a. O., S. 471

7 B. W. Blouet: Sir Halford Mackinder as British High Commissioner to South Russia 1919–1920. In: The Geographical Journal 142 (1976), Nr. 2, S. 228–236; hier: S. 231

8 Zit. n. Martin Walsdorff: Westorientierung und Ostpolitik – Stresemanns Russland-Politik in der Locarno-Ära, Bremen 1971, S. 50

David X. Noack schrieb an dieser Stelle zuletzt am 25. Oktober 2017 über den Verkauf Alaskas durch Russland an die USA vor 150 Jahren.


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