Aus: Ausgabe vom 05.02.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben«

Journalisten auf den Philippinen fühlen sich von der Regierung unterdrückt. Ein Gespräch mit Jhoanna Ballaran

Von Thomas Berger
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Journalistenprotest gegen Zensur am 17. Januar in Manila

Sie arbeiten neben Ihrer Teilzeitstelle bei der Journalistenvereinigung NUJP als Reporterin für die renommierte Tageszeitung Inquirer. Haben Sie Angst, oder sind Sie schon bedroht worden?

Nein, persönlich hat es bei mir zum Glück noch keine schwerwiegenden Vorkommnisse dieser Art gegeben. Dass sich einflussreiche Leute beschweren und ihre Anwälte einschalten, ist hier auf den Philippinen normal, wo man sehr auf seine Reputation bedacht ist. Doch ich kenne die Sorgen vieler Kollegen aus dem eigenen Freundeskreis. Einer Radioreporterin in Davao (Heimatstadt von Präsident Rodrigo Duterte auf Mindanao, wo er lange Bürgermeister war; jW) ist gerade vor Weihnachten gesagt worden, sie werde das Fest nicht mehr erleben. Für sie, die dort zu Themen wie Menschenrechtsfragen und Vertreibung arbeitet, war das eine sehr furchteinflößende Situation. Drohungen solcher Art sind auf den Philippinen leider allgegenwärtig. Seit der Rückkehr zur Demokratie 1986 hat es insgesamt 128 Mordfälle an Journalisten gegeben.

Damals wurde Diktator Ferdinand Marcos durch eine Volkserhebung mit Rückendeckung der Armee gestürzt. Hat es danach eine Phase relativ großer Pressefreiheit gegeben?

Das kann ich nicht wirklich behaupten. Selbst unter Corazon Aquino, der ersten demokratisch gewählten Präsidentin, gab es Morde. Verfolgung kritischer Medienleute hat es seither immer gegeben, jede Administration hatte da ihre Mittel, zum Beispiel auch die von Gloria Macapagal-Arroyo.

Dennoch hat sich unter Rodrigo Duterte die Lage nochmals verschlechtert …

In den ersten anderthalb Jahren seiner Präsidentschaft gab es »nur« drei Mordfälle an Journalisten, während der Amtszeit von Arroyo waren es zum Beispiel um die 15. Doch momentan ist die Stimmung sehr schlecht. Duterte selbst behauptet immer wieder, die Medien würden ihren Job nicht richtig machen, würden falsch berichten. Im Gegenzug sind neuerdings gerade über die sozialen Netzwerke viele »Fake News« im Umlauf, fabrizierte Geschichten. Das hat unter ihm massiv zugenommen. Zudem stammen von ihm Aussagen, die Journalisten seien korrupt, man müsse uns einsperren oder sogar umbringen. Das kompromittiert unser Sicherheitsgefühl. Und normale Leute greifen das auf. Ein Kollege vom Inquirer, sichtbar als solcher gekennzeichnet, ist jüngst auf einem Flug beim Aussteigen von einer Stewardess beschimpft worden, warum er Unwahrheiten schreibe. Das ist kein Einzelfall.

Gerade die Südinsel Mindanao ist ja teilweise explizit Duterte-Land und für Berichterstatter besonders brisantes Terrain.

Schon in Davao sollte man aufpassen, wie man kritische Berichte ausbalanciert. Jetzt ist seine Tochter Sara Bürgermeisterin, sein Sohn deren Vize. Und von einer befreundeten Kollegin weiß ich, dass sich gerade junge Reporter an bestimmte Themen schon gar nicht mehr herantrauen. Als über protestierende Bananenpflücker berichtet wurde, gab es Druck vom Anwalt der Plantagenbesitzer, denn das ist der Ehemann von Sara Duterte – damit hatte man die »First Family« direkt getroffen. Und es ist zweifellos richtig: In bestimmte Gebiete im Süden sollte man sich zumindest nicht ohne lokalen Führer begeben, sonst wird es gefährlich.

Das Massaker von Maguindanao, bei dem am 23. November 2009 beim Überfall auf einen Wahlkampfkonvoi und Berichterstatter 58 Menschen ermordet wurden, davon 32 Medienvertreter, ist nun acht Jahre her. Einige Tatbeteiligte sind weiter frei, einer der mutmaßlichen Drahtzieher gestorben, der Prozess stockt. Haben Sie noch Hoffnung auf Gerechtigkeit?

Als NUJP dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Wir unterhalten ja ein Stipendienprogramm für die Kinder der Ermordeten, haben uns mit ihnen am jüngsten Jahrestag am Ort der Bluttat getroffen. Auch dies hat uns Kraft gegeben, in unserem Kampf nicht nachzulassen. Und von den Anwälten der Familien wissen wir, dass 2018 das Gerichtsverfahren tatsächlich zu einem Abschluss kommen könnte.

Jhoanna Ballaran arbeitet als Media Safety Officer bei der philippinischen Journalistenvereinigung NUJP (National Union of Journalists of the Philippines), die als gewerkschaftsähnlicher Dachverband agiert.


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