Aus: Ausgabe vom 02.02.2018, Seite 15 / Feminismus

An Grundfesten rütteln

Ein Nachruf auf die Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Ursula K. Le Guin

Von Valie Djordjevic
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Ursula K. Le Guin in ihrem Haus in Portland im US-Bundesstaat Oregon, ­September 2001. Am 22. Januar ist die vielfach ausgezeichnete Science-Fiction- und Fantasy-Autorin im Alter von 88 Jahren verstorben

Wer glaubt, dass Science-Fiction nur mit Weltraumschlachten zu tun hat und nichts mit dem echten Leben, muss spätestens bei Bekanntschaft mit Ursula K. Le Guins Werk umdenken. Die US-amerikanische Schriftstellerin hat in den gut 50 Jahren ihres Schaffens dazu beigetragen, das Genre als »richtige« Literatur zu etablieren. Sie hat immer wieder darüber nachgedacht, wie Menschen und ihre Gesellschaften funktionieren – und immer wieder gefragt: Was wäre, wenn? Was zum Beispiel, wenn es nur ein Geschlecht gäbe? Was würde das für den Umgang miteinander, für Politik, Religion und Kunst bedeuten? Darum geht es etwa in ihrem 1969 erschienenen Roman »The left Hand of Darkness« (»Der Winterplanet«).

»Ich habe das Geschlecht eliminiert, um herauszufinden, was übrigbleibt«, schrieb die 1929 in Berkeley (Kalifornien) geborene Le Guin dazu. »Denn das, was übrigbleibt, ist vermutlich einfach menschlich. Das wäre dann der Bereich, den Männer und Frauen gemeinsam haben.« Sie habe eine Gesellschaft erschaffen wollen, die nicht auf den Dualitäten von »überlegen/unterlegen, Herrscher/Beherrschte, Besitzer/Besitz, Nutzer/Benutztes« beruht, so die Autorin in ihrem Essay »Is Gender Necessary?«.

Sie stand mit diesen Ideen in einer Reihe mit anderen feministischen Autorinnen wie Octavia Butler, Marge Piercy und Joanna Russ, die im Zuge einer neuen Welle in der Science-Fiction weg von Raumfahrersagas und hin zu gesellschaftlichen Spekulationen gingen. In »The Dispossessed« (1974), auf Deutsch zunächst lange unter dem Titel »Planet der Habenichtse« bekannt und 2017 in neuer Übersetzung als »Freie Geister« erschienen, stellt Le Guin eine andere Grundfeste unserer Gesellschaft in Frage: den Kapitalismus. In diesem Klassiker der SF- Literatur stehen sich die anarchistische Gesellschaft von Anarres und der kapitalistische Planet Urras gegenüber. Anarres ist weit entfernt davon, ein anarchistisches Utopia zu sein. Die Bewohner leiden unter Engpässen in der Versorgung mit Nahrung, die Verteilung ist schwierig, sie müssen hart arbeiten und können nicht immer frei wählen, wo sie leben. Mit der Schilderung solcher ganz praktischen Probleme wird die Frage nach den für ein erfülltes Leben wirklich wichtigen Gütern und Bedingungen aufgeworfen.

Literarische Zukunftsvisionen – und insbesondere jene, die auch verfilmt wurden, waren in den letzten Jahren überwiegend Dystopien: siehe die Serie nach Margaret Atwoods »The Handmaid’s Tale« oder die »Hunger Games«-Trilogie nach den Romanen von Suzanne Collins. Das ist zwar wenig überraschend angesichts des politischen, ökologischen und wirtschaftlichen Zustandes der Welt. Wer aber nach Ideen sucht, wie eine menschlichere Gesellschaft funktionieren könnte, findet in Ursula Le Guins Welten eine Fülle von Anregungen.

Sie wurde mit zahllosen internationalen Science-Fiction-Preisen geehrt. 2014 erhielt sie den National Book Award – neben dem Pulitzer-Preis die renommierteste Autorenauszeichnung der Vereinigten Staaten – für ihren herausragenden Beitrag zur US-amerikanischen Literatur. In ihrer Dankesrede sagte sie: »Wir leben im Kapitalismus. Seiner Macht kann scheinbar niemand entkommen. Aber genauso war es mit dem göttlichen Recht der Könige.« Am 22. Januar ist die äußerst produktive Autorin in Portland (Oregon) verstorben, wo sie in den letzten Jahrzehnten gelebt hatte.


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