Aus: Ausgabe vom 30.01.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Kampf für Frieden

Vor hundert Jahren ging in Österreich der Jännerstreik zu Ende

Von Simon Loidl

Zu Beginn des Jahres 1918 war die Kriegsmüdigkeit der österreichischen Bevölkerung auf einem Höhepunkt. Die Oktoberrevolution in Russland hatte eine konkrete Perspektive eröffnet, die nicht nur die Beendigung des Krieges verhieß, sondern eine Welt ohne Ausbeuter und Generäle in greifbare Nähe rückte. Vor allem aber bot das revolutionäre Russland Frieden an, der von den deutschen und österreichischen Verhandlern nur angenommen werden hätte müssen. Dazu waren diese aber nicht bereit. In dieser Situation wurde die bereits aufs äußerste angespannte soziale Lage in Österreich durch eine von der Regierung verordnete Kürzung der Mehlration noch weiter verschärft. Damit war der Bogen überspannt. Am 14. Januar legten die Beschäftigten der Daimler-Motorenwerke in Wiener Neustadt die Arbeit nieder. Nur wenige Stunden später schlossen sich ihnen Tausende Arbeiter aus anderen Werken an. An die 10.000 Streikende versammelten sich vor dem Rathaus der 50 Kilometer südlich von Wien gelegenen Industriestadt.

Unter den Streikenden machten Flugblätter der »Linksradikalen« die Runde. Diese Gruppe trat für eine Politik ein, die sich nicht nur gegen die Kriegstreiber aus Regierung und Kaiserhaus, sondern auch gegen die versöhnlerische Haltung der Führung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) richtete. »Wir rufen euch zum Kampf für Frieden und Freiheit!« hieß es in einem Flugblatt, »Vereinigt euch wie eure russischen Brüder! Wählt Arbeiter- und Soldatenräte!« In den folgenden Tagen passierte genau dies. Hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter in vielen Regionen legten die Arbeit nieder und wählten in ihren Versammlungen Arbeiterräte. Der Ausstand war nicht auf die deutschsprachigen Gebiete der Monarchie beschränkt, auch in den polnischen, mährischen, italienischen wurde gestreikt. Ebenso in Budapest und anderen ungarischen Städten. Bis zu 750.000 Menschen beteiligten sich an diesem Arbeitskampf für Frieden und Brot. Neben diesen beiden zentralen Forderungen richtete sich der Streik gegen die Militarisierung der Betriebe durch das »Kriegsleistungsgesetz«. Durch dieses unterstand die Produktion »kriegswichtiger« Güter direkt dem Kriegsministerium, Tausende Männer und Frauen wurden zur Arbeit zwangsverpflichtet. Die Produktion wurde an den militärischen Bedürfnissen ausgerichtet.

Die SDAP-Führung hatte über die Streikbewegung keine Kontrolle und setzte alles daran, diese zu erlangen. Ihre Funktionäre beteiligten sich an der Wahl von Räten und versuchten dabei, jene zurückzudrängen, die den Streik vorantreiben wollten. Hinter den Kulissen verhandelte die Parteiführung mit der kaiserlichen Regierung darüber, wie man der Situation Herr werden könne. Schließlich wandte sich die Regierung mit Versprechungen an die Streikenden. Man werde die Friedensverhandlungen nicht an territorialen Forderungen scheitern lassen, hieße es. Zudem würde die Regierung die Nahrungsmittelversorgung neu organisieren, die Militarisierung der Betriebe aufheben und ein allgemeines Wahlrecht für Gemeinden einführen. Diese Versprechen ermöglichten es der sozialdemokratischen Parteiführung, für eine Beendigung des Streiks zu agitieren. Dies gelang nach einigen Tagen schließlich auch. Denn obwohl sich zunächst viele Arbeiter empört gegen den Abbruch des Streiks ausgesprochen hatten, setzte sich die SDAP-Führung letztlich doch gegen ihre linke Konkurrenz durch. Am 24. Januar wurde die Arbeit in den letzten noch bestreikten Betrieben wieder aufgenommen.

Der Jännerstreik war ein Lehrbuchbeispiel für sozialdemokratische Politik. Dem marxistischen Historiker Hans Hautmann zufolge bestand diese damals darin, »der Parteiführung eine Balance zwischen ihrer nach wie vor monarchietreuen Haltung und der nötigen Rücksichtnahme auf die Stimmung der Basis zu verschaffen«. Die SDAP-Vertreter sprachen in Versammlungen radikal und stützten mit ihren Handlungen das Regime. Diese Erfahrung führte zu einer Reorganisierung innerhalb der österreichischen Arbeiterbewegung. In einem von den »Linksradikalen« nach dem Ende des Streiks veröffentlichten Flugblatt hieß es: »Wenn wir die Ketten der Tyrannei brechen wollen, müssen wir zuerst die Leute beseitigen, die uns in neue Ketten legen wollen. Zum Teufel mit der Disziplin des Kadavergehorsams, fort mit den Redereien von Verantwortung und Geschlossenheit!« Im Herbst 1918 wurde von Vertretern der »Linksradikalen« und anderen linken SDAP-Mitgliedern die Kommunistische Partei Österreichs gegründet.


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