Aus: Ausgabe vom 23.01.2018, Seite 11 / Feuilleton

Die Lache der Lebemänner

Von wegen »Gesundschrumpfen«: Der Film »Downsizing« ist von nacktem Zynismus geprägt

Von Peer Schmitt
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»Großes Land voller ­Möglichkeiten, hahaha«: Matt Damon, Christoph Waltz, Udo Kier

Die vielleicht lustigste Szene in »Downsizing«, Alexander Paynes bizarrem neuen Film über die Miniaturisierung der Welt, hat wenig mit Science Fiction und noch weniger mit Gesundschrumpfen oder »neuer Bescheidenheit« zu tun. Im Gegenteil. Sie illustriert lediglich nackten Zynismus, blanken Hohn: Zwei zwielichtige Typen mittleren Alters fläzen in Morgenmantel und Trainingsanzug auf einem großen hellroten Sofa, trinken Kaffee und rauchen Zigarre inmitten einer von einer recht ausgiebigen Party verwüsteten Wohnlandschaft. Die Szenerie eines dieser berühmten »Morgen danach«. Die Tassen wurden hochgehalten, und nicht wenige sind zerbrochen. Nun gilt es nur noch, die Beseitigung der Scherben zu delegieren. Ein klassischer Moment der Illustration sozialer Hierarchie, wie er immer wieder gern genommen wird: Wer lässt es sich mit Kaffee und Morgenzigarre gut gehen, wer räumt auf?

Die »Lebemänner« beschäftigen gleich ein ganzes Heer von Putzfrauen, eine von ihnen sticht heraus, eine vietnamesische Migrantin mit einem Holzbein (Hong Chau), in ihrer Heimat politische Aktivistin, Opfer von Regierungswillkür und Polizeigewalt. Als ebensolches war sie kurzfristig zu TV-Prominenz gelangt. Einer der beiden Lebemänner (der im Morgenmantel) wird gefragt, ob er denn wisse, wen er da beschäftige. »Natürlich doch«, sagt er, »das ist die berühmte Ngoc Lan Tran, die aus einem vietnamesischen Gefängnis geflohen ist, um jetzt bei mir die Wohnung zu putzen. America – big land of opportunity. Ha Ha Ha.« Sein Partner in crime stimmt in das fiese Lachen genüsslich ein. Hö Hö Hö. Ho Ho Ho. Einfach zu komisch.

Die inhärente Wahrheit dieses Lachens wird davon unterstrichen, dass es sich bei den Typen um Christoph Waltz und Udo Kier handelt, also genau jene beiden deutschen Schauspieler, die dem US-Film seit Jahren als Paradeexzentriker mit selten guten Absichten zur Verfügung stehen. Anscheinend wissen sie, worüber sie lachen. Das »Amerika der unbegrenzten Möglichkeiten«, in dem sich auch die partyverwüstete Wohnlandschaft befindet, ist übrigens ein total kontrolliertes Miniaturdesignhabitat für Minimenschen mit der programmatischen Ortsbezeichnung »Liesureland« (Lügen-Freizeitland). Endlose Lüge, Sicherheit und Freizeit für alle, während eine namenlose Unterklasse von Dienstboten einem den Dreck wegräumt. Wie es dazu wohl mal wieder kommen konnte?

Zunächst liegt »Downsizing« eine klassische Comic-Idee zugrunde. Manche mögen sich aus Kindheitstagen an die belgische Comic-Reihe »Les Petit Hommes« (dt. »Die Minis«, auch »Die Minimenschen) von Pierre Seron errinnern, die von Ende der 60er bis in die 80er erschien. Bei aller Tendenz zur Sozialsatire war das im Kern eine technologieoptimistische Ingenieursfantasie. Es ging um eine nach einem Meteoriteneinschlag miniaturisierte Provinzstadt, die eine Supertechnologie-Zivilisation herausbildet. Ihre Heldenfiguren waren ein Kampfjetpilot und der obligatorische geniale Erfinder.

Ob Alexander Payne von dem Comicklassiker gehört hat, kann ich nicht sagen. Das sozialsatirische Potential ungleicher Größenverhältnisse dürfte seit »Gullivers Reisen« kanonisch sein. Im Film hat die Menschheit die Möglichkeit, freiwillig auf eine Höhe von ungefähr zehn Zentimetern zu schrumpfen (die Größenverhältnisse werden etwa in einer Einstellung verdeutlicht, in der ein Erwachsener auf einer Kekspackung der in den USA einschlägigen Marke »ak-mak« sitzt wie auf einer Parkbank; mit das eleganteste »Product placement«, das ich seit langem gesehen habe). Die groteske Prämisse ist allerdings in Richtung all der neomalthusianischen »Talking points« verschoben, die im Mainstream reaktionären Denkens seit Dekaden sorgfältig gepflegt wurden: Grenzen des Wachstums, Überbevölkerung, Beschränktheit der Ressourcen usw. Endlich im wahrhaftigen Sinne kleinere Brötchen zu backen, ist der letzte Ausweg der Menschheit, behaupten im Film jene norwegischen Wissenschaftler, denen zu Beginn der Durchbruch zum Gesundschrumpfen gelingt. Gleich die zweite Einstellung ist der Laborratte gewidmet, dem klassischsten aller Opfer in reichlich Grotesken über farcenhafte soziale Experimente (»Qui êtes vous, Polly Maggoo«, William Klein, 1966; »Mon Oncle d’Amérique«, Alain Resnais, 1980). Und wie die Laborratten werden die der Miniaturutopie zugeführten Freiwilligen geschrumpft. (Der Film evoziert den Vergleich mit einer Fleischfabrik, die an anderer Stelle des Films zu sehen ist).

Man darf nicht vergessen, dass Skandinavien für das US-amerikanische mythologische Denken die protestantisch sozialdemokratische Musterutopie darstellt (es gibt so etwas wie Wissenschaft, Krankenversicherung und bezahlten Urlaub, und selbst die Gefängnisse werden nicht immer von Raubrittern geführt). »Downsizing« macht sich auch darüber lustig. Die Abendsonne der Zivilisation wird über einem Fjord untergehen. Soviel scheint sicher zu sein.

Vorher muss allerdings aus den »europäischen«(skandinavischen) Ideen von Planung und Weltverbesserung in der US-amerikanischen Version ein Konsum-Purgatorium (Fegefeuer) werden. Dort gibt es dann auch Wild-West-Europäer (die Christoph-Waltz-Figur z. B. ist Serbe, sein Motto »Die Welt braucht Arschlöcher, wo sollte denn sonst die ganze Scheiße rauskommen«), die als Schwarzmarktkapitalisten für Luxuswaren absahnen.

Für die geschröpfte untere Mittelklasse – exemplifiziert von einem Durchschnittsehepaar (Matt Damon und Kristen Wiig) – ist das Downsizing eine Utopie plötzlichen Wohlstands. In der mysteriösen Volkswirtschaft der Miniaturwelt sind nämlich die Werte aus unerfindlichen Gründen antiproportional zu ihrer physischen Größe (eines der vielen, vielen Löcher in dem Drehbuch, das nur wenige seiner Prämissen wirklich nachvollziehbar durchdacht durchführt). Klein sein, heißt plötzlich reich sein. Es sei denn, man ist eben wirklich arm. Auch dieses Konsum-Purgatorium kommt nicht ohne Elendsquartiere, Parias und Dienstbotenkaste aus. Es gibt auch hier die »großen Ideen« und das Elend der »anderen«, sei es das Europa von zynischen Marketendern oder apokalyptischen Masterplanern oder die christliche Barmherzigkeit einer »Dritten Welt« der Parias. Wie rührselig sinnsuchend so ein bescheidenes Kleinbürgerhirn in Gestalt von Matt Damon darauf reagiert, ist die eigentliche Katastrophe. Ökologischer Natur ist sie nicht.

»Downsizing«, Regie: Alexander Payne, USA 2017, 135 min, bereits angelaufen


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