Aus: Ausgabe vom 23.01.2018, Seite 10 / Feuilleton

Spieler, komm rüber

Nach Chicago, in den Blues (1). Anflug mit Butterstullen

Von Peter Wawerzinek
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Die Rezeption konfus reden: Congress Hotel, Chicago, Illinois, USA

Diesen Januar reist der Schriftsteller Peter Wawerzinek von Berlin nach Chicago. Dort lehrte er schon einmal drei Monate lang am College zum Thema »Wer hat Angst vorm weißen Blatt Papier?«. Jetzt möchte er wissen: Wie ist die Stimmung in der Bluesstadt im Trumpland? (jW)

Ein großer Moment. Die Wohnungstür schließen, Urlaub machen. Straßenbahn, Nahverkehrszug, alles fährt pünktlich. Viel zu früh am Flughafen. WOW heißt die Fluggesellschaft, die kenne ich nicht. Habe mich in Internet zu informieren versucht. Werde ich nie wieder machen. Das zieht einen echt runter, was die Leute so schmieren. Service müsste Schlimmvices heißen. Erst die Verspätung, dann den Anschluss verpasst. Kein Essen, kein Trinken, kein Dollar, kein Euro, nur Kartenzahlung möglich. Keine Beinfreiheit, keine Unterhaltung, nur ausländisches Personal. Ich spreche aber doch kein Isländisch, bin der englischen Sprache nicht mächtig.

Und dann ist alles gut. Wir werden abgefertigt wie bei jeder anderen Fluglinie auch. Alles geht glatt und professionell über die Bühne. Zeit geschenkt bekommen, letzte Postkarten zu adressieren und einzuwerfen, das Essen von zu Hause auszupacken, kauend die Leute zu besichtigen, die hin und her, auf und ab laufen. Soviel Mode und ach, so unglaublich verschiedene Typen.

In Richtung zu diesem Pub schlendern, unter welcher Gate-Nummer sie Chicago anzeigen. Ich tippe 63, meine Reisebegleiterin 62, die 61 wird es, wie im Lied von Achim Reichel die 17 gewinnt und auch gleich verliert. Spieler komm rüber, wandele ich den Text leicht ab und singe: Diese Reise hast du frei, und wenn du nichts mehr hast, bist du wirklich frei. Ich gebe mein allerletztes Amigeld für Chicago aus, kleine Maus. Das letzte Bier auf deutschem Boden, Guinness natürlich.

An Bord alles lila und paletti. So viele junge Leute, so aufgeregte Mädchengruppen, so coole Jungs mit ihren Freizeittechniken. Selbstverpflegung aus dem Einkaufsbeutel, Aufschrift Mecklenburg tut gut. Erst einmal Reykjavik. Mit der Butterstulle, dem hartgekochten Ei in der Hand, Gürkchen und Käsebällchen, die schneebedeckte Insel angucken. Berge, Gletscher, Seen, Flussläufe. Das Meer blendet die Augen. Die Hauptstadt. Das gläserne Gewandhaus. Die urige Kirche. Wenn es nur ginge, ich würde Island mit schneefester Tinte beschriften.

Mehr Zeit als eine Stunde ist da nicht zum Umsteigen in die nächste Maschine. Sie picken Franka (nun ist der Name genannt) heraus, führen sie in einen Sonderraum, suchen sie nach Sprengstoff oder Drogen ab. Die Hände nach oben, nach unten, die Arme ausgebreitet wischt man mit rätselhaften Papierstücken an ihr herum. Woran es nur liegt, fragt sie, dass man sie überall herausfischt? An deinem Schafstierfellmantel, der bis an die Knöchel reicht und diese John-Lennon-Sonnenbrille dazu. So einen Aufzug trägt mein Kumpel Uli aus Schwaan bei Bad Doberan zum Eisangeln. Der bindet sich zusätzlich einen schwarzen Gürtel um. Und sieht dann für die Leute wie eben aus einem russischen Panzer gesprungen aus, als wäre der Krieg gerade aus.

Wir fliegen sechs Stunden. Ein bisschen reden, dösen, aufessen, ehe wir endlich da sind, in USA. Kurzes Bammeln vor der Passkontrolle. Wir flutschen glatt durch und ruckeln, schunkeln, ächzen, rattern mit der alten silberigen Blue Line ins Zentrum der Stadt. Welcome Congress Plaza Hotel. Der Raum mit den zwei Riesenbetten, den sie uns anbieten, geht gar nicht. Also zack die Rezeption konfus geredet. Wir sind nicht verheiratet und müssen jeweils ungestört in einem Raum pro Person arbeiten, rede ich wie aufgezogen, dass Nicole der Kopf schwirrt, die helfen muss. Geht voll auf, die Taktik. Zimmer 281, zwölfter Stock. Diese Bude ist perfekt. Zwei Räume, eine Zwischentür, zwei Betten wie im Märchen, geschwungenes Holz, schmucke florale Intarsien. Alles doppelt bis aufs gemeinsame Bad für zehn Tage Chicago. Mit ach so vielen Vorhaben übervoll, möchte ich sagen. Blues heißt hier der Rock’n’ Roll. Und für den gibt es hier nur einen Namen: Buddy Guy’s Legends. Und wie der rasende Reporter sagt: Wir melden uns wieder, dann von Vorort.


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