Aus: Ausgabe vom 22.01.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Über Schwundstufen bürgerlicher Ideologie

Das neue Heft der Marxistischen Blätter: Schwerpunkt Irrationalismus

Von Arnold Schölzel
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Die Gegenaufklärung marschiert: Wahlplakat der AfD in Bayern

Am 15. Januar begann in Budapest der Abtransport des Lukács-Archivs mit unbestimmtem Ziel. Ein Akt der Barbarei, der nicht zufällig den Autor trifft, der das klassische Werk des Marxismus gegen den Irrationalismus geschrieben hat, die »Zerstörung der Vernunft«. Zufall und zugleich kein Zufall also, dass sich das neue Heft der Zweimonatszeitschrift Marxistische Blätter diesem Gegenstand widmet. Daniel Bratanovic unternimmt darin einen »Streifzug durch die Irrationalismen dieser Tage« bis hin zur »heute erreichten Schwundstufe«. Denn während sich Lukács vor allem mit Romantik, Nietzsche, Spengler oder Heidegger befasste, geht es heute vorwiegend um Esoterik und Aberglauben: »Aluhüte schützen, Bachblüten heilen und Chemtrails schaden«. Die Selbstoptimierung sei »ein Komplize des reibungslosen Betriebsablaufs kapitalistischer Gesellschaften«, insofern sich deren Subjekte als »innerlich aufgeräumte Ich-AGs der alltäglichen Konkurrenzsituation zu stellen vermögen«.

Claudius Vellay setzt sich in seinem Beitrag dafür ein, Lukács’ »Zerstörung der Vernunft« durch Einsichten aus dessen »Ontologie« zu ergänzen. Über den ideologisch-politischen Klassenkampf hinaus sei eine »Neubestimmung des Verständnisses von Vernunft, Vernunftlosigkeit und Unvernunft, Rationalismus und Irrationalismus nötig«. Werner Seppmann weist unter dem Titel »Die ›Normalität‹ des Irrationalen« auf den Zusammenhang von Krise, »sozialem Abwärtssog«, Protestartikulation und Weltanschauungsbedürfnis hin. An »irrationale Alltagsorientierungen« von Fremdenfeindlichkeit über Rassismus bis hin zu autoritären Politikmodellen könnten rechte Bewegungen wie die AfD »anschließen«.

In einer gehaltvollen Skizze zur Geschichte der bürgerlichen Wirtschaftstheorie kommt Klaus Wagener zum Schluss, von ihr sei »irrationale Apologetik auch der krassesten sozialökonomischen Missstände« geblieben. Holger Wendt beschreibt in einem materialreichen Aufsatz die »Interessenkonvergenz von Bourgeoisie und klerikaler Oligarchie«, die Grundlage für den Erhalt der Privilegien beider christlichen Großkirchen in der Bundesrepublik ist. Detailliert untersucht Valentin Hemberger Äußerungen von Alfred Rosenberg und Adolf Hitler über die Revolutionen von 1789 und 1917. Deren Wahnrhetorik etwa über angebliche »jüdisch-bolschewistische« Greuel in der Oktoberrevolution lebt offenkundig in der AfD-Hetze gegen Migranten wieder auf, bei Neonazis war sie nie verschwunden. Georg Klemp erinnert verdienstvoll an Hanns Eislers Formulierung von der »Dummheit in der Musik« als Reflex gesellschaftlicher Irrationalität. Das Heft ist ein wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit rechter Ideologie.

Marxistische Blätter, Heft 1/2018, 148 Seiten, 9,50 Euro. Bezug: Marxistische Blätter, Hoffnungstr. 18, 45127 Essen. Tel.: 0201/248 64 82, E-Mail: info@neue-impulse-verlag.de


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