Aus: Ausgabe vom 22.01.2018, Seite 8 / Ansichten

Brüchige Bündnisse

Türkischer Einmarsch in Afrin

Von Peter Schaber
RTX4FZ9K.jpg
Angriff auf kurdisches Gebiet: Rauch steigt nach türkischem Bombardement über Afrin auf (20.1.2018)

Artilleriebeschuss, massive Luftangriffe und der Einmarsch türkischer Truppen – Ankara hat einen großangelegten Militäreinsatz gegen die mehrheitlich von Kurden bewohnte und von ihnen selbst verwaltete Region Afrin im Norden Syriens begonnen. Die Invasion ist klar völkerrechtswidrig. Bombardiert werden häufig Wohngebiete, man will die Bevölkerung in Panik versetzen. Und von der türkischen Seite werden massenhaft Kämpfer islamistischer Banden eingesetzt.

Möglich wurde dieser Angriff deshalb, weil sich offenbar alle nennenswerten in den Krieg in Syrien involvierten Kräfte mit der Türkei auf einen Deal eingelassen haben. Russland zog seine Soldaten aus dem umkämpften Gebiet zurück und machte den Weg frei. Die USA verrieten erneut ihre »Bündnispartner«. Und Damaskus, das noch zwei Tage vor dem Beginn der von Ankara zynisch so genannten »Operation Olivenzweig« protzte, türkische Kampfflugzeuge abschießen zu können, holte keinen einzigen Jet vom Himmel.

Überraschend ist das alles nicht. Die kurdische Bewegung in Rojava war seit dem Beginn des revolutionären Prozesses 2011 taktische Bündnisse mit verschiedenen Kräften eingegangen, die um Einfluss in Syrien kämpfen. Man hat im Rahmen der »Anti-IS-Koalition« mit den USA zusammengearbeitet und in Afrin, Aleppo und Deir Al-Sor mit Russland. Das war eine richtige Taktik, eine andere gab es nicht.

Allerdings ließen sowohl die USA wie auch Russland dann und wann Recep Tayyip Erdogan gewähren, wenn es ihnen opportun erschien. Ein Beispiel dafür ist, dass die türkische Regierung im August 2016 Soldaten nach Syrien einmarschieren lassen konnte, die Dscharabulus und Al-Bab bis heute besetzt halten. Ein anderes: das Bombardement des Hauptquartiers der Volksverteidungskräfte( YPG) in Karacok im April 2017.

Die Revolution in Rojava ist eine rätedemokratische, sozialistische und feministische. Ein solches Projekt muss damit rechnen, dass seine Bündnisse mit Staaten wie den genannten, Gratwanderungen sind und ein Ablaufdatum haben. Niemand wusste das besser als die kurdische Bewegung selbst.

Worauf es jetzt ankommt, ist, dass jene die Revolution nicht im Stich lassen, die keine taktischen, sondern strategische Partner aus gemeinsamem Interesse sind: Die internationalistische Linke muss diese Revolution als ihre eigene begreifen und Druck machen. Wirklichen Druck. Jenseits von Presseerklärungen und empörten Statements im Internet.

Vor allem in Deutschland, denn dem SPD-CDU-Klüngel in Berlin kann nicht einmal Verrat vorgeworfen werden. Denn das Bundeskabinett stand immer treu an der Seite Erdogans. Just am Tag des Einmarsches in Afrin wurde bekannt, dass die deutsche Regierung plane, türkische Panzer modernisieren und nachrüsten zu wollen. Bilder zeigen »Leopard«-Panzer an der Grenze zu Syrien. Es ist zu hoffen, dass von ihnen nichts übrig bleibt, was man noch nachrüsten kann.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Christoph Vohland: Auf Konfrontationskurs Der sogenannte »Islamische Staat« (IS) war (…) nie etwas anderes als eine Bodentruppe der USA und der Türkei. Die Offenlegung entsprechender Dokumente wurde seinerzeit in den USA erzwungen. Das politi...

Ähnliche:

Mehr aus: Ansichten